"Unknown Familiars": Leopold Museum verschränkt 6 Sammlungen

Judith Fegerls "last light" als eines der Glanzlichter der Schau
Sechs Sammlungen der Vienna Insurance Group werden zum 200-jährigen Firmenjubiläum erstmals vereint. "Von Neugierde angesteckt" und "hierarchiebefreit" kann man nun in "Unknown Familiars" im Leopold Museum "mit den Werken in einen Dialog treten", erläuterten Kuratoren Philippe Batka und Vanessa Joan Müller bei einer Presseführung am Dienstag. Eine ganze Etage zeigt Werke aus diversen Genres und Perioden. Ihre Gemeinsamkeit: Verwandtschaft innerhalb einer Firmenfamilie.

Nach einer Ausstellungsarchitektur von Robert Müller sind im zweiten Untergeschoss vier zirkulär um das Untere Atrium angeordnete Räume frei zugänglich. Besuchende bestimmen somit Anfang und Ende ihres Rundgangs selbst. Dies ermögliche die Entstehung vielfältiger Blickachsen, Dialoge und Irritationsmomente, so die Kuratoren. Miteinander in Berührung treten auf diese Weise "Familienmitglieder" aus den Sammlungen der Wiener Städtischen Versicherung, des Wiener Städtischen Versicherungsvereins und der serbischen Wiener Städtischen Osiguranje sowie der Donau Versicherung, der tschechischen Kooperativa und der ebenfalls durch zwei Werke vertretenen lettischen BTA Baltic. Die unterschiedlichen Räume seien als die Sammlungen verknüpfende "Cluster" zu verstehen, die "Ausfransungen haben und Überlappungen zulassen", meinte Batka im Gespräch mit der APA.

Den Geist dieser Verbindungen schaffenden Ausstellung ohne Anfang und Ende verkörpert insbesondere das "Band 1" (serbischer Originaltitel: Traka) des Künstlers Vladan Radovanović, der mit dem Überschreiten von Gattungsgrenzen verschiedene Medien verschmolz. Die in der Mitte eines Raumes hängend angebrachte Möbiusschleife erweckt einen schwebenden Eindruck und erinnert an ein Schriftstück. Dieses reflektiere in der Bewegung die Sprache mit, so Batka. Was er auf seinem Kunstwerk hinterfragt, erfährt man in Übersetzung im umfangreichen Ausstellungskatalog: "Wo fängt der Anfang an?" und "Wie lange noch bis zum Ende?"

Ein weiterer Raum widmet sich dem Schwerpunkt Wienerischen Schaffens. Auffallend ist hier besonders die an der weißen Wand angebrachte netzartige Struktur "Map" von Luiza Margan, die in Wien die Kunstakademie besuchte und sich für die Geschichte der Arbeiterbewegung interessierte. Ihr Kunstwerk aus zerschnittenen Arbeitshandschuhen befasse sich, so Müller, mit der Frage, wo heute noch physisch fordernde Arbeit verrichtet werde. Ausgehend von "Map" entsteht unter anderem eine Blickachse zu dem aus Solarpaneelen bestehenden Werk "last light" von Judith Fegerