Leopold Strobl, vom Künstleratelier Gugging zur Biennale

Leopold Strobl 2015 im Atelier Gugging
48 Seiten umfasst die Zeitung "STROBL Daily", und die auf Glanzpapier abgedruckten News kommen aus New York, Paris und Venedig ebenso wie aus Mistelbach, Poysdorf und Kritzendorf. Das Druckwerk promotet das Werk des Künstlers Leopold Strobl, und die Hälfte der Auflage von 10.000 Stück ging kürzlich in Paris weg wie die warmen Semmeln. Die Galerie Gugging zeigte Strobl auf der Art Paris gemeinsam mit Oswald Tschirtner. Nächste Woche ist er auf der Biennale Venedig zu sehen.

Der 1960 geborene Mistelbacher ist neben dem in Wien lebenden Steirer Oliver Ressler, der in Bologna lebenden Greta Schödl und der 2009 in Nigeria verstorbenen gebürtigen Grazerin Susanne Wenger der einzige Österreicher auf der 332 Positionen umfassenden Künstlerliste der Hauptausstellung der 60. Kunstbiennale. Als Kurator Adriano Pedrosa auf seiner Forschungsreise nach Gugging kam, sei er sofort von den Arbeiten Strobls fasziniert gewesen, erzählt Galerie-Leiterin Nina Katschnig beim APA-Besuch in dem durch das "Haus der Künstler" seit den 1980er-Jahren weltberühmten Areal. In Pedrosas Konzept für die Schau "Stranieri Ovunque - Foreigners Everywhere", die Außenseiter und Autodidakten, Volkskünstler und indigene Künstler, die oft als Fremde im eigenen Land behandelt werden, in den Mittelpunkt stellt, passt Strobl ausgezeichnet.

Wobei es sich bei Strobl genau genommen nicht um einen "Gugginger Künstler", sondern um einen seit 2002 regelmäßig im Atelier Gugging arbeitenden, seit 2016 von der Galerie Gugging vertretenen und seit 2021 im Museum Gugging ausgestellten Künstler handelt. Er hat zwar unzählige psychiatrische Behandlungen hinter sich, war aber nie im vollbetreuten Wohnen wie die hier lebenden 14 Kolleginnen und Kollegen aus der dritten und vierten Generation, noch ist er wie die erste Generation der "Gugginger" von Psychiater Leo Navratil im Rahmen der Therapie zum Zeichnen angeregt worden. "Er sagt, dass er sich schon im Kindergarten für Kunst und künstlerisches Schaffen interessiert hat", sagt Nina Ansperger, die Direktorin des Museum Gugging.

Das Museum widmet Strobl, der seit 2019 an seinen Wohnsitzen in Poysdorf und Kritzendorf arbeitet, in der laufenden Ausstellung "gugging.! classic & contemporary UPDATE" einen eigenen Raum mit 45 Werken seiner aktuellen Schaffensperiode. Nach verschiedensten anderen Werkphasen arbeitet Strobl nun seit zehn Jahren mit aus Zeitungen ausgeschnittenen Fotos, die er übermalt. "Er verwendet dazu drei Farben Gelb, Grün und Schwarz. Jeden Tag sucht er sich ein Foto aus und setzt sich an die Arbeit", berichtet Katschnig von jener Struktur, mit der Strobl Künstler seine Angstzustände in Schach hält. Sie telefoniert täglich mit dem Künstler und wird ihn auch bei der Eröffnung in Venedig vertreten. "Er weiß, was die Biennale für eine Bedeutung hat und freut sich sehr. Aber der Eröffnungswirbel ist ihm zu anstrengend. Vermutlich wird er später mit seinem Sohn nach Venedig fahren, um sich das anzuschauen."

Was genau aus der seit einem Jahrzehnt anhaltenden Werkphase Strobls in Venedig zu sehen sein wird, ist noch ein Geheimnis. In Gugging sind die Kleinformate, die er jeweils mittwochs vorbeibringt, sehr schön präsentiert und strahlen eine geheimnisvolle Aura aus. Strobl konturiert und färbt, vor allem aber bringt er mit schwarzer Schraffur "jene Dinge zum Verschwinden, die ihn stören", erklärt Ansperger die schwarzen, mitunter Hinkelstein-artigen Blöcke, die in Landschaften oder vor Gebäuden stehen. Was sich hinter den "Überformungen" verbirgt, enthüllt sich mitunter im Streiflicht: Jäger, Radfahrer, Kletterer oder Panzerfahrzeuge etwa. "Seine Zeichnungen sind auch eine Chronik des Zeitgeschehens", sagt Katschnig, die in der Galerie Strobls Zeichnungen zu Preisen zwischen 2.500 und 7.000 Euro anbietet. Viele Privatsammler haben bereits zugeschlagen, auch in portugiesischen und französischen Art Brut Collectionen sowie in den Landessammlungen Niederösterreich ist er vertreten.

"Wir verkaufen Strobl sehr gut, weil seine Arbeiten sich gut in die zeitgenössische Kunst einfügen." Auch in New York und Paris finde er über Partner-Galerien Abnehmer, selbst das MoMA hat schon im Jahr 2018 einige Arbeiten Strobls angekauft. Die Galerie sorgt für Professionalisierung, teilt sich den Erlös und sichert dem Künstler ein Einkommen. Dieses Konzept der Galerie Gugging, das zur Reintegration der Künstler beitragen soll, funktioniert bei Leopold Strobl vorbildlich. "Seit ein paar Jahren kann er davon leben", sagt Katschnig.

Außer einer mehrjährigen Anstellung bei der Gemeinde Poysdorf konnte Strobl infolge seiner Erkrankung und seiner unzähligen Klinik-Aufenthalte keiner geregelten Arbeit nachgehen. Die Anerkennung seiner Arbeit im In- und Ausland mache ihn nicht nur stolz, sondern helfe dem sehr zurückhaltenden Künstler auch dabei, in seinem Heimatort, wo er lange als Sonderling gegolten habe, akzeptiert zu werden, freut sich Katschnig: "Er ist ein feiner Mensch, der Herr Strobl!"

In der informativen Künstler-Zeitung "STROBL Daily", die zugleich eine Hommage an das Ausgangsmaterial der Arbeiten bildet, sind nicht nur viele Werke Strobls abgebildet, sondern auch Gedanken des Künstlers zu seinem Schaffen nachzulesen. "Mit dem Zeichnen kann ich alles, was ich fühle, ausdrücken, und wenn ich will, dass es nicht jeder weiß, so mache ich es verschlüsselt", sagt er da, oder: "Die Probleme des Lebens sind für die Zeit des Malens, und auch für einige Zeit danach, ganz verschwunden."

(S E R V I C E - https://www.museumgugging.at; https://galeriegugging.com/ ; https://www.labiennale.org ; Am 5. Mai, 15 Uhr, ist Gisela Steinlechner, Autorin des Strobl-Beitrags im Biennale-Katalog, bei der Veranstaltungsreihe "museum gugging im gespräch" zu Gast.)

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