APA - Austria Presse Agentur

Nächster Halt Kiew: Mit dem Linienbus ins Kriegsland

Hunderttausende Menschen sind aus allen Teilen der Ukraine vor dem Krieg ins Ausland geflüchtet. Seit sich das Hauptaugenmerk der Putin-Armee jedoch in Richtung Osten und Süden verlagerte, gibt es vereinzelt auch eine Gegenbewegung zu beobachten. Einige geflüchtete Ukrainer wollen wieder zurück in ihre Heimat, und nicht wenige davon nutzen dabei den seit gut drei Wochen wieder verkehrenden FlixBus.

"In der aktuellen Zeit ist Mobilität wichtiger denn je für die Menschen in der Ukraine", erklärt Franziska Schleicher, Pressesprecherin von FlixBus. Seit 14. April werden die ukrainischen Städte Kiew, Schytomyr, Riwne, Winnyzja, Uman, Chmelnyzkyj und Ternopil wieder angefahren. Besonders durch die starke Ausreisebewegung, aber auch aufgrund der Rückreisewilligen entschied sich das Unternehmen dazu, das Angebot zu erweitern.

Dabei spielt auch die Humanität eine große Rolle: "Wir halten die Ticketpreise auf diesen Strecken so niedrig wie möglich und haben die Preise trotz der steigenden Nachfrage nicht erhöht", so Schleicher. Tatsächlich kostet eine Fahrt von Wien nach Kiew über Brünn trotz immenser Auslastung nur rund 60 Euro. Ob die Fahrten denn überhaupt sicher sind? Man habe seit Einstellung der Linien aufgrund des Krieges den Zustand der Straßeninfrastruktur und die Sicherheitslage sorgfältig beobachtet. Man prüfe sogar, ob nicht noch weitere ukrainische Städte im Bereich des Möglichen liegen könnten, heißt es von der Sprecherin.

Zuerst geht es von Wien ins tschechische Brünn (Brno), der einzigen Umsteigestation. Dort macht sich ein Bus gerade zur Abfahrt bereit. Einige Menschen herzen sich, ein Gutteil weint beim Abschied. Eine ältere Frau verabschiedet sich mit den Tränen ringend von ihren beiden Töchtern, dann steigt sie ein. Die Familie stammt aus dem Oblast Tscherkassy, die Mutter fährt mit dem Bus nach Uman zurück, während die Töchter dem Kriegsland (noch) fernbleiben wollen. Gegen den Widerstand der Familie entschied sich die Mutter zur Rückreise, sie müsse auf die Wohnung schauen.

Überraschenderweise steht auf dem Bus als Ziel "Odessa" - also die Küstenstadt, die von den Russen aktuell beinahe im Dauerfeuer beschossen wird. Laut Pressesprecherin Schleicher ein Irrtum: Die Linie fuhr bis Kriegsbeginn in die Stadt am Schwarzen Meer, stoppt nun jedoch bereits in Uman.

In Brünn warten rund 20 Personen auf die Ankunft des Doppeldeckerbusses. Der Fahrer spricht kein Wort Englisch und gibt unmissverständlich und mehrmals zu verstehen, dass man bei einer Reise nach Kiew besser Ukrainisch verstehen sollte. Der Hinweis auf das sprachliche Problem wird erst später klar, doch kann die Reise nach Vermittlung einer Ukrainerin auch für den österreichischen Fahrgast losgehen.

Über Olmütz (Olomouc) und Ostrau (Ostrava) geht es ins polnische Kattowitz (Katowice), wo am Busbahnhof einige ukrainische Fahnen zu sehen sind - die Augen der Businsassen strahlen. Nach der letzten Station vor der Ukraine, in Krakau, machen gegen 2.00 Uhr die meisten Reisenden die Augen zu. Um 5.45 Uhr reißt das Schreien eines Kleinkindes in der ersten Reihe des Obergeschoßes den Großteil des bis auf den letzten Platz gefüllten Busses aus dem Schlaf, nur Sekunden später wird es generell laut im Bus: Die Grenze ist erreicht, nur noch wenige hundert Meter trennen die Menschen vor der Rückkehr in die Heimat. Keine Spur von Unsicherheit oder gar Angst. "Endlich nach Hause", so der Tenor.

