Vor Wahl: Stark proeuropäische Stimmung in Polen

Vor Wahl: Stark proeuropäische Stimmung in Polen
Das Standing der Europäischen Union in Polen ist laut Eurobarometerumfrage "sehr, sehr gut".

Der Umfrage zufolge sind 81 Prozent der polnischen Landsleute der EU gegenüber positiv eingestellt seien. Polen sei eines der am stärksten pro-europäisch eingestellten Länder, so Talik, die ergänzte, dass diese Stimmung kippen könnte, sollte das Land nicht mehr Nettoempfänger sein.

Auch am Land gebe es keine ausgeprägte Europa-Skepsis, weil auch die Bauern stark von der Union profitiert hätten. "Die meisten Bürger- und Bürgerinnen verstehen nicht, wie die EU funktioniert, und auch nicht, wie man auf vielen Niveaus von der Europäischen Union profitiert." Gemeint hat sie damit den Zugang zum EU-Binnenmarkt, aus dem das Land mit seinen knapp 40 Millionen Einwohnern einen sehr starken Nutzen zieht. "Das ist vielen Polen aber nicht bewusst, sie denken eher an die EU-Gelder, die von Polen kommen", sagte Talik im APA-Interview.

Vor allem jüngere Polen kennen die kommunistische Volksrepublik Polen nur noch vom Hörensagen und sehen vor allem die Vorteile der Union. Dabei gehe es nicht nur um die Freizügigkeit des Arbeitsmarktes und die innerhalb der EU offenen Grenzen, sondern auch um Themen wie wirtschaftliche Prosperität - das Land hat seit dem EU-Beitritt vor 20 Jahren sein Exportniveau verfünffacht, die Löhne haben sich verdoppelt - und Sicherheit. Zudem würden junge Polen ihr Land nur "als Teil der EU" kennen.

Nach dem EU-Beitritt am 1. Mai 2004 seien rund eine Million Polen vor allem nach Großbritannien, Irland und in die Niederlande emigriert, mittlerweile würden aber viele wieder zurückkehren. Diese würden vor allem Know-how mitbringen, weshalb mittlerweile immer mehr innovative Technologien im Vormarsch seien und neben dem Export von Agrarprodukten immer wichtiger werden würden. Außerdem seien die Löhne niedriger und die Bürokratie vergleichsweise überschaubar. Wichtigster Handelspartner ist Deutschland, lange war aber auch Russland ein wichtiger Partner Warschaus.

Der Beitritt der Ukraine zur EU werde vor allem auf Regierungsebene goutiert, es dürfte aber kein einfacher Prozess werden, da vor allem bezüglich der Agrarpolitik viele Verhandlungen nötig seien, weil auch massive Auswirkungen auf den polnischen Agrarsektor befürchtet werden. In der Bevölkerung selbst werde dieses Thema noch nicht richtig wahrgenommen, da der Beitritt des östlichen Nachbarlandes in den nächsten Jahren nicht als sehr realistisch angesehen werde, meinte Talik. Wenn im Land über die Erweiterung der EU gesprochen werde, sei dies vor allem auf Kiew gemünzt, der Westbalkan würde dagegen überhaupt nicht im Fokus stehen.

Sicherheitspolitisch würde Warschau vor allem auf die eigene Stärke, aber auch auf gute Beziehungen zu den USA setzen. Zentrales Thema sei der Krieg im Nachbarland Ukraine und die Befürchtung, dass sich dieser ausweiten könnte. Die "Angst ist wirklich spürbar", sagte Talik, die ergänzte, dass deswegen auch eine Debatte über Bunker entbrannt sei. Diese würden fehlen, so der Tenor, denn es gebe keine U-Bahnen, wo man sich unterirdisch verstecken könne.

So meinte ihren Angaben zufolge auch Ministerpräsident Donald Tusk, dass "wir in einer Vorkriegszeit leben", und das mache den Leuten eben Angst, meinte Talik. "Russland schaut, was geht" und wie darauf reagiert werde, eine Art "Probezeit" quasi. Dabei sprach sie von der Gefahr hybrider Kriegsführung und Desinformation seitens Moskaus. Aufgrund dieser Gefahrenlage würden sich derzeit viele Polen Pässe organisieren und sich lange Schlangen vor den Ämtern bilden. Auch würde das Interesse an Jobs im Ausland wieder steigen und sich vor allem junge Polen Eigentum in Spanien kaufen.

Migration sei den Polen nicht so wichtig, trotzdem sei das Thema aufgrund der Migrationskrise an der Grenze zu Belarus "stark politisiert". "Migration ist ein Thema, das die EU und viele Gesellschaften spaltet", der Impuls komme in Polen aber "von oben nach unten". In diesem Bereich gebe es Kooperation mit den Visegrád-Staaten, ansonsten liege das Augenmerk vielmehr darauf, die Zusammenarbeit zu den westeuropäischen Staaten zu intensivieren.

Im Rahmen des Weimarer Dreiecks bestehend aus Polen, Frankreich und Deutschland will die Regierung in Warschau mehr Einfluss in Europa erreichen. Hilfreich sei dabei die wirtschaftliche Prosperität des Landes und die immer stärker werdende Armee. Eine Vertiefung in Richtung eines europäischen Bundesstaates werde nicht gewünscht. Das Interesse an den EU-Wahlen sei hoch, rund 70 Prozent der Bevölkerung geben an, teilnehmen zu wollen, fuhr Talik fort.

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