APA - Austria Presse Agentur

Satire über die Generation ChatGPT: Elias Hirschls "Content"

Jetzt ist es also soweit. Nun wird auch in den Buchhandlungen nicht mehr Literatur, sondern Content verkauft. Im Falle von "Content" des jungen Wiener Autors Elias Hirschl trägt er glücklicherweise noch Züge eines traditionellen Romans - mit Hauptfigur, Schauplatz und Handlung. Diese ist zwar weniger auf Entwicklung denn auf Beschreibung ausgerichtet, ist aber, was die Zukunft der Dienstleistungssektoren angeht, durchaus erhellend. Oder vielmehr: verdüsternd.

"Content" ist eine Satire auf eine Welt, in der Arbeit und Sprache immer sinnlosere Züge annehmen. Heerscharen von Menschen verrichten an Computern stumpfsinnige Tätigkeiten, deren Geschäftsmodell sich niemandem erschließt, und vernichten dabei Unmengen von Energie. In den virtuellen Räumen bereits Vorhandenes wird neu geordnet, sortiert und montiert und als Neuigkeit verkauft, die Klicks generiert, bis sie vom nächsten kurzfristigen Hype abgelöst wird. Die Welt, die Hirschl schildert, ist nicht eine zukünftige, sondern eine gegenwärtige, bloß das Brennglas ist etwas fokussierter.

Der 1994 geborene Autor, Musiker und Spoken Word-Künstler Elias Hirschl, der sich 2021 in seinem Roman "Salonfähig" erfolgreich mit dem Phänomen einer gewissenlosen, doch hochprofessionell agierenden jungen Politszene beschäftigte, hat schon 2022 mit seinem Text "Staublunge" beim Wettlesen um den Bachmann-Preis einen Einblick in "Content" gegeben und damit den Publikumspreis gewonnen. Jonas, Gründer des Lieferdienst-Start-ups "Same Day Crew", ist nun eine Randfigur, die aber paradigmatisch für das Leben der namenlosen Ich-Erzählerin steht: Alles geht den Bach runter.

Hirschl spielt nicht nur bei den in der Content-Farm "Smile Smile Inc." produzierten absurden Listicles (wie "150 Listicle-Ideen, auf die die Welt verzichten könnte"), sondern in seinem gesamten Text so gekonnt mit dem Stil von Textsorten, die kein Autor, sondern ein Algorithmus geschaffen hat, dass man sich ohne weiteres eine vorangegangene ChatGPT-Eingabe vorstellen könnte: "Schreibe einen längeren, romanartigen Text, in dem heutige internetbasierte Unternehmensmodelle ins Absurde überdreht werden, provozierende Youtube-Videos und streikende Essens-Lieferanten vorkommen und die Industrieruinen des Ruhrgebiets einen apokalyptischen Hintergrund bilden, damit jene, die mir das Stipendium als Dortmunds Stadtbeschreiber gewährt haben, auch zufrieden sind."

Einige Passagen des Buches seien tatsächlich mit Hilfe eines Programms geschrieben, aber immer wieder händisch nachbearbeitet worden, sagt der Autor, der auch mit dem aktionstheater ensemble und der Band "Ein Gespenst" auftritt, in einem Verlagsinterview. "Andere Passagen hingegen, die im Buch so aussehen sollen, als hätte sie ein Bot geschrieben, stammen in Wirklichkeit von mir selbst und Freunden, die Ideen beigesteuert haben. Manchmal wirken Bots eben gar nicht Bot-artig genug für einen Roman."

Die von Kohleabbau unterhöhlte und ausgelaugte Landschaft, die er 2022 bei seinem Stipendium offenbar gut kennengelernt hat, bildet den fast schon zu passenden Hintergrund für die unsichere und brüchige Gegenwart, die Hirschl ins Apokalyptische weiterdreht. Erdbeben, Wassereinbrüche, zerstörte Natur, soziale Ungerechtigkeit und die Perspektivlosigkeit einer Menschheit, die sich noch vor wenigen Jahrzehnten im Paradies wähnen durfte - um daraus ein plastisches Schreckensbild zu malen, braucht es keine generative KI.

Doch man sollte "Content" nicht als reinen Horrorroman lesen. Dazu betont der Autor zu sehr das Satire-Element seiner Dystopie. Wenn etwa der Protagonistin ihre virtuelle Identität von einer Doppelgängerin gekapert wird, Jonas' nächstes Start-up eine Feuerwehr ist, die nicht nur Brände, sondern auch den Durst löscht, oder zwei Angestellte, die auf Dating-Plattformen Kunden mit vielversprechenden Verheißungen zu möglichst langer Verweildauer animieren sollen, durch einen Systemfehler vier Jahre lang miteinander chatten, ehe die Firma den ruinösen Fehler bemerkt, dann ist das schaurig und komisch zugleich.

Und ja, auch Hirschl kennt seinen Hölderlin: "Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch." Weder die Menschheit noch die Menschlichkeit sind schon ausgestorben. "Mein Roman ist auch nicht gänzlich hoffnungs- und trostlos", sagt Elias Hirschl. "Ich habe versucht die Waage zu halten zwischen einer realistischen, nachvollziehbaren Ernüchterung und Verzweiflung und den kleinen, aber wichtigen positiven Momenten von Hoffnung und zwischenmenschlicher Solidarität."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Elias Hirschl: "Content", Zsolnay Verlag, 224 Seiten, 23,70 Euro, Erscheinungsdatum: 29. Jänner, Buchpräsentationen u.a. am 5. Februar, 19 Uhr, in der Alten Schmiede Wien, und am 6. Februar, 19.30 Uhr, im Stifterhaus, Linz. https://eliashirschl.com/ )