APA - Austria Presse Agentur

Lebensversicherungen haben wegen hoher Kosten schlechten Ruf

Die Lebensversicherung kämpft seit Jahren mit einem schlechten Image: Hohe Kosten und kaum Ertrag führen dazu, dass viele Lebensversicherungen vorzeitig stillgelegt oder gekündigt werden. Doch die Anlageform sei besser als ihr Ruf, ist der Geldanlage-Experte Wolfgang Staudinger überzeugt. Auf fynup.at bietet der Vermögensberater einen Vergleichsrechner für Anlageformen und macht so Kosten transparent. Mit Arbeiterkammer und VKI arbeitet er seit Jahren bei Tests zusammen.

"Wenn man dir zu deiner neuen Veranlagung auch noch eine Autobahnvignette schenkt, dann wird das ziemlich sicher die teuerste Vignette deines Lebens", sagt Staudinger in einem Youtube-Video für seine Webseite. Seit Jahren kämpft er gegen die provisionsgetriebenen Vertriebsstrukturen in Österreich, die oft dazu führen, dass sich die Lebensversicherung für die Versicherung und ihre Vermittler, nicht aber für den Kunden oder die Kundin lohnt.

"Finanzberatung in Österreich ist scheinbar gratis, es gibt einen Kaffee und man wird umworben, es gibt Geschenke und alles ist super. Der Kunde werde in dem Glauben gelassen: 'Cool, das kostet alles nix'", schildert Staudinger im Gespräch mit der APA das Problem. Vielen Menschen sei nicht bewusst, was der Abschluss einer Lebensversicherung eigentlich kostet. Der wichtigste Tipp sei, das Angebot selbst zu verstehen versuchen und unabhängig prüfen zu lassen, so Staudinger.

Was Lebensversicherungen teuer macht, seien vor allem die hohen Abschlusskosten. Die Provision für die Beraterin oder den Berater bezahlt man über die monatlichen Prämien und diese beträgt meist 5 Prozent, kann aber auch 6 oder 7 Prozent der Prämiensumme ausmachen. Bei einem Vertrag, wo 35 Jahre lang monatlich 100 Euro einbezahlt werden, sind das bis zu 3.000 Euro, die der Berater mit Versicherungsabschluss erhält.

Besonders bitter aus Kundensicht sei es, wenn diese Abschlusskosten schon am Anfang der Laufzeit fällig werden, weil sie den Zinseszinseffekt schmälern und dafür sorgen, dass die Versicherung viele Jahre im Minus ist. Solche Versicherungsverträge, wo sämtliche Abschlusskosten aus der Summe aller geplanten Einzahlungen in den ersten fünf Jahren verrechnet werden, nennt man in der Versicherungsbranche gezillmert. Diese Verträge sollte man unbedingt meiden, rät Staudinger. Besser seien ungezillmerte Polizzen, wo sich die Vermittlerprovision auf die gesamte Laufzeit aufteilt, noch besser seien provisionsfreie Nettopolizzen, wo Versicherungsprämie und Berater-Honorar voneinander getrennt zu bezahlen sind.

"Bei fynup verrechnen wir für die Vermittlung eines Sparplans oder einer Nettopolizze eine Monatsrate, mindestens jedoch 300 Euro", erläutert Staudinger sein Geschäftsmodell. Ein wirklich gutes Geschäft sei das für ihn zwar noch nicht, aber "wir wollen ja ein bisschen ein Gamechanger sein und da muss man halt zu Beginn etwas investieren". Erst durch viel Automatisierung und eine große Anzahl an Kunden beginne sich der Vertrieb von Nettopolizzen zu rechnen. Die Basisberatung erfolge online durch Artikel und Videos. Ein daran anschließendes individuelles Beratungsgespräch rechnet Staudinger dann auf Stundenbasis ab, ebenso die Betreuung während der Vertragslaufzeit je nach Notwendigkeit. Gegenüber dem Provisionsmodell sei die Honorarberatung dem Kunden gegenüber fairer und transparenter, findet Staudinger.

