APA - Austria Presse Agentur

Oscarpreisträger Schlöndorff: "Bin optimistischer geworden"

Mit "Der Waldmacher" veröffentlicht der deutsche Oscarpreisträger Volker Schlöndorff mit 83 Jahren seinen ersten echten Dokumentarfilm, der am Montagabend Wien-Premiere feierte. Der Film rückt anhand einer neuen Aufforstungsmethode des Biologen Tony Rinaudo Afrika und die dortigen Fehlentwicklungen ins Zentrum. Aus diesem Anlass sprach der Regisseur mit der APA über politisches Bewusstsein, seine Wandlung zum Optimisten und seine Überlegung, nie mehr einen Film zu drehen.

APA: Sie haben bis dato noch nie einen wirklich eigenständigen Dokumentarfilm realisiert. Weshalb kommt Ihr Debüt so spät?

Volker Schlöndorff: Wir haben früher im Kollektiv einige Sachen gemacht, wie etwa "Der Kandidat" gegen Franz Josef Strauß. Aber ich habe mich tatsächlich nie als Dokumentarfilmer gesehen. Das hat sich auch in diesem Fall ohne Absicht ergeben - einfach durch die Begegnung mit Tony Rinaudo, der mich sehr beeindruckt hat. Ich war ja davon ausgegangen, dass er Tausende Anhänger hat - bis er meinte, "Eigentlich bin ich die meiste Zeit alleine unterwegs". Dann habe ich ihn gefragt, ob ich einen Film über ihn machen soll.

APA: War für Sie von Beginn weg klar, dass dies kein Spielfilm wird?

Schlöndorff: Ich hatte das anfangs überlegt, und es war ernsthaft im Gespräch. Aber ich wollte mir in jedem Falle erst einmal anschauen, wie Tony Rinaudo arbeitet. Wir haben uns dann sechs Wochen später in Mali getroffen - und da war mir sehr schnell klar, dass mich das Dokumentarische mehr interessiert. Ich hätte Berührungsängste gehabt, afrikanische Bauern mit Schauspielern nachzuinszenieren.

APA: War die Recherche für den Film für Sie gleichsam ein Erweckungserlebnis im Bezug auf Afrika?

Schlöndorff: Ich war in den vergangenen 14 Jahren zwar oft in Afrika und habe auch geholfen, in Ruanda eine Filmschule mitaufzubauen. Aber ich bin doch nie wirklich in die Länder eingedrungen, sondern bin in den eigenen Kreisen in der Hauptstadt geblieben. Das Hinterland kannte ich nicht. Das hat sich nun geändert über die vergangenen drei Jahre, die das Projekt dank der Lockdowns gedauert hat. Es ist wie ein Baum gewachsen und hat Ringe angesetzt.

APA: Ist das der Grund, weshalb "Der Waldmacher" weit mehr ist als "nur" ein Porträt von Tony Rinaudo?

Schlöndorff: Ich bin von einem Thema aufs andere gekommen. So hat mich die Rolle der Frauen sehr überrascht, die in den afrikanischen Dörfern praktisch alles machen. Der zweite Schwerpunkt war die Frage der Landwirtschaft und der Umstand, ob man nicht zu den ursprünglichen Getreidesorten zurückkehren sollte, anstatt billigen Reis aus Asien oder Mais aus Europa zu importieren, der die heimische Produktion zerstört. Und ein weiterer Punkt ist die Frage, warum Afrika nicht elektrifiziert ist. Lenin hat das in der Sowjetunion in fünf Jahren geschafft!

APA: Allerdings mit rabiateren Methoden als die Weltbank...

Schlöndorff: Das stimmt. Aber es gibt zwar Entwürfe für riesige Solarkraftanlage, deren Strom dann nach Europa kommen soll. Aber es gibt keinen Plan für kleine, dezentralisierte Konzepte, die Strom für die nahe liegenden Ortschaften produzieren! Bei allem war für mich jedenfalls die treibende Kraft dieses Gottvertrauen, das die Menschen in Afrika zu haben scheinen. Die jammern nicht, sondern glauben immer, das alles gut wird.

APA: Diesen Optimismus strahlt ja auch Tony Rinaudo aus...

Schlöndorff: Absolut. Das ist bewundernswert. Ich war immer der ungläubige Thomas in unserem Zusammenspiel. Aber er hat mich nach und nach überzeugt. Ich bin optimistischer geworden.

APA: Steht nicht letztlich der Klimawandel auch hinter all diesen sozialen Themen?

Schlöndorff: Der Kampf gegen den Klimawandeln und die fortschreitende Desertifikation, also die wortwörtliche Verwüstung der Erde, ist das große Problem. Jeden Tag gehen Flächen für Wald und Landwirtschaft verloren - dabei müsste sich das längst umgekehrt haben, wenn man sich die ganzen Initiativen ansieht, die es seit Jahrzehnten gibt.

APA: Weshalb scheitern diese konventionellen Konzepte von Entwicklungszusammenarbeit?

