APA - Austria Presse Agentur

"Kirschgarten" mit Schenk: "Bin der Welt abhandengekommen"

Er ist ein Überbleibsel der alten Zeit. Wie ein unnütz gewordenes Möbel wird er beiseitegeschoben und vergessen. Der alte Diener Firs passt nicht in die Pläne der neuen Generation, die sogar den Kirschgarten abholzen lässt, um Platz zu schaffen für neue, lukrativere Projekte. Die Josefstadt-Neuproduktion des "Kirschgartens" verfügt über die denkbar beste Besetzung der Rolle: Otto Schenk.

"Die Rolle hat schon irgendein seltsames Geheimnis. Man weiß nicht, und ich selber als Firs weiß es auch nicht: Was bemerke ich, was bemängle ich, wo renne ich weg, wo red' ich nur Phrasen? Tschechow drückt sich nie deutlich aus. Das ist sein Geheimnis", sagt der Josefstadt-Doyen im APA-Interview. "Und ich hab das ganz gern, dass ich mich nicht auskenn' auf der Bühne."

Tschechow selbst hat sich den Firs als 87-jährigen Greis vorgestellt. Otto Schenk ist 89 Jahre alt. Ein Phänomen. Eine lebende Legende. Ein Liebling gleich mehrerer Generationen von Wiener Theaterzuschauern. Wie ist das, noch einmal in einem großen Ensemblestück auf die Bühne zu gehen? "Das ist auch eine Sache des Adrenalins, das mir zur Verfügung steht. Ich habe ein gewisses Theateradrenalin und vielleicht auch ein bisschen ein Fernsehadrenalin, wenn das heute noch nützt. Und damit muss ich auskommen. Aber das funktioniert noch."

Die Josefstadt hatte ihrem ehemaligen Direktor, der das Haus 1988 bis 1997 geleitet hat, zum 88er eine Geburtstagsgala in den Kammerspielen ausgerichtet, zum 89. Geburtstag gab es eine Feier in den Sträußelsälen. Zum 90er am 12. Juni wird es wohl eine "Kirschgarten"-Festvorstellung geben - für Otto Schenk nicht die schlimmste Vorstellung, wenn man ihm beim Schwärmen über die Probenarbeit zuhört: "Es war eine himmlische Situation, umschwirrt von begabten Schauspielern, die mich gern haben und sogar - so schlimm das klingt - verehren. Es ist ja ein zuhörender Mann, den ich da spiele, also hab ich vor allem zugehört und war ganz begeistert von diesen jungen Leuten und dieser bezaubernden Regisseuse, die sich ganz auf mich und meine Art zu arbeiten eingestellt hat. Das hat mich angesteckt. Ich bin ansteckbar durch Talent und Begeisterung."

Die "Regisseuse", das ist die deutsche Theater- und Opernregisseurin Amelie Niermeyer, die mit ihrer ersten Sprechtheaterarbeit in Wien zugleich ihr Josefstadt-Debüt gibt. Wie gerne lässt sich ein Superprofi mit 72 Jahren Bühnenerfahrung von einer 35 Jahre jüngeren Regisseurin noch etwas sagen? "Leidenschaftlich gern!", kommt die Antwort ohne Zögern. "Wenn es die Schwingungen enthält der Wahrheitssuche und der Wahrheit und der Glaubhaftigkeitsmachung, dann sind wir sofort Schuster im selben Schuhmacherladen. Und Humor! Sie hat halt - leider, muss ich sagen - riesig viel Humor, und den nutz' ich aus." Warum leider? "Weil sie von ihrer Ernsthaftigkeit, die sie sich vorgenommen hat, abgelenkt erscheinen könnte." Verschmitzter Nachsatz: "Sie ist aber anscheinend ganz gerne abgelenkt..."

Niermeyer wird Anfang Februar an der Staatsoper die "Fidelio"-Urfassung "Leonore" inszenieren - und dort im Beethoven-Jahr 2020 mit Otto Schenks "Fidelio"-Inszenierung in Konkurrenz treten, die dann unglaubliche 50 Jahre auf dem Buckel haben wird. "Ich kann mich gerade bei der Inszenierung an relativ viele Details und Momente erinnern, vor allem an den Bernstein und in New York an den Böhm. Ich habe dort dieselbe Inszenierung gemacht mit denselben Gefühlsbedrohungen, Verschwörungen und Verstrickungen - aber in einem anderen Rahmen, mit einem anderen Bühnenbildner."

Neben "Fidelio" stehen in der laufenden Saison auch noch seine Inszenierungen der "Fledermaus", von Donizettis "L'elisir d'amore" und vom "Rosenkavalier" auf dem Staatsopern-Spielplan. "Ich muss meinem Stab sowohl in Wien als auch in New York unerhört danken, dass sie meine Wiederaufnahmen so Schenk-lebendig oder Schenk-genau oder -ungenau immer wieder am Leben halten in einer heroisch kurzen Zeit. Ich hoffe, dass die neue Direktion weiß, was sie da für Juwelen an arbeitenden Leuten, an ensemblebewachenden Leuten hat."

Er selber sei allerdings mittlerweile müde, gibt er zu. Die Schenk-Loge, deren Reaktionen von manchen Besuchern früher genauso scharf beobachtet wurden wie die Vorgänge auf der Bühne, ist verwaist. "Ich gehe nicht mehr gern ins Theater und will auch nicht beobachtet werden im Theater. Ich fühle mich nicht fähig zu kritisieren, eher zu bewundern. Ich bin der Welt abhandengekommen in dem Sinn. Und alles, was geschieht und was mit mir noch geschieht, ist ein Wundergeschenk, für das ich sekundenweise in große Freuden versetzt werde. Und auch in Ängste."

Gibt's ein "Wundergeschenk", das sich Otto Schenk zu Weihnachten vom Schicksal, vom lieben Gott oder vom Christkind wünscht? Die Antwort des seit 1956 mit seiner Frau Renee Verheirateten kommt ohne zu zögern: "Ja, dass ich mit meiner Frau noch viele glückliche Stunden oder, wenn's geht, Tage, und wenn's ganz gut geht, Jahre erleben kann."

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