Monika Henzinger räumt "Austro Nobelpreis" in "uncoolem" Fach ab

Henzinger hat mit dem Wittgensteinpreis viel vor
Monika Henzinger räumt einen Förderpreis nach dem anderen ab – am Dienstag den Wittgenstein-Preis, Österreichs höchstdotierten Wissenschaftspreis.

Schon als Schülerin eines Mädchengymnasiums war für sie klar, dass Mathematik und Informatik ihre Gebiete waren, auch wenn das ziemlich "uncool" gewesen sei, wie Monika Henzinger einmal sagte. Doch sie blieb ihrem Interesse treu und legte damit eine coole Karriere als Informatikerin hin.  

Sie war sogar Chefin der Forschungsabteilung von Google und räumt nun einen Preis nach dem anderen ab.

Henzinger ist seit 2009 als Professorin im Bereich Theorie und Anwendungen von Algorithmen an der Universität Wien tätig. Sie gilt als Expertin für kombinatorische Algorithmen, Datenstrukturen und Suchmaschinen und verbindet dabei Grundlagenforschung mit technologischer Anwendung. "Für mich ist die Informatik etwas, wo sich die Sachen bewegen, wo die Zahlen ihre Plätze verändern, während die Mathematik eher etwas statisches ist", sagte sie anlässlich der Verleihung des Preises der Stadt Wien für Naturwissenschaften (2018).

Effizientere Algorithmen sparen Zeit und Energie

Einer ihrer Schwerpunkte liegt in der Erforschung und Entwicklung von sogenannten "Netzwerk- bzw. Graph-Algorithmen". Dabei sind ihr mehrere Durchbrüche bei der erstmaligen Berechnung von Problemen und bei deren Optimierung gelungen. Sie verfolgt dabei das Ziel, effizientere Algorithmen zu entwickeln, um weniger Computerzeit und Speicherplatz für die Lösung bestimmter Probleme zu benötigen und dadurch weniger Energie und Rohstoffe zu verbrauchen.

Schon früh in ihrer Karriere beschäftigte sich Henzinger mit Algorithmen für computergestützte Suchabfragen und Web Mining. Es gelang ihr, Hyperlinkanalysen mit textbasierten Methoden zu kombinieren, Ähnlichkeiten von Internetseiten zu berechnen, einen besseren Algorithmus für Webpage-Rankings zu generieren und sogenannte Sponsored Search-Auktionen (darauf basiert der Verkauf von Werbung auf Suchmaschinen bei einer Suchanfrage, Anm.) weiterzuentwickeln.

"Uncooles" Interesse an Mathematik

Geboren am 17. April 1966 in Weiden in der Oberpfalz (Deutschland) besuchte sie in ihrem Heimatort das Elly-Heuss-Gymnasium, wo sie trotz ihres "uncoolen" Interesses für Mathematik und Informatik immer ermutigt worden sei, diesen Weg zu gehen. So studierte sie Informatik an der Uni Erlangen und später an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. 1993 wurde sie an der Princeton University (USA) mit einer Arbeit über dynamische Graphenalgorithmen und ihre Datenstrukturen promoviert. Sie blieb in den USA, zunächst an der Cornell University und dann in der Forschungsabteilung der Digital Equipment Corporation im Silicon Valley, bevor sie 1999 Professorin für Informatik an der Universität des Saarlandes wurde.

Doch schon ein Jahr später kehrte sie ins Silicon Valley zurück und wurde Leiterin der Forschungsabteilung von Google. Bis 2004 hat sie die Algorithmen der Suchmaschine immer wieder optimiert und hat damit deren Aufstieg mitgeprägt. 2005 nahm sie einen Ruf an die Eidgenössisch Technische Hochschule Lausanne (EPFL) in der Schweiz an. Mit ihrem Mann, dem Informatiker Thomas Henzinger, der 2009 Präsident des neugegründeten Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg (NÖ) wurde, wechselte sie dann nach Österreich und übernahm eine Professur für Computational Science, Algorithmik und Informations- und Kommunikationstechnologie an der Universität Wien. Sie kann mittlerweile auf über 200 wissenschaftliche Artikel und über 80 Patente zurückblicken. In den kommenden sechs Monaten wird Henzinger im Rahmen des "Distinguished Visiting Austrian Chair Professorship" an die Stanford University (USA) gehen.

Die 55-jährige Wissenschafterin hat bereits zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten. Dazu zählen ein Career Award der National Science Foundation (NSF; 1995), ein Top 25 Women on the Web Award (2001), ein European Young Investigator Award (2004), ein Google Research Award (2011), die Ehrendoktorwürde der TU Dortmund (2013), die Ernennung zum Fellow der European Assocation of Theoretical Computer Science (EATCS; 2014) und zum Fellow der Association of Computing Machinary (ACM; 2016), der SIGIR Test of Time Award (2017), der Preis der Stadt Wien für Naturwissenschaften (2018) und die Carus-Medaille der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2019), deren Mitglied sie seit 2014 ist. Zudem ist sie Mitglied der Academia Europaea und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Die Expertise Henzingers ist auch in der Politik gefragt: Sie war 2014 Mitglied im Science and Technology Advisory Council der Europäischen Kommission und ist Mitglied im Österreichischen und im Schweizerischen Wissenschaftsrat. Zudem ist sie Aufsichtsratsmitglied beim Mikroelektronikhersteller ams AG.

Bereits 2013 erhielt die Mutter von drei Kindern einen hochdotierten "Advanced Grant" des Europäischen Forschungsrats (ERC), um effizientere Algorithmen für Aufgaben zu entwickeln und in konkreten Anwendungen umzusetzen, die auf graphalgorithmischen Problemen beruhen. Heuer erhielt sie den zweiten derartigen, mit bis zu 2,5 Mio. Euro dotierten ERC-Förderpreis. Diesmal geht es in ihrem Forschungsprojekt um den Schutz der Privatsphäre beim Zugriff auf Daten, die mit anderen Daten in Verbindung stehen. Henzinger will Techniken entwickeln, die es erlauben, Informationen in dynamischen Datenbanken abzufragen, wie z.B. die Anzahl der von einem Ereignis betroffenen Personen, ohne dass dabei Informationen über eine einzelne Person preisgegeben werden. Übrigens: Auch Thomas Henzinger bekam heuer seinen zweiten "Advanced Grant" - mit dem Wittgenstein-Preis hat seine Frau nun aber die Nase vorne.

Henzinger bezeichnet Algorithmen als "Kochrezepte"
WIEN - ÖSTERREICH: Informatikerin Monika Henzinger, Wittgenstein-Preisträgerin 2021, am Montag, 21. Juni 2021, im Rahmen eines Interviews mit der APA - Austria Presse Agentur in Wien. Henzinger leitet die Forschungsgruppe Theorie und Anwendungen von Algorithmen an der Universität Wien. - FOTO: APA/APA/HERBERT NEUBAUER/HERBERT NEUBAUER

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