APA - Austria Presse Agentur

Faktencheck: Von ImpfkritikerInnen behauptete Übersterblichkeit widerlegt

ImpfkritikerInnen warnen vor angeblichen Gefahren, die in Zusammenhang mit der Covid-19-Impfung stehen – etwa einer Übersterblichkeit.

Seit Monaten warnen Impfkritiker vor angeblichen Gefahren, die in Zusammenhang mit der Covid-19-Impfung stehen. Viele verbreiten in dem Bereich aber auch falsche Informationen. Derzeit wird etwa in Facebook-Postings behauptet, dass es in Österreich zuletzt eine "massive Übersterblichkeit" gegeben habe. Als Grund vermuten Social Media-User die Corona-Impfung.

"Da die Coronastationen leer sind (sic!), ist dies der klare Beweis, es liegt an den Gen-Spritzen", heißt es. Als Quelle dieser Behauptungen wird ein Blog-Artikel angeführt.

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Einschätzung: Es gab im Juni 2021 in Österreich keine Übersterblichkeit. Daten zeigen, dass es in etwa so viele Todesfälle gab wie in den Monaten davor. Die Datenlage lässt derzeit keine Schlüsse auf die Ursachen der Sterbefälle zu. Es gibt aber keine Hinweise, dass die Corona-Impfung dafür verantwortlich ist.

Überprüfung: EuroMOMO ist ein europaweites Mortalitäts-Überwachungssystem, das darauf abzielt, übermäßige Todesfälle in Zusammenhang mit der Grippe oder Pandemien zu erkennen und zu messen. Die Datenbank gilt als bewährtes Instrument. Deren Daten zeigen, dass es im Juni 2021 in Österreich keine Übersterblichkeit gab.

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Die Statistik Austria übermittelt tagesaktuell die sogenannte "All­Ursachen-Mortalität" an EuroMOMO. Woche für Woche lässt sich so die Mortalität eines Landes nachvollziehen. Die erwartete Mortalität wird in der Baseline dargestellt. Die Linien "Normal Range" und "Substantial increase" zeigen an, bis wann die Mortalität noch im normalen Bereich ist und ab wann sie erhöht ist. "Die beobachtete Abweichung der All-Ursachen-Mortalität von der 'Baseline' wird als Über- beziehungsweise als Untersterblichkeit bezeichnet. Die Abweichungen werden standardisiert in Form von Z-scores dargestellt", erklärt ein Bericht der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES).

Ein Z-score unter zwei bedeutet gemäß EuroMOMO-Definition keine Übersterblichkeit. Zwischen zwei und vier ist sie gering, zwischen vier und sieben mittel und zwischen sieben und zehn hoch. Ab zehn ist sie sehr hoch und ab 15 ist sie extrem hoch - das ist die letzte Stufe.

Im gesamten Juni 2021 ging der Z-score nicht über zwei hinaus, es gab also gar keine Übersterblichkeit in Österreich. Das bestätigte auch ein AGES-Pressesprecher der APA. Schon gar nicht gab es demnach eine "massive" oder "signifikante" Übersterblichkeit, wie von Social Media-Usern fälschlicherweise behauptet.

Vergleicht man die Zahl der Sterbefälle von Statistik Austria in den Kalenderwochen 22 bis 26 (Woche von 31. Mai 2021 bis zum 04. Juli 2021) mit dem Durchschnitt derselben Kalenderwochen aus den Jahren 2016 bis 2020, so zeigt sich schon, dass es in jeder Juni-Woche 2021 in Österreich mehr Sterbefälle gab als im Durchschnitt der letzten Jahre. Das alleine sagt allerdings noch nicht viel aus.

Auf APA-Anfrage betonte etwa eine Pressesprecherin von Statistik Austria, dass der Juni 2021 als Ganzes "nicht wirklich auffällig" gewesen sei. In den Kalenderwochen 22 bis 26 habe es "so wie in fast allen Wochen des Jahres 2021 - außer Februar/Anfang März - etwas mehr Sterbefälle als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre gegeben."

