Märchen und Albtraum: "Doktor Garin" von Vladimir Sorokin

Vladimir Sorokin legt einen neuen Roman vor
Die Zeit arbeitet für Vladimir Sorokin. Bei kaum einem anderen Autor ist diese Feststellung allerdings so deprimierend. Sorokin steht für wüste Zukunftstrips durch eine grausame Welt, in der sich mittelalterliches Verhalten und technologische Innovationen zu einem ungesunden Cocktail vermischen. Ein Szenario, wie er es in seinem 2021 erschienenen und nun auf Deutsch erhältlichen Roman "Doktor Garin" entwirft, wird immer vorstellbarer. Gekämpft wird mit Äxten und Atombomben.

Wer das Werk des 68-jährigen Russen, der in seiner Heimat in der Vergangenheit immer wieder Angriffen ausgesetzt war und heute in Berlin lebt, schon länger verfolgt, wird Doktor Garin schon 2012 in Sorokins Roman "Der Schneesturm" begegnet sein. Damals versuchte er sich mit dem rettenden Impfstoff in ein Dorf durchzuschlagen, in dem eine Seuche die Bewohner zu Zombies machte. Manche Details von damals, von "lebendgebärenden" Stoffen bis zu Zwergen, Riesen und biomorphologischen Neuschöpfungen, begegnen einem nun wieder.

Garin, dem seine abgefrorenen Füße durch Titanprothesen ersetzt wurden, leitet nun eine Spezialklinik im Altaigebirge. Ganz speziell sind vor allem die V.I.P.-Patienten. Sie heißen Donald, Wladimir, Emmanuel und Angela, Silvio, Shinzo, Boris und Justin. Es sind nicht exakt jene einstigen Weltpolitiker, an die man sofort denken muss, sondern genetisch verfremdete Nachzüchtungen, die als "political beings" nur aus riesigen Hinterteilen mit Extremitäten bestehen, allerdings alle Allüren ihrer Vorbilder aufweisen und sich Vorwürfe gefallen lassen müssen, es mit der Welt so richtig versch... zu haben.

Sorokins literarische Fantasie ist mitunter orgiastisch und obszön - doch nicht obszöner als die Wirklichkeit, würde er wohl entgegenhalten. Wenn Wladimir auf alles und jedes nur mit seinem Stehsatz "Ich war's nicht" antwortet, Silvio einen Widersacher in einer Ehrensache zum Duell fordert und ersticht, Donald vor allem mit rüdem Umgangston und lautem Furzen auffällt, dann sind das Erfindungen, die eindeutig von den Vorbildern inspiriert sind.

Das etwas über 100 Seiten lange erste Kapitel ist der originellste und überzeugendste Teil des fast 600-seitigen Romans. Der seltsame Sanatoriumsalltag im Altaigebirge, bei dem eine Art Elektroschocktherapie eine wichtige Rolle spielt, wird durch ein Grenzscharmützel beendet, das mit Atombomben ausgetragen wird. Garin flieht mit Ärzten, Patienten und seiner geliebten Assistentin Mascha auf riesigen Biorobotern, die wegen der Ähnlichkeit ihres kantigen Gesichts mit dem bekannten russischen Dichter "Majakowskis" genannt werden.

Es beginnt ein Roadtrip ohne befestigte Straßen, durch eine Landschaft, in der mit Raketenwerfern bestückte Banditen noch das Harmloseste sind, das einem begegnen kann. Nicht zufällig erinnern die Verhältnisse in Sorokins Zukunft an die Verheerungen des Dreißigjährigen Kriegs, in denen Hungersnot und das Gesetz des Stärkeren regieren und Willkür und Anarchie herrschen.

Wer Glück hat, wird von einem lokalen Herrscher wie an einem Fürstenhof bewirtet und beherbergt, wer Pech hat, landet als Sklave in einem Arbeitslager der "Zottelorks", übel riechenden Mischwesen, die einst einem Frankenstein'schen Labor entsprangen und sich in Sümpfen rasend schnell vermehren. Doktor Garin kann sich zumindest glücklich schätzen, mit dem Leben davonzukommen. Und ganz am Ende wieder auf seine Mascha zu treffen. Auch wenn sich diese ziemlich verändert hat...

(S E R V I C E - Vladimir Sorokin: "Doktor Garin", übersetzt von Dorothea Trottenberg, Kiepenheuer & Witsch, 592 Seiten, 26,80 Euro, Lesungen am 28.2., 19.30 Uhr, im Literaturhaus Salzburg, und am 29.2., 19 Uhr, in der Hauptbücherei Wien)

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