APA - Austria Presse Agentur

Mutter verurteilt, die Vierjährige vor Jugendamt versteckte

Zu 18 Monaten Haft, davon zwei Monate unbedingt, ist eine 38-Jährige am Landesgericht verurteilt worden, weil sie seit Ende September ihre vierjährige Tochter der Kinder- und Jugendhilfe der Stadt Wien (MA 11) entzogen hatte und in diesem Zusammenhang am 15. Februar ihre vierjährige Tochter mit zusammengeknoteten Leintüchern aus ihrer im dritten Stock gelegenen Wohnung in Döbling abgeseilt haben soll. Letzteres bestreitet die Mutter. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Der Frau wurde Kindesentziehung (§ 195 StGB) und - bezogen auf die Abseil-Aktion - Gefährdung der körperlichen Sicherheit (§ 89 StGB) vorgeworfen. Laut Strafantrag soll die Mutter die Vierjährige mithilfe zusammengeknoteter Leintücher und einer Kinderschaukel aus dem dritten Stock abgeseilt haben, als Einsatzkräfte der Wega an ihrer Tür klopften, um das Kind wieder der MA 11 zu übergeben. Zu diesem Thema waren zur Verhandlung aber keine Zeugen geladen, so dass Richter Christoph Kraushofer im Sinn des Beschleunigungsgebots den Vorfall vom 15. Februar - die Angeklagte war im Anschluss fest- und in weiterer Folge in U-Haft genommen worden - aus dem laufenden Verfahren ausschied. Das Abseilen, zu dem die 38-Jährige laut ihrem Verteidiger Eduard Salzborn nicht geständig ist ("Das hat sie nicht begangen"), wird zu einem späteren Zeitpunkt separat verhandelt.

Der dreifachen Mutter - neben dem vier Jahre alten Mädchen ist die 38-Jährige Mutter einer 13 Jahre alten Tochter und eines elf Jahre alten Buben - war am 8. Mai 2023 das Sorgerecht für ihre Kinder vorläufig entzogen worden. Ihre Kinder sollen aufgrund der Überforderung der allein erziehenden Mutter keinen strukturierten Tagesablauf und kein kindgerechtes adäquates Zuhause gehabt haben. Zudem hatten sie nur unregelmäßig die Schule besucht und wirkten teilweise ungepflegt und vernachlässigt. Den Behörden lagen auch mehrere Gefährdungsanzeigen vor.

Die abgenommenen Kinder wurden in einem Krisenzentrum gebracht. Unmittelbar danach tauchte die Mutter mit der jüngsten Tochter nach einem Tagesbesuch unter, indem sie die Kleine nicht mehr in die Einrichtung zurückbrachte. Die beiden Älteren liefen wiederum weg, vermutlich gleich zur Mutter. Ende September wurde die Mutter vom Landesgericht erstmals wegen Kindesentziehung verurteilt. Sie fasste eine Haftstrafe von neun Monaten aus, wobei ihr die Strafe unter Setzung einer Probezeit bedingt nachgesehen wurde.

Dessen ungeachtet übergab sie ihre Kinder weiterhin nicht der MA 11, der obsorgeberechtigten Behörde. Vor allem um die vermisste Vierjährige machte sich die MA 11 Sorgen, schließlich wurde von der Polizei nach den verschwundenen Kindern gesucht. Mitte Februar wurden die 13-Jährige und der Elfjährige in der Wohnung in Döbling angetroffen, die die Mutter erst geöffnet hatte, nachdem Wega-Beamte angedroht hatten, sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen.

Ihre jüngste Tochter soll die 38-Jährige jedoch mit Leintüchern abgeseilt und rechtzeitig weggebracht haben bzw. wegbringen haben lassen. Dazu werde seine Mandantin keine Angaben machen, hatte Verteidiger Eduard Salzborn gleich zu Beginn der heutigen Verhandlung klargestellt. Er legte jedoch eine Bestätigung der MA 11 vor, wonach die Vierjährige am heutigen Montag der MA 11 übergeben wurde. Der offenbar vorab informierte Richter hatte sich vor der Verhandlung telefonisch rückversichert, dass die Kleine tatsächlich wieder in der Obsorge der MA 11 ist, wie er im Rahmen der Verhandlung bekannt gab.

Zur Kindesentziehung war die Angeklagte geständig. Sie habe nicht verstanden, weshalb ihr die Kinder weggenommen wurden, behauptete die Mutter: "Sie (offenbar gemeint: die MA 11, Anm.) haben mich gezwungen zu unterschreiben." Danach hätten ihr ihre Kinder bei einem Besuch von Misshandlungen im Krisenzentrum berichtet. Ihre jüngste Tochter habe zu weinen begonnen: "Sie hat sich auf den Boden geschmissen und geschrien. Sie hat ein Trauma. Ich konnte sie nicht zurückgeben. Das war so ein Schmerz." "Sie war in Sorge", betonte Verteidiger Salzborn, "es geht da nicht um eine hohe kriminelle Energie."

Bei einer Strafdrohung von bis zu drei Jahren fasste die einschlägig Vorbestrafte 18 Monate aus, wobei nur zwei Monate unbedingt ausgesprochen wurden. Den Rest bekam die 38-Jährige bedingt nachgesehen. Die aus der Vorverurteilung resultierende offene neunmonatige Vorstrafe wurde der Frau nicht widerrufen, die Probezeit auf fünf Jahre verlängert.

Den unbedingten Strafteil aus der nunmehrigen Verurteilung muss die Frau auch nicht bis zum 15. April absitzen - die U-Haft wurde Montagmittag in nicht öffentlicher Verhandlung aufgehoben, wie der Verteidiger danach Medienvertreterinnen und -vertretern darlegte. "Das Gericht hat meinem Antrag stattgegeben. Es liegen keine Haftgründe mehr vor", sagte Salzborn. Die Frau wurde unmittelbar danach - sehr zur Freude ihrer im Grauen Haus anwesenden Angehörigen und Freunde - enthaftet.

Zur Rückgabe der vierjährigen Tochter habe sich die dreifache Mutter entschlossen, nachdem die MA 11 ihr versichert hätte, dass ihre drei Kinder nicht getrennt untergebracht würden, erläuterte Salzborn den Medienschaffenden. Wo sich die Vierjährige vom Zeitpunkt ihres Verschwinden bis zum heutigen Tag befunden hatte, ließ sich vorerst nicht klären. "Ich weiß es nicht", bemerkte dazu der Rechtsvertreter der 38-Jährigen. Er sei "nur der Anwalt".

Auf die Frage, wie sie sich ihre Zukunft vorstelle, hatte die 38-Jährige dem Richter "Dass ich die Kinder besuchen kann" geantwortet. Präziser wurde Verteidiger Salzborn. Der Mutter schwebe ein Besuchsrecht, in weiterer Folge ein erweitertes Besuchsrecht und Übernachtungen ihrer Kinder an den Wochenenden vor: "Letzten Endes ist das Ziel, dass sie wieder die Obsorge für die Kinder bekommt."