Mo Harawe feiert in Cannes Premiere: "Zeigen, wie es ist"

Mo Harawe zeigt seinen neuen Film in Cannes
Gleich mit seinem ersten Langspielfilm "The Village Next to Paradise" hat es Mo Harawe ins Cineastenparadies Cannes geschafft. Heute, Mittwoch, startet er Richtung Côte d'Azur. Doch kurz vor seinem Abflug schwebt der in Somalia geborene Wahlwiener keineswegs im siebenten Himmel. "Das Festival ist Teil der Arbeit. Ich mache alles, was dem Film nützt. Und klar: Die größte Aufmerksamkeit bekommt er in Cannes", analysiert er nüchtern im Gespräch mit der APA.

Die bisherige Filmliste des 1992 in Mogadischu geborenen Regisseurs ist beeindruckend und reicht von dem siebenminütigen "Wait a minute" bis zu "Life on the Horn" (2020) und "Will My Parents Come to See Mee" (2022), den beiden 25- bzw. 28-minütigen Kurzfilmen, die seinen internationalen Durchbruch samt Auszeichnungen und Festivaleinladungen bedeuteten. War sein erster Langfilm daher nur eine Frage der Zeit? "Ich wollte schon vor Jahren meinen ersten Langfilm drehen", sagt Mo Harawe. Doch sein Drehbuch "Nach Mogadischu", das die Fluchtbewegung umdrehte und einen Migranten der Liebe wegen in seine Heimat zurückkehren lässt, blieb unverfilmt. "Ich weiß eigentlich nicht wirklich, warum es diesmal geklappt hat. Es spielen dabei so viele Faktoren eine Rolle. Glück ist einer davon."

Glück. Schicksal. Harawe klingt bescheiden, fast ratlos, wenn man ihn danach fragt, wie ein junger Mann aus einem Land, in dem es kaum eine Filmszene gibt und das in den Rankings der ärmsten Länder regelmäßig ganz am Ende zu finden ist, zum Filmregisseur wurde. In Somalia gebe es durchaus eine Literatur- und Theatertradition, erzählt er, "aber ich weiß nicht, in welchem Moment ich entschieden habe, Filme drehen zu wollen. Ich war auf einmal mitten drinnen - und dann gab es keinen Weg zurück. Ich habe für das Erzählen eine Sprache gesucht, die universell ist."

Mit 17 flüchtete er aus Somalia, blieb in Österreich hängen (Mo Harawe, lächelnd: "Schicksal!") und fand hier zum Film - nicht allerdings in entsprechende Ausbildungen. Zweimal bewarb er sich an der Filmakademie Wien, zweimal wurde er abgelehnt. Also ging er den Weg des "Learning by doing". Dass er später ein Studium an der Kunsthochschule Kassel absolvierte, habe keine praktischen Gründe gehabt, erzählt er. "Was ich handwerklich zum Filmemachen gebraucht habe, wusste ich da schon. Ich hab dann eher aus Gründen der Horizonterweiterung studiert - und natürlich ist es nicht schlecht, einen Abschluss zu haben."

Dass er Filmdramaturgie und ungewöhnliche Bildsprachen beherrscht, zeigt "The Village Next to Paradise" auf eindrucksvolle Weise. In ruhigen Einstellungen zeigt er den herausfordernden Alltag einer Familie in einem somalischen Dorf, ohne ein besonderes Drama daraus zu machen, und gibt seinen Protagonisten - ein vorwiegend als Totengräber arbeitender Gelegenheitsarbeiter, seine bei ihm wohnende Schwester und sein kleiner Sohn - viel Raum. Dahinter stecke kein bestimmtes Konzept, erklärt der Regisseur. "Wichtig ist mir aber, dass ich die Zuschauer nicht nur auf einer inhaltlichen Ebene, sondern auch auf der Gefühlsebene erreiche. Ich muss dafür ein Vertrauen aufbauen, damit sie mir bzw. meinen Figuren folgen. Respekt ist dabei sehr wichtig. Es geht um Menschen. Das ist das Wichtigste. Es war mein Ziel, eine universelle Geschichte zu erzählen."

Sehr spezifisch ist dagegen der Hintergrund, der subtil, aber ständig vorhanden ist - etwa in einer Tonspur, in der Militärjets immer wieder für Lärm sorgen, oder die Einlieferung von Verletzten und Opfern eines Drohnenangriffs nur als Geräuschkulisse präsent ist, weil der Bub brav, wie dem Vater versprochen, seine Augen zuhält.

Gedreht wurde in Somalia. "Rund 70 Prozent des Teams waren Somalier, teilweise auch aus der Diaspora. Alle Protagonisten standen das erste Mal vor der Kamera - haben aber wie Profis einen fantastischen Job gemacht." Schon zum dritten Mal ist Mo Harawe, der mittlerweile die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, zum Drehen in sein Heimatland zurückgekehrt. "Ich bin privilegiert. Ich kann jederzeit wieder raus. Das verändert natürlich die Perspektive. Ich habe den Eindruck, vieles ist besser geworden. Aber ich kann nicht alles sehen. Ich kann nur erahnen, was schiefläuft. Aber ich sehe, dass die Leute nicht aufgeben und nicht ohne Hoffnung sind. Sie spüren trotz allem eine Freiheit und verstehen es, sie zu nützen."

Auch sein Film, der kommenden Dienstag in der Schiene "Un certain regard" Weltpremiere feiert, zeigt diese Ambivalenz. Er zeigt nicht den failed state, aber das nach wie vor herrschende Clan-System. Er zeigt selbstbewusste Frauen - die nie auf die Idee kämen, ihr Kopftuch abzunehmen. Er zeigt einen liebenden Vater, der seinen Sohn gegen dessen Willen (und gegen seine finanziellen Möglichkeiten) in ein Internat gibt, weil das nach dem Schließen der örtlichen Schule die einzige Chance ist, ihm eine Zukunft zu ermöglichen.

"Jede Entscheidung, die die Menschen treffen, ist von diesem spezifischen Hintergrund beeinflusst", sagt der Regisseur, der diesen Background in seinen zwei Vorgängerfilmen ausgeleuchtet hatte: "Life on the Horn" zeigte eine Vater-Sohn-Geschichte in einer von illegalen Giftmüllentsorgungen verseuchten Küstenlandschaft, "Will My Parents Come to See Mee" einen jungen Mann in der Todeszelle. "The Village Next to Paradise" zeigt nun die Alltagssorgen - und immer wieder neue Versuche, ihnen zu begegnen. "Der ganze Film ist ein Versuch zu zeigen: Egal, wie schwer es sie haben - diese Menschen stehen auf und gehen weiter", sagt Mo Harawe. "Ich will zeigen, wie es ist - ohne zu sagen, es gibt keine Probleme. Die gibt es. Sie kommen von außen und von innen. Aber dazwischen sind Menschen. Einfach Menschen."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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