Etwas höher seien die Sterbefälle in der 24. und 25. Kalenderwoche (14. bis 27. Juni) gewesen, so die Sprecherin. Das zeigt sich auch bei EuroMOMO: In Kalenderwoche 25 (Woche von 21.06.2021 bis 27.06.2021) lag der Z-score bei 1,96, also knapp unter zwei und damit einer geringen Übersterblichkeit. In Kalenderwoche 24 (Woche von 14.06.2021 bis 20.06.2021) lag er bei 1,24.

In diese Woche fiel auch die erste große und länger andauernde Hitzewelle in Österreich, wie Daten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) zeigen. Auf einer Grafik ist die Hitzewelle zwischen 16. Juni und 24. Juni 2021 gut erkennbar. Das Flächenmittel der Lufttemperatur lag in diesen Tagen im Vergleich zum Zeitraum der Jahre 1981 bis 2010 bei durchschnittlich plus sechs Grad Celsius.

Ein Zusammenhang zwischen Hitze und den höheren Sterbefällen in diesen zwei Wochen ist also naheliegend. So gab es etwa in den letzten vier Jahren - mit Ausnahme von 2020 - eine Hitze-assoziierte Übersterblichkeit in Österreich. Das zeigt das Hitze-Mortalitätsmonitoring der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES). Für den Sommer 2021 liegen laut dem AGES-Pressesprecher allerdings noch keine aktuellen Auswertungen dazu vor.

Auch die Statistik Austria betont, dass es noch zu früh ist, um Angaben zu den Todesursachen 2021 zu machen: "Während die Sterbefälle von den Personenstandsbehörden digital an Statistik Austria übermittelt werden, erhalten wir die Angaben zu den Todesursachen als handschriftlichen Eintrag auf Papierformularen. (...) Diese müssen vorsortiert, eingegeben, nach WHO-Standard kodiert, plausibilisiert und ausgewertet werden. Teilweise sind auch Rückfragen bei den verantwortlichen Totenbeschauärzten und Pathologen erforderlich (...). Daher dauert die Erstellung der Todesursachenstatistik deutlich länger als die der Sterbefälle", erklärt die Sprecherin.

Keine Hinweise auf Impf-Risiken

Es gibt allerdings keinerlei Hinweise, dass die erhöhten Sterbezahlen auf die Corona-Impfung zurückzuführen sind, wie in Sozialen Medien vermutet wird. Denn seit Beginn der Impfung Ende Dezember 2020 wurden nur 146 Todesfälle in zeitlicher Nähe zu einer Covid-19-Impfung gemeldet. Bis jetzt wird nur bei einem Fall ein Zusammenhang mit der Impfung gesehen. Das geht aus dem aktuellen Bericht über Meldungen vermuteter Nebenwirkungen nach Covid-19- Impfungen des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) hervor (Zeitraum 27.12.2020 - 09.07.2021).

Generell war die Zahl der Sterbefälle in Österreich am höchsten, als es noch gar keine Corona-Impfung gab. So lag der Z-score in Kalenderwoche 47 des Jahres 2020 bei 11,04 und in Kalenderwoche 49 des Jahres 2020 sogar bei 12, was einer "sehr hohen" Übersterblichkeit entspricht. Laut AGES-Bericht korrelierte die Übersterblichkeit in Österreich zeitlich mit dem exponentiellen Anstieg der SARS­CoV-2 Infektionsfälle seit Kalenderwoche 43.

Einer Presseaussendung von Statistik Austria von Ende Juni 2021 zufolge schwankt die Zahl der Sterbefälle in der Bevölkerung seit Mitte Mai. Zu Jahresbeginn sei die Zahl der wöchentlichen Sterbefälle aber noch bei rund 2.000 und damit um etwa 500 Verstorbene pro Woche höher als Mitte Juni gelegen, heißt es.

Die Anzahl der Corona-Todesfälle lag in den Kalenderwochen 22 bis 26 bei 88. Die Zahl der Hospitalisierungen ging in dem Zeitraum kontinuierlich zurück.