Beim derzeit vorherrschenden Vertriebsmodell könne es einem nämlich passieren, so Staudinger, dass man einen Vertrag über 35 Jahre angeboten bekommt, auch wenn man eine kürzere Laufzeit wünsche. Das liege daran, dass der Berater so die Provision maximieren könne. Diese errechnet sich aus der Jahresprämie mal Laufzeit, jedoch maximal 35 Jahre. Die anfangs hohen Abschlusskosten führen dazu, dass die Versicherung selbst bei einer jährlichen Rendite von 7 Prozent 14 Jahre lang im Minus ist, rechnete Staudinger vor. Klassische Lebensversicherungen mit einer Renditeerwartung von 2 Prozent deckten oft nicht einmal bis zum Ende der Laufzeit die Inflationsverluste ab.

Wertpapierdepots seien, was die Kosten betrifft, im Vergleich zu Lebensversicherungen deutlich transparenter, so Staudinger, hätten aber einen klaren Steuernachteil gegenüber fondsgebundenen Lebensversicherungen. Im Depot zahlt man jährlich eine Kapitalertragssteuer von 27,5 Prozent auf die Gewinne, bei der Lebensversicherung sind die Erträge hingegen steuerfrei, stattdessen zahlt man 4 Prozent Versicherungssteuer bei der Einzahlung, sofern die Laufzeit länger als zehn Jahre ist. Berechnungen von fynup mit historischen Kursdaten zeigen, dass sich der Gewinn bei ein und demselben Fonds nach 45 Jahren nur durch optimierte Kosten und optimierte Steuern verdoppeln lässt.

"Die Grundformel lautet: Je länger die Laufzeit und je höher die Renditeerwartung, desto mehr spricht für die Fondspolizze", erklärt Staudinger. "Die Praxis ist leider genau umgekehrt: Wir sehen in der Fondspolizze meistens Mischfonds, also konservative Veranlagungen mit geringerer Renditeerwartung und der typische Aktiensparer ist beim Depot." Bei einer angenommenen jährlichen Rendite von 7 Prozent und einer monatlichen Einzahlung von 150 Euro beträgt die Differenz zwischen Depot und Fondspolizze nach 30 Jahren knapp 31.000 Euro.

"Manchmal wundert es mich, wie viel Zeit und Energie die gesamte Finanzbranche und auch private Anleger dafür aufwenden, den besten Fonds, den besten ETF, die beste Strategie zu finden, gleichzeitig aber die Möglichkeiten der Fondspolizze außer Acht lassen, meistens weil sie sie gar nicht kennen", so Staudinger.

Zusammenfassend lasse sich sagen, dass bei Lebensversicherungen die Steuern geringer sind, vorausgesetzt man macht Gewinne. Der Steuervorteil der Fondspolizze steige mit der Laufzeit und Höhe der Rendite. Da Lebensversicherungen von den Kosten her tendenziell teurer sind als beispielsweise Online-Wertpapierdepots, wird ein Teil des Steuervorteils zunichtegemacht. Ein Vergleich aller Kosten und deren Auswirkungen auf die Performance, dargestellt in einer Kurve, gibt Auskunft, ab wann und bei welcher Rendite die Fondspolizze das Depot schlägt. Bei unter fünf oder zehn Jahren Laufzeit fährt man meist mit dem Depot besser, über 15 Jahren gewinnt meist die Fondspolizze.

Bei der Fondspolizze lasse sich im Übrigen bei geschickter Vertragsgestaltung und guter Beratung auch ein etwaiges Erbe gut regeln, insbesondere bei Patchwork-Familien und Reichen. "Das ist bei vermögenden Kunden oft sogar mehr Thema als die Steuer", so Staudinger. Ein wichtiges Thema sei auch die sogenannte Genussphase nach den Einzahlungen in der Sparphase. Wer sich in der Pension monatlich lediglich den benötigten Teil des angesparten Kapitals auszahlen lasse, sorge dafür, dass der Rest des Geldes weiter steuerfrei veranlagt wird, erläutert Staudinger.