Doch vorher folgt noch das große Warten an der polnisch-ukrainischen Grenze. Weil der Bus länger steht, obwohl die Kolonne nur kurz ist, macht sich Unruhe breit. So mancher beginnt sich zu fragen, ob die Rückkehr in die Heimat vielleicht doch noch scheitern könnte. Dann endlich die Erlösung: Der Bus rollt in Richtung des ukrainischen Grenzpostens. Beim Absammeln der Pässe zeigt sich, dass tatsächlich nur Ukrainer an Bord sind. Die letzten Meter vor der Grenze werden von immer wieder aufflammenden Freuderufen der Ukrainer an Bord begleitet: "Slawa Ukrajini". Das "Ruhm der Ukraine" ist spätestens seit Kriegsbeginn auch zur Grußformel unter Landsleuten geworden.

Gedämpft wird die Stimmung, als der Bus an den ersten Friedhöfen vorbeifährt. Sie befinden sich nicht selten einfach am Straßenrand. Es ist unklar, ob diese Gräber etwas mit dem Krieg zu tun haben. Doch sie erinnern sofort daran, was im Land derzeit passiert.

Während des Wartens beim ersten Zwischenstopp in Lwiw (Lemberg) lockert ein junger Ukrainer die Stimmung mit seiner Gitarre auf und spielt zwei Songs. Durch die Wartezeit an der Grenze hat der Bus einige Stunden Verspätung die geplante Ankunftszeit von 19.40 Uhr in Kiew scheint kaum zu halten zu sein. Doch will ohnehin nur rund die Hälfte der Passagiere weiter. Am Weg zum nächsten Zwischenstopp in Riwne fällt auf, dass die im Bus verbliebenen Reisenden ihre Heimat aus den Fenstern mit Argusaugen beobachten - als würden sie etwas Besonderes erwarten. Auch dort steigen viele Personen aus, der nächste Halt ist bereits das zentral im Land gelegene Schytomyr, das man aufgrund der Kriegszerstörungen insbesondere im Umkreis nun auch außerhalb der Landesgrenzen kennt.

Je näher der Bus Schytomyr kommt, umso betroffener zeigen sich die Rückkehrer. Die Checkpoints werden mehr, vereinzelt sind nun auch direkte Spuren des Krieges zu sehen. In der Stadt selbst steigt der Großteil der verbliebenen Fahrgäste aus, rund eineinhalb Dutzend fährt weiter bis in die ukrainische Hauptstadt. An der Stadtausfahrt passiert der Bus einen festungsähnlichen Checkpoint, ein Kind in der ersten Reihe fotografiert ihn erstaunt.

Zwischendurch ertönt sogar die Sirene: Luftalarm. Was man in so einem Fall unternimmt? Es wird rasch offensichtlich: nichts. Der Bus fährt weiter seines Weges. Auch beim Passieren eines Umspannwerks, eines potenziellen Raketenziels. Es scheint, als würde der Bus bewusst schneller fahren, doch vielleicht ist es nur Einbildung. Geschehen ist nichts, ein leicht mulmiges Gefühl blieb aber noch länger.

Rasch wird es dunkel, der weitere Weg bleibt für die nach Kiew fahrenden Insassen im Dunkeln. Zum Glück: In den östlich der Stadt gelegenen Vororten der Hauptstadt wären die Spuren der Kampfhandlungen auf brutale Weise hervorgetreten. Kurz nach 22.00 Uhr ist die Stadtgrenze erreicht, der Busbahnhof ist von dort nur noch wenige Minuten entfernt.

An einem der Checkpoints stoppt der Bus jedoch. Die Ausgangssperre beginnt in Kiew nämlich um 22.00 Uhr - und sie wird sehr ernst genommen. Das Militär betritt den Bus, kontrolliert die Pässe, fragt einzelne Gäste kurz aus. Insbesondere haben sie es aber auf die beiden Busfahrer abgesehen, die es verabsäumt hatten, die Gäste rechtzeitig abzuliefern. Dass man so ungewöhnlich lange an der Grenze warten musste, wollten die Militärs nur bedingt gelten lassen. Alle paar hundert Meter muss der Bus an Checkpoints stoppen. Einmal sieht es sogar aus, als würde die Weiterfahrt verweigert werden - erst der Kommandant "entlässt" den Bus samt Insassen in Richtung Endstation.

Exakt um Mitternacht kommt der Bus dann zum Stehen, das Ziel ist erreicht. Eine junge Ukrainerin fällt ihrem bereits vor dem Bus auf sie wartenden Partner um den Hals. Sie wollte nicht fliehen, er überredete sie dazu - nun ist sie zu ihm zurückgekommen, das Paar ist wieder vereint. Wie so viele Familien, die durch den Krieg getrennt wurden und nun gemeinsam im Kriegsland ausharren.