"Schönes trifft Schreckliches": Eva Beresin in der Albertina

"Iberogast" beim letzten Abendmahl: Eva Beresins "The Seven Spiritual Laws of Success"
Ein farbkräftiges Gewimmel von Mensch und Tier - teils gruselige Hybride -, verrutschte Perspektive, Grausames gewürzt mit einem Schuss Ironie: So könnte eine Kurzzusammenfassung vieler Gemälde von Eva Beresin lauten, die ab dem 1. Mai in der Albertina zu sehen sind. Das Haus zeigt rund 30 erst jüngst entstandene Werke der 1955 in Ungarn geborenen Künstlerin, die seit 1976 in Wien lebt - und deren Schaffen eng mit ihrer tragischen Familiengeschichte verwoben ist.

Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder meinte am Montag bei einer Presseführung zur "Thick Air" betitelten Schau, Beresin sei neben Martha Jungwirth die zweite Künstlerin, die hier etwas zu lange übersehen worden sei. Das sei insofern schwer nachvollziehbar, als sie eine Position vertrete, "die aktueller denn je ist": "Das Schöne trifft auf das Schreckliche, das Schamlose." Zu sehen sind sehr aktuelle Arbeiten, die allesamt aus den vergangenen drei bis vier Jahren stammen und in denen somit bereits jene tragische biografische Entdeckung eingeschrieben ist, die die gebürtige Budapesterin machen musste.

2007 fand Beresin nämlich die Tagebücher ihrer Mutter, die diese 1945 geschrieben hatte, als sie der Shoah entkam. Darüber wurde in der Familie nie gesprochen. Somit erfuhr die Künstlerin erst zu diesem späten Zeitpunkt, dass viele ihrer Familienmitglieder in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten umgekommen waren. "Das löste etwas aus, dass man als Wiederkehr des Verdrängten bezeichnen kann", erklärte Kuratorin Angela Stief. Beresin konfrontiere sich mit dem Schrecken und dem Trauma. Ihrem Werk wohne ab dann eine Intensität inne, die bis heute nicht verloren gegangen sei.

Ein Wiedererkennungswert finde sich zwar auch in den früheren Arbeiten, diese seien aber viel reduzierter gewesen. "Durch die Erfahrungen des Schrecklichen wurden die Arbeiten leichter", formulierte Stief. Beresin selbst erklärte diese Zäsur so: "Ich habe in einem kommunistischen System Malen gelernt, da mussten viele Regeln befolgt werden. Nach diesen Erkenntnissen habe ich auf einmal die Freiheit gespürt, alles zeigen zu können. Ich wollte mich nicht mehr zurückhalten müssen - weder technisch noch inhaltlich. Das geschah von heute auf morgen."

Diese neu gewonnene Freiheit drückt sich bei Beresin in der Omnipräsenz des Unbewussten aus. In den malerisch-grafischen und vor Farben strotzenden Großformaten begegnet einem ein karnevalesk-verstörendes Universum aus grotesken Figuren und seltsamen Fantasiewesen, mittelalterlich anmutenden Grausamkeiten und alltäglichen Banalitäten, haufenweise (Stoff)tieren mit menschlichen Zügen und menschlichen Geschöpfen mit animalischem Verhalten. Darstellungskonventionen werden aufgebrochen, Perspektiven verrutschen oder lösen sich auf.

Welche Dringlichkeit diesen Werken innewohnt, kann man etwa an der äußerst expressiv aufgetragenen Farbe erahnen. Beresin bemüht sich erst gar nicht, die vielen an der Leinwand heruntergeronnenen Schlieren zu kaschieren. Tatsächlich geht die Malerin geradezu rauschhaft zugange. Stief beschrieb die Arbeitsweise als "Schnellmalerei". Die Künstlerin selbst berichtete von einem Besuch in einem Lager, in dem Angehörige zu Tode gekommen sind: "Danach habe ich eineinhalb Jahre lang Tag und Nacht gemalt. Das war wie ein Motor." Zuletzt kamen auch einige Skulpturen hinzu, die wirken, als hätte sich die eine oder andere Gestalt aus den Gemälden herausgeschält.

Bei all dem Horror darf allerdings Ironie nicht fehlen. Denn nur mit den Mitteln des Humors, des Überzogenen, lasse sich das Erfahrene verarbeiten, sagte Beresin. Das betrifft nicht zuletzt die Selbstdarstellung der Künstlerin, die sich - im alltäglichen Auftreten eher zurückhaltend wirkend - oft nackt und mit roten Lippen und roten Nägeln stilisiert und als solche nicht nur zuweilen die zentrale Position auf der Leinwand einnimmt, sondern auch als modellierte Version aus einer Mülltonne herauslugt. Der daneben sitzende Aasgeier lauert schon.

Dass Beresins Schaffen aber nicht nur biografische Referenzen aufweist, sondern auch inspiriert ist von einem "kollektiven Bildgedächtnis" (Stief), das sich aus Illustrierten genauso speisen kann wie aus Ikonen der Kunstgeschichte, zeigt sich etwa an "The Seven Spiritual Laws of Success" - einer unverblümten Neuinterpretation von da Vincis "Das letzte Abendmahl". Dieses Bild ist zudem ein gutes Beispiel dafür, dass der Schabernack bei Beresin oft genaues Hinschauen erfordert, um entdeckt zu werden. Vor Jesus platziert die Künstlerin nämlich nicht nur einen Teller mit Fisch, sondern auch ein kleines Glasfläschchen. Geht man nahe genug heran, lässt sich "Iberogast" auf dem Etikett entziffern. Nicht unpassend für eine Ausstellung, die zur Gänze nicht immer leicht verdaulich ist.

(S E R V I C E - "Eva Beresin. Thick Air" in der Albertina, ab 1. Mai und bis 15. September, Ausstellungskatalog in dt. und engl. Sprache: 46 Euro; www.albertina.at)

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