Kat Rohrer: "Unsere Geschichten sind genauso relevant"

Kat Rohrer legt ersten Langspielfilm vor
Eine frisch von ihrem Mann verlassene Ärztin trifft auf eine promiskuitive, lesbische Iranerin: Mit "What A Feeling" legt die österreichische Regisseurin Kat Rohrer eine Komödie vor, in der das Leben einer Wiener Upper-Class-Familie gehörig durcheinandergewirbelt und kulturelle Unterschiede aus anderen Blickwinkeln beleuchtet werden. Im APA-Interview spricht sie über queeren Film in Österreich, Maßnahmen gegen Machtmissbrauch beim Film und ihr neues Filmprojekt.

APA: "What a Feeling" hat kürzlich auf der Diagonale seine Premiere gefeiert. Wie kam er beim Publikum an?

Kat Rohrer: Das Publikum scheint den Film zu mögen, und er scheint einen Nerv zu treffen, das freut mich natürlich.

APA: Wie ist es zur Idee für Ihren ersten Langspielfilm gekommen?

Rohrer: Proschat (Madani, Anm.) und ich sind ja schon lange befreundet, und wir hatten mal die Idee für eine Figur und ein paar Szenen, aber nicht wirklich eine Geschichte. Im Jänner 2020 bin ich in den Urlaub geflogen und wollte eigentlich im Flieger schlafen, aber als ich die Augen zu gemacht habe, ist mir wirklich die Geschichte gekommen. Das war sehr überraschend, das kenne ich so nicht. Und dann habe ich das im Urlaub aufgeschrieben und die Umsetzung auf später verschoben, da ich gerade an einem Drama gearbeitet habe. Aber dann kam die Pandemie, und der Dramenstoff war mir irgendwie zu heavy. Also habe ich mich stattdessen der Komödie gewidmet. Es war von Anfang an klar, dass Proschat die Rolle der Fa spielen wird. Auch Caroline (Peters, Anm.) hatte ich beim Schreiben bereits im Kopf, obwohl ich sie noch nicht persönlich kannte, aber ich habe sie immer für ihre physische Komödie bewundert.

APA: Hat sie gleich zugesagt?

Rohrer: Sie hatte Interesse, und ich habe vorgeschlagen, dass sich die beiden treffen und schauen, ob da eine Chemie ist. Gott sei Dank hat die Konstellation nicht nur in meinem Kopf gut funktioniert, sondern auch in der Realität.

APA: In dem Stoff stecken viele - im österreichischen Film nicht so typische - Themen: Lesbische Liebe, die Lebenswelt älterer Frauen und das Reiben des Migrationshintergrunds an der sogenannten Mehrheitsgesellschaft. Was war Ihr Zugang, all diese Themen in einen einzigen Film zu packen?

Rohrer: Es ging mir darum anzusprechen, wie man in einer Gesellschaft - in vielen Aspekten - Außenseiter sein kann und lernt, zu sich selber zu stehen und zu sagen: "Dann passe ich halt nicht hinein, auch nicht schlecht."

APA: Queere Filme sind in Österreich eher in einer Nische angesiedelt, Ihr Film entzieht sich in seiner Machart dieser Nische jedoch.

Rohrer: Ja, weil sie keine Nische sind! Queerness sollte keine Nische sein, weil wir alle Teil der Gesellschaft sind. Unsere Geschichten sind genauso relevant wie heterosexuelle Geschichten. Da ging es mir auch in erster Linie sehr stark um Repräsentation. Als ich mich in der Pandemie allein isoliert habe und sehr viel - auch österreichisches - Fernsehen und Netflix geschaut habe, habe ich Filme gesehen, die nichts mit mir zu tun haben oder den Problemen, die ich damals gerade durchgemacht habe. Ja, es gibt viele Coming of Age-Geschichten und die sind auch wichtig und super für die jungen Menschen, aber ich habe mir gedacht: Wer macht das für Frauen, die älter sind? Weil die Suche nach sich selbst hört ja (hoffentlich) nie auf.

APA: Woran liegt es, dass queeres Kino - anders als in den USA - in Österreich noch nicht in der Mitte angekommen ist?

