APA - Austria Presse Agentur

Theaterlabor mit "Ruhrgebietcharme": Voges verlässt Dortmund

Mehr Bier in der Flasche als Sekt im Glas hatte Kay Voges bei seiner Antritts-Pressekonferenz für das Volkstheater Wien unter seiner künftigen Leitung in Aussicht gestellt. An der Foyer-Bar des Schauspiels Dortmund wird dagegen vorzugsweise Bionade getrunken. Zweieinhalb Stunden vor seiner letzten Premiere führte der Intendant die APA stolz durch sein Haus.

Der 50er-Jahr-Bau sei ein typisches Nachkriegsprovisorium, erzählt Voges. Man habe ihn in der zerstörten Innenstadt zunächst als Spielstätte der Oper errichtet. Nachdem der benachbarte Opernneubau fertig war, durfte vorübergehend das Schauspiel einziehen. Der versprochene Neubau kam nie. Dafür musste Voges mit seinem Team für eine ursprünglich mit einem halben Jahr befristete Sanierung ausziehen. "Daraus wurden dann eineinhalb Jahre", erzählt der Intendant, der nun auch in Wien mit einer großen Sanierung samt straffem Terminplan konfrontiert ist.

Der rund 500 Plätze fassende Zuschauerraum ist von der Größe am ehesten mit dem Akademietheater zu vergleichen, wirkt jedoch deutlich moderner. "Ruhrgebietscharme" nennt Voges die Atmosphäre. Mit der bequemen Bestuhlung könnte es sich auch um einen großen Cineplexx-Saal handeln. Die technischen Voraussetzungen sind jedenfalls 1A. Rund 150.000 Euro habe man jährlich in die Verbesserung der Technik investiert, sagt Voges und führt ferngesteuerte Live-Cams, eine imposante LED-Wand, Beamer und vor allem das Cockpit der Videokünstler vor, die bei seinem Abschlussabend "PLAY: Möwe" live gestaltend eingreifen. "Zu der Angst, dass die Schauspieler den Text vergessen könnten, kommt nun auch die Angst, dass die Funkverbindungen ausfallen könnten", lacht Voges.

Technisch ist das Schauspiel Dortmund dem Volkstheater Wien ohne Zweifel deutlich voraus. Doch Voges hat das Gefühl, hier nach zehn Jahren an seine Grenzen gestoßen zu sein. "Ich freue mich darauf, bald in größeren Dimensionen arbeiten zu können. Die Größe des Zuschauerraums wird jedoch beim Spielen eine Herausforderung. Hier ist man doch sehr nahe dran am Zuschauer." Auch die Bühne des Volkstheaters ist um einiges größer. Vermissen wird Voges allerdings den großzügigen Neben- und Hinterbühnenbereich. Während im Volkstheater erst durch den Umbau einigermaßen akzeptable Anlieferungswege entstehen, bei denen die Kulissen nicht in kleinste Einzelteile zerlegt werden müssen, kann man am Schauspiel Dortmund nicht nur direkt mit den Lkws zufahren, sondern neben der Bühne die Ausstattung für gleich mehrere Produktionen lagern - ideal für einen Repertoirebetrieb.

Durch die vorübergehende Absiedlung der Schreinerei hat er wenige Meter von der Bühne entfernt nun sogar Platz für seine neu gegründete "Akademie für Theater und Digitalität" schaffen können. Sie ist sein Lieblingsprojekt und soll der Aus- und Fortbildung von Theaterschaffenden und einem Theaterlabor gewidmet sein, in dem jeweils acht bis 14 Stipendiaten daran forschen werden, das Theater als State of the Art zu erhalten. Was hier entwickelt werde, könne in der Praxis gleich getestet werden, schwärmt Voges, der als Gründungsdirektor der Akademie weiterhin beratend zur Seite stehen wird. "Kunst heißt ja immer, Prototypen zu entwickeln." In diesen Tagen wird der Akademiebetrieb aufgenommen, doch das große Datum soll 2022 sein. Die Stadt Dortmund finanziert einen Neubau für die Akademie in der Hafengegend. "Das wird europaweit einzigartig. Und das Volkstheater wird sicher auch davon profitieren."

Eine Stunde später eilt Kay Voges, von Fernsehkameras verfolgt, zur Stückeinführung. Abschiedsschmerz macht sich breit. Am Ende der zweieinhalbstündigen pausenlosen Aufführung ist der Schlussapplaus lange und herzlich. Leichten Herzens lässt man den Intendanten nicht gehen. Noch dazu, raunt eine Theaterbesucherin ihrer Sitznachbarin zu, soll mit den Wienern ja nicht gut Kirschen essen sein.

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