Schlöndorff: Wenn ich in trockenen Gebieten Setzlinge pflanze, können die keine Wurzeln schlagen. Warum sich Tonys Methode, auf das bestehende Wurzelwerk im Boden samt Rückschnitt der neuen Triebe zu setzen, nicht bereits flächendeckend ausgebreitet hat, darüber kann man nur spekulieren. Zum einen ist sie wohl schlicht zu unspektakulär: Es fließen keine Millionensumme, weshalb auch nichts abgezweigt werden kann. Und die Leute sind ungläubig am Beginn, dass diese Methode funktioniert. Aber letztlich ist es unbegreiflich, dass es sich nicht durchsetzt. 6 Millionen wiederaufgeforstete Hektar sind beeindruckend, aber nichts im Vergleich mit den Zielen, die auf den großen Konferenzen formuliert werden. In den betroffenen Ländern sind die Politiker völlig uninteressiert an ihrer Landbevölkerung, die zu arm ist und ohnedies nicht wählen geht. Als ob man nicht wollte, dass sie es aus ihrem Elend schaffen. Und auch in der Entwicklungszusammenarbeit fließen viel zu wenige Gelder in die Landwirtschaft. Ziel ist da immer die intensive Landwirtschaft auf möglichst großen Flächen. Dabei wäre die Kleinteiligkeit das Rationalste! An Arbeitskräften mangelt es ja nicht.

APA: Wie zuversichtlich sind Sie als neugewonnener Optimist, dass die Menschheit es hier noch schafft, das Steuer herumzureißen?

Schlöndorff: Tony Rinaudo spricht vom "Perfect Storm". Wenn das Desaster noch größer wird, dann folgt auch endlich die Reaktion. Es ist eine Fehlentwicklung, dass Afrika am Tropf des Westens und Nordens hängt. Es scheinen sich alle einig zu sein, dass die nächste Hungersnot kommt. Und dann muss man sich die Frage stellen, wie man die eigene Landwirtschaft entwickelt, denn wahr bleibt der Satz von Tony Rinaudo: Mit den richtigen Methoden könnte sich Afrika selbst ernähren. Der Beweis dafür ist erbracht - jetzt muss man seine Methode großflächig durchsetzen. Und dafür gibt es viele Initiativen, was vielleicht meinen Optimismus befördert. Man muss den Bauern helfen, die ersten fünf bis zehn Jahre zu überbrücken. So lange dauert es, bis ein neuer Baum seine Wirkung bei der Restaurierung der kaputten Böden entfaltet. Und dafür sind erhebliche Entwicklungsgelder notwendig.

APA: Sehen Sie hier die Bereitschaft bei den Entscheidungsträgern schon gegeben?

Schlöndorff: Kommende Woche wird mein Film im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Berlin gezeigt, wofür die Experten zusammenkommen, um ihre eigenen Methoden auf den Prüfstand zu stellen. Auch wenn sie es danach vielleicht nicht anwenden, ist es zumindest ein Triumph, dass sie sich selbst einmal infragestellen.

APA: Ihr eigenes Oeuvre ist sehr von Literaturverfilmungen auf der einen und der politischen Reflexion über NS-Zeit oder den Deutschen Herbst auf der anderen Seite geprägt. Ist für Sie "Der Waldmacher" nun erstmals eine Beschäftigung mit der Zukunft? Werden Sie Aktivist?

Schlöndorff: Darf ich Sie zitieren? Das war mir nicht klar, ist aber völlig richtig. Ein reiner Dokumentarfilm ist einfach bei allen Ähnlichkeiten zum Spielfilm doch etwas anderes.

APA: Zugleich gibt es die Parallele, dass Sie sich auch in "Der Waldmacher" wieder mit den Unterprivilegierten beschäftigen...

Schlöndorff: Das berühmte politische Bewusstsein... Auch wenn meine Filme nicht mehr so agitatorisch wirken, weil die Zeiten nicht mehr so agitatorisch sind, halte ich das politische Bewusstsein für wichtiger denn je.

APA: Sind die Themen des "Waldmachers" für Sie persönlich nun erledigt, oder werden Sie die auch künftig begleiten?

Schlöndorff: Das Thema ist für mich überhaupt noch nicht abgeschlossen. Aber ich habe noch kein konkretes neues Projekt. Manchmal weiß ich überhaupt nicht, ob ich noch einen Film machen möchte und denke mir: Lass die Jungen ran. Aber ich will mich ja auch nicht langweilen. Was mich in jedem Falle weiterhin sehr interessiert, ist Afrika. Der Kontinent ist durch die Kolonialisierung mit uns in einer Schicksalsgemeinschaft verbunden.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(ZUR PERSON: Volker Schlöndorff, geboren am 31. März 1939, zählt zu den bekanntesten Regisseuren Deutschlands. Seine Literaturverfilmung "Die Blechtrommel" gewann eine Goldene Palme in Cannes und einen Oscar in den USA. Zu seinen weiteren Erfolgen gehören auch die Literaturverfilmungen "Homo Faber" nach Max Frisch, Arthur Millers Drama "Tod eines Handlungsreisenden" oder "Der Unhold" nach dem Roman "Der Erlkönig" von Michel Tournier.)