Rohrer: Ich denke, die Leute, die Filme finanzieren, glauben, dass man damit nur ein gewisses kleines Zuschauersegment anspricht. Aber da unterschätzen sie das Publikum, glaube ich. Auch kommen Frauen über 50 selten in Hauptrollen vor, was ja irgendwie auch idiotisch ist, weil wenn wir auf die Studien schauen, sind es vor allem Frauen über einem gewissen Alter, die am meisten ins Kino gehen. Aber ich denke auch, dass "What a Feeling" nicht nur für Frauen ist. Ich bin überzeugt, dass auch heterosexuelle Männer das sehr interessant finden, weil sie irgendwann vergessen, dass es um zwei Frauen geht. Sondern es geht um zwei Menschen, die sich ineinander verlieben. Es ist eine Liebesgeschichte.

APA: Die Teenager-Tochter von Marie-Theres reagiert auf das Outing ihrer Mutter sehr verständnisvoll, fast schon beiläufig. Ist das ein gewisses Wunschdenken oder ist die jüngere Generation tatsächlich so aufgeschlossen?

Rohrer: Mir war wichtig, in dem Film verschiedene Generationen zu zeigen, weil der Umgang mit Homosexualität schon sehr viel damit zu tun hat, in welcher Altersgruppe man sich bewegt. Leute über 60 oder 70 tun sich damit schwerer, auch weil sie es wahrscheinlich in ihrer Umgebung nicht so stark wahrnehmen. Leute in meinem Alter haben sich schon mehr deklariert, obwohl es auch nicht leicht ist. Und bei Menschen unter 30 interessiert das niemanden mehr so groß, ob jemand nun lesbisch, schwul, bi oder hetero ist. Für die ist das komplett normal.

APA: Gleichzeitig reagiert Fas persische Mutter am Ende überraschend auf ihr Outing. Ist das realistisch?

Rohrer: Ich glaube, es ist schon realistisch. Manchmal machen wir uns mehr Ängste und Einschränkungen im Kopf, als dann wirklich da sind und geben den Leuten um uns herum nicht die Chance, uns so zu akzeptieren, wie wir sind, weil wir Angst haben, die Leute, die wir lieben, zu verletzen oder zu verlieren. Aber oft kann man den Menschen mehr zutrauen.

APA: Sie haben 20 Jahre lang in den USA gelebt. Wie steht es dort um den queeren Film?

Rohrer: Es gibt wahnsinnig viele. Ich denke da jetzt zum Beispiel an "Carol" mit Cate Blanchett. Das war ein Mainstream-Film. Ich denke jetzt an "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart, der auch überall läuft. Sie sagt, sie macht jetzt überhaupt nur noch queere Filme, weil da fühle sie sich am wohlsten. Und inzwischen hat auch fast jede Fernsehserie queere Figuren.

APA: Könnte "What a Feeling" so auch in New York spielen?

Rohrer: Ich glaube nicht, dass die Geschichte dort so funktionieren würde. In New York nicht. Vielleicht in den Südstaaten (lacht).

APA: Zuletzt hat eine NDR-Dokumentation über Machtmissbrauch im Film und am Theater für Aufregung gesorgt. Wie nehmen Sie die sich verändernden Ansprüche an das gemeinsame Arbeiten am Set wahr?

Rohrer: Mir ist das sehr wichtig. Bei "What a Feeling" hatten wir eine Intimacy-Koordinatorin, wurden von "#we_do" gebrieft und haben auch den "Code of Ethics" unterschrieben. Das ist natürlich nie eine Garantie, dass sich alle daran halten am Set, aber man tut sein Bestes. Wir waren auch ein Team mit 70 Prozent Frauen, da gab es null Disrespect. Es gab einen Moment mit einem Komparsen, aber den haben wir dann sofort entfernt und ihn nicht mehr ans Set gelassen. Ich glaube, es ist wichtig, ein Klima zu schaffen, wo sowohl die Schauspieler als auch das Team das Gefühl haben, sie können zur Produktion oder zu mir kommen und mir Sachen sagen, die ihnen auffallen. Weil natürlich ist Filmemachen sehr hierarchisch und mit sehr viel Stress und sehr wenig Zeit verbunden. Da trauen sich viele nicht, etwas zu sagen. Daher war es mir wichtig, dass jeder weiß, dass er jederzeit etwas sagen darf.

APA: Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie 2020 eigentlich an einem Drama gearbeitet haben. Werden Sie das Projekt wieder aufnehmen?

Rohrer: Ja, das ist mir ganz wichtig. Es ist ein Jugendfilm, in dem es vor allem um ein Mädchen geht, das sich mit Legasthenie rumschlägt. Auch ein Thema, von dem ich einiges verstehe (lacht). Zugleich arbeite ich auch ein einer historischen Serie, das braucht aber viel Zeit und Geld. Man muss ja immer ein bisschen parallel fahren mit den Dingen ...

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

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