APA - Austria Presse Agentur

Körperliche Grenzgänge bei den Wiener Festwochen

Nach einem über zweistündigen Workout beklatscht zu werden, fühlt sich scheinbar gut an. So ließen sich Donnerstagabend jedenfalls die Gesichter jener 15 nackten Männer deuten, die sich im Wiener Jugendstiltheater am Steinhof nach völliger körperlicher Verausgabung mit letzten Kräften verbeugten. Die portugiesische Regisseurin Mónica Calle hat sie zuvor ans Äußerste gehen lassen. Überzeugen konnte die Uraufführung von "Só eu tenho a chave desta parada selvagem" aber nicht.

Die letzte Premiere der diesjährigen Wiener Festwochen, die nach einem Zitat von Arthur Rimbaud ("Ich alleine halte den Schlüssel zu dieser wilden Parade") benannt ist, bedient sich bei einem der ikonischsten Werke der Tanzgeschichte: Igor Strawinskys "Le sacre du printemps". Aber nicht nur diese knapp 35 Minuten Musik werden in der Folge immer wieder und wieder, in einzelne Abschnitte zerteilt, wiederholt. Auch in den Bewegungen geht es vordergründig um eine sisyphosartige Drehung im Kreis.

Dabei beginnt alles denkbar unspektakulär: Aus dem Publikum erhebt sich ein bärtiger Mann in T-Shirt und kurzer Hose, betritt den völlig leer gefegten Bühnenraum und entledigt sich nach wenigen Momenten seiner Kleidung. 14 weitere Männer, alle von recht ähnlichem Alter und Statur, werden es ihm gleich tun. Im Adamskostüm geht es dann an die rückwärtige Wand, wo sich alle in einer Reihe aufstellen und in rhythmischen, an den Haka der Maori erinnernden Stampfschritten wieder nach vorne arbeiten. Ein einfaches, aber durchaus wirksames Bild.

Sukzessive werden danach mehrere Knäuel gebildet, aus ihnen ausgebrochen, die Flüchtenden aber sofort wieder eingefangen. All das passiert bereits zu den Klängen von "Le Sacre", allerdings sind es nur wenige Elemente, die tatsächlich einen Bezug herstellen. Stattdessen nutzt sich das Spiel aus Anziehung und Abneigung, das im Wechselbad aus zärtlich ausgeführten Küssen (sehr selten) und intensiver Männlichkeit (sehr oft) angedeutet wird, schnell ab.

Wenn nach einer knappen Dreiviertelstunde tänzerisch wie inhaltlich alles gesagt ist, dann biegt die "Wilde Parade" ganz in den Hochleistungssport ab. Es wird geschnauft und geschwitzt, was das Zeug hält, wobei man sich angesichts der immer wieder vorgetragenen Sprungfiguren ab einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich um die Gesundheit der Performer Sorgen macht. Der schweißnasse Boden sorgt nicht selten für rutschige Momente, und gegen Ende hin scheinen tatsächlich einige Grenzen überschritten, wird gehumpelt, gekeucht und jeder Schritt zur Qual.

Wieso Calle diese nackte Tour de Force erst (oder schon) bei 130 Minuten enden lässt, bleibt unklar. Eine Stunde früher wäre man als Betrachter wohl genauso schlau entlassen worden, und eine Stunde später der Applaus für die Leistung der 15 vielleicht noch enthusiastischer. So bleibt jedenfalls viel Respekt für die Männer auf der Bühne (und der aufrichtige Wunsch, dass die beiden weiteren Aufführungen verletzungsfrei vonstattengehen) sowie ein großes Fragezeichen, was Sinn und Ziel all dessen betrifft.

(S E R V I C E - "Só eu tenho a chave desta parada selvagem" bei den Wiener Festwochen. Regie: Mónica Calle. Mit: Afonso Gaspar, Gonçalo Egito, Guilherme Barroso, Hugo Nicholson, José Maria Brion Sanches, José Miguel Vitorino, Luís Elgris, Miguel Ferrão Lopes, René Mussenga Vidal, Rui Dias Monteiro, Tiago Mansilha, Victor Gonçalves, Johann Ebert, Marco Otoya und Peter Tilajcik. Unterstützung Tanz: João Lara. Licht: Mónica Calle, Renato Marinho. Sounddesign: João Sousa, Ana Nogueira. Weitere Aufführungen am 17. und 18. Juni (20.30 Uhr) im Jugendstiltheater am Steinhof, Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien. www.festwochen.at/so-eu-tenho-a-chave-desta-parada-selvagem)