Zurück zum Steuervorteil: Dieser komme bei klassischen und konservativen Lebensversicherungen im Gegensatz zur Fondspolizze nicht zum Tragen, weil die Rendite, auch aufgrund des derzeitigen Zinsumfelds, zu niedrig sei, so Staudinger. Eine Trendumkehr ist auch nicht in Sicht, im Gegenteil: Mitte 2022 sinkt der Garantiezins in Österreich von 0,5 auf 0,0 Prozent. Dennoch machen klassische Erlebensversicherung weiter den Löwenanteil der Versicherungsbranche aus. 2020 lagen in Österreich 4,8 Mrd. Euro in Lebensversicherungen, davon nur 780. Mio. Euro in Fondspolizzen.

Dass eine klassische Lebensversicherung heutzutage nicht mehr oder sogar weniger abwirft als ein Sparbuch mit 0,0 Prozent Zinsen, und die Leute das merken und dann entsprechend sauer sind, sei der Grund, warum das Produkt Lebensversicherung in der Krise stecke, ist Staudinger überzeugt. "Wir haben das mal in eine Formel gepackt und die heißt: Kapitalgarantie mal Zillmerung ist gleich doppelter Verlust." Im derzeitigen Zinsumfeld könne man eine klassische Lebensversicherung nicht guten Gewissens empfehlen. Warum dann dennoch fast jede zweite neu abgeschlossene Lebensversicherung eine klassische ist? "Erstens, die Provision für den Vermittler und zweitens, die Unwissenheit des Konsumenten." Das Provisionsmodell sei nur gut gegangen, solange es hohe Zinsen gab und die Kosten nicht aufgefallen beziehungsweise nicht so stark ins Gewicht gefallen seien. Staudinger zitiert dazu die amerikanische Investoren-Legende Warren Buffet: "Wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer nackt geschwommen ist."

Die Probleme seien in der Branche schon länger bekannt. In einem Interview habe der Vorstand einer Versicherungsgesellschaft kürzlich eingeräumt, dass bei ihnen ein Lebensversicherungsvertrag - trotz Laufzeiten von 30 oder 35 Jahren - im Durchschnitt bereits nach acht Jahren endet, also zurückgekauft wird. Das sei auch für die Versicherungen auf Dauer nicht gut, so Staudinger. "Meiner Meinung nach stehen wir am Beginn einer Transformation hin zur Honorarberatung." Die EU-Wertpapieraufsicht ESMA drängt schon länger in diese Richtung, Widerstand kam vor allem aus Deutschland und Österreich, doch die neue Ampel-Koalition in Deutschland prüft nun ein Provisionsverbot für Finanzprodukte.

Staudinger verweist auf Studien, die zeigen, dass in Ländern mit Provisionsverboten wie Schweden die Konsumenten besser beraten werden und die Produkte höherwertig sind. Dass es für die Branche Handlungsbedarf gebe, zeige auch der Trend, dass viele junge, gebildete Erwachsene sich selbst Finanzwissen aneignen, etwa mit den Büchern von Gerd Kommer, und dann auf Online-Depots mit Indexfonds (ETFs) setzen und Lebensversicherungen links liegen lassen. "Das ist die Marktlücke, die wir mit unserem Tool schließen möchten", so Staudinger. Im Vergleichsrechner von fynup sind alle in Österreich verfügbaren Fonds hinterlegt und mit den jeweiligen Finanzprodukten und deren Kosten verknüpft. Die Datenbank umfasst mehr als 50.000 Kombinationen. fynup ist vor sechs Jahren als Software-Start-up gegründet worden, an Bord sind neben den drei Gründern ein Investor.