APA - Austria Presse Agentur

Premiere der Wutbürger am Smartphone bei "Simon Boccanegra"

"Zu den Waffen", ruft das Volk und zückt das Smartphone. Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra" feierte am Donnerstag in Salzburgs Großem Festspielhaus Premiere. Andreas Kriegenburg erzählt eine unterkühlte Polit-Parabel in heutigem Gewand - stilsicher, aber verhalten. Im Vordergrund steht das große Drama großer Stimmen: Jubel um Valery Gergiev und sein fantastisches Sängerensemble.

Mit dieser letzten szenischen Opernneuproduktion des Festspielsommers hat man nicht das Risiko gesucht. Kriegenburg kleidet das Stück vor allem ein - Marke Minimal Chic. Gergiev verfügt mit Luca Salsi als Doge, Marina Rebeka als Amelia und Rene Pape als Fiesco über eine Traum-Besetzung mit so unbestechlicher vokaler Ausstattung, dass er es im Graben guten Gewissens gepflegt donnern und veredelt voranpeitschen lassen kann. Die Wiener Philharmoniker führt er dabei formschön wieder und wieder zur Brandung, nur um diese präzis wie mit der Pipette im idealen Timing wieder fortzusaugen. Auch weniger solide disponierten, aber einnehmenden Sängern wie Charles Castronovo erlaubt er damit üppige Momente.

"Simon Boccanegra" ist die einzige neue Oper dieser Salzburg-Ausgabe, die nicht dem Generalthema der Antike verpflichtet ist. An düsteren Verstrickungen steht die Geschichte des unglücklichen Dogen von Genua den großen griechischen Tragödien freilich kaum nach. In Kriegeburgs steril-reduzierter Szene (Bühne: Harald B. Thor) drehen sich auf einer Bühnenhälfte mehrere ineinander gesteckte Zylinder in schlichtem steinernem Design, sinnbildlich wohl auch für die Mühlen des politischen Alltags - voller Misstrauen, Verrat aus den eigenen Reihen, sinnloser Hetze und unüberwindbarem Hass.

Sie bekommen ein heutiges Gesicht: Gezielte Meinungsmache passiert über soziale Medien - "Make Genua great again" -Attentate werden im virtuellen Raum mindestens geplant, Wutbürger rufen Konflikte mit einer Wortwahl aus, die an bürgerkriegsähnliche Zustände gemahnt. Hier steht er freilich ganz real vor der Tür, der Aufstand. Doch Kriegenburg interessiert sich wenig für Action. Dunkle Anzugträger schleichen herum, richten da und dort ein symbolisches Gemetzel an, können auch ihrem Herrscher jederzeit in den Rücken fallen. In der aseptischen Szenerie kommt das ästhetisch durchaus stringent, und auch die Gegenwartsbezüge zur Mechanik des Populismus machen Sinn. Über eher konventionelle Diagnosen überzeitlicher politischer Kultur kommt die Inszenierung allerdings nicht hinaus. Und um die Figuren bemüht sie sich kaum.

Im konkreten wie übertragenen Sinn agieren sie im leeren Raum und kämpfen tapfer gegen die Versuchung des Stehtheaters an der Bühnenrampe. Luca Salsi singt die Titelpartie mit großer farblicher Gewandtheit und Intensität, Marina Rebeka bringt als einzig weibliche Stimme beeindruckende Klangführerschaft in die Männerrunde, Rene Pape spielt an zupackender Ausdruckskraft in einer eigenen Liga und Charles Castronovo findet in seinen Arien zur Blüte. Jede dieser Stimmen straft das klinische Ambiente Lügen.

Denn wer glaubt, Verdi ohne Empathie inszenieren zu können, hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Mit der entsprechenden Lebendigkeit im Orchestergraben und mit den entsprechenden Sängern ist Verdi immer da am stärksten, wo es um große Emotion geht - da ist dieser "Simon Boccanegra" keine Ausnahme. Entsprechend herzhaften Jubel gab es für Sänger, Dirigent und Orchester, entsprechend höflich-verhaltenen Applaus für die Regie.

(S E R V I C E - "Simon Boccanegra" von Giuseppe Verdi. Musikalische Leitung: Valery Gergiev, Regie: Andreas Kriegenburg. Mit Luca Salsi, Rene Pape, Marina Rebeka, Charles Castronovo u.a. Wiener Philharmoniker. Weitere Termine am 18., 20., 24., 27., 29. August. www.salzburgerfestspiele.at)

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