APA - Austria Presse Agentur

Neue Graphic Novels mit Fußballern, Untoten und Superhelden

Das Medium der Graphic Novel boomt: Kaum ein Thema, kaum eine Biografie, die nicht bereits auch in gezeichneter Form aufbereitet würden. Aber auch der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Einige Neuerscheinungen der jüngsten Zeit geben eine Ahnung von der Vielfältigkeit nicht nur der Sujets, sondern auch ihrer zeichnerischen Umsetzung.

****

Fußball und Politik

Auf Übersetzungen politischer und historischer Graphic Novels hat sich der Wiener Verlag bahoe books spezialisiert. Eine hierzulande wenig bekannte Episode aus der Nachkriegsgeschichte passt besonders gut in die Zeit der Fußballeuropameisterschaft. In "Ein Match für Algerien" erzählen der Zeichner Javi Rey, der Historiker Bertrand Galic und der Szenarist Kris die aufregende Geschichte der ersten algerischen Fußballnationalmannschaft, die noch vor der Unabhängigkeit gegründet wurde - als außermilitärische Geheimwaffe, Propagandainstrument und Werbeträger.

Mitte der 1950er spielen rund 30 in Algerien geborene Kicker in der französischen Meisterschaft. Zwölf davon verlassen 1958 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Frankreich und gründen eine Mannschaft der FLN, der Nationalen Befreiungsfront, die begonnen hat, bewaffnet für die algerische Unabhängigkeit zu kämpfen. Symbolisch für die angestrebte Unabhängigkeit und als Demonstration der Vollwertigkeit ihres Landes bestreitet die Elf der FLN bis 1961 83 Spiele. 57 davon werden gewonnen. Das Buch erzählt mitreißend von den damaligen Helden, von der engen Verflechtung von Politik und Sport, von ihrem Engagement, ihren Entbehrungen - aber auch von ihrem großen fußballerischen Können. (Javi Rey, Bertrand Galic, Kris: "Ein Match für Algerien", Aus dem Französischen von Daniel Zumbühl, bahoe books, 136 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-903290-46-4)

****

Fotografie und Überleben

In das Frankreich der 1940er-Jahre führt ein Buch der Illustratorin und Comiczeichnerin Claire Fauvel und der Autorin Julia Billet. Billet veröffentlichte 2012 den Roman "La Guerre de Catherine", in dem sie an das Waisenhaus Sèvres erinnerte, in dem ihre Mutter unter falschem Namen überlebte. Die beiden Leiter, die hier eine revolutionäre, offene Pädagogik voller Freiheit umsetzten und gleichzeitig jüdische Kinder vor den Nazis verbargen, wurden nach dem Krieg in Jerusalem als "Gerechte unter den Völker" geehrt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Hobbyfotografin Catherine (eigentlich: Rachel), die diese im höchsten Maß gefährdete Idylle und die Beweise von Menschlichkeit, die sie auf ihrer unter anderem von der Résistance unterstützten weiteren Flucht durch ganz Frankreich erfährt, mit ihrer Rolleiflex dokumentierte. Claire Fauvel hat daraus eine farbige, erstaunlich lebensfrohe Comicversion geschaffen, die sich auch bestens für jüngere Leser eignet. "Der Krieg von Catherine" wurde beim Comicfestival in Angoulême 2018 von der Kinderjury mit dem Prix Jeunesse ausgezeichnet. (Julia Billet und Claire Fauvel: "Der Krieg von Catherine", Aus dem Französischen von Maria Rossi, bahoe books, 168 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-903290-50-1)

****

Reise durch eine Totenwelt

Eine apokalyptische, tote Welt hat der Wiener Comickünstler Albert Mitringer (Jahrgang 1991), dessen Debüt "Lila" (2017) schon mit viel Lob bedacht wurde, mit feinem Strich zu Papier gebracht. In seinem düsteren Fantasyepos "Requiem" erwacht ein toter Ritter lange nach einer offenbar schrecklichen Schlacht und beginnt als Skelett in Rüstung, verfolgt von einem mächtigen, bösen Ziegendämon, eine ruhelose Reise durch eine abweisende, devastierte Landschaft. Eine Wanderkrähe wird ihm dabei zum Wegweiser in die eigene Vergangenheit. Ruhe wird der Untote erst finden, wenn er sich an die Umstände seines Lebens erinnert. Das lässt die scharf konturierte unheimliche Schwarz-Weiß-Welt momentweise weich und farbig werden.

"'Requiem' war am Anfang eine große Ansammlung an Ideen, die ich mir in der Zeit, in der ich 'Dungeons and Dragons' spielte, auf die Seite gelegt habe. Beim Rollenspiel war es immer unglaublich interessant (und manchmal auch unglaublich frustrierend), dass man als sogenannter 'Game-Master' gewaltige Geschichten zusammenstellen kann, aber deine Protagonisten (aka die Spieler) unterm Strich von dir unabhängig sind und machen können was sie wollen", erzählt Mittringer in einem Verlagsinterview. "Ich bin 'Requiem' konzeptuell ähnlich angegangen und habe versucht, die Geschichte so zu gestalten, als wären die Charaktere in ihr unabhängig von meinem Willen. Ich habe mich somit hauptsächlich um die 'Bühne' gekümmert und versucht, die Persönlichkeiten, die vorkommen, so gut es geht einfach durchzuspielen." herausgekommen ist eine an den großen mythischen Erzählungen orientierte Selbstfindung - umgesetzt als Heldengeschichte im Totenreich, in der Humor, Philosophie, Action und Zeichenkunst gleichermaßen ihre Rollen spielen. (Albert Mitringer: "Requiem", Zwerchfell Verlag, 186 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-943547-54-2)

****

Superheld in Frauenkleidern

August Crimp wünscht sich schon als kleiner Bub, eines Mädchen zu werden. Das klappt nicht. Dafür möchte er zumindest Frauenkleider anziehen. Als er zum ersten Mal in einen Seidenstrumpf schlüpft, hängt er gleich an der Decke: Hat er Frauenkleider an, kann er fliegen. Und als eines Tages ein Kind von einer Dachterrasse fällt, springt er hinterher, um es zu retten. Die Welt hat einen neuen Superhelden: Dragman - keinen mächtigen Macho, sondern einen sensiblen Mann voller Identitätsprobleme und Selbstzweifel, dem seine Ehefrau, vor der er seine zweite Identität verheimlicht, erklärt: "Ich mag schräg und daneben. Was ich nicht mag, sind Lügen!"

Der britische Cartoonist Steven Appleby hat in dem liebevoll und farbig umgesetzten Comicroman mit Prosaeinsprengseln auch seine eigene Geschichte verarbeitet - bloß fliegen könne er nicht, versichert er. Das hat die Jury beim diesjährigen Comicfestival in Angoulême dennoch nicht daran gehindert, ihm den Sonderpreis zuzusprechen. Schließlich ist "Dragman" nicht alleine, sondern bekommt auch Hilfe von Dog Girl. Die hat er auch nötig, denn der Seelenklau geht um: Irgendwer bemächtigt sich der Seelen der Menschen und macht sie zu fiesen, egoistischen Ungetümen. Da müssen alle Superhelden gemeinsam ran! Dieses queere Superheldenabenteuer schreit geradezu nach Verfilmung.

(Steven Appleby: "Dragman", Aus dem Amerikanischen von Ruth Keen. Schaltzeit Verlag, 336 Seiten, 29,90 Euro, ISBN: 978-3-946972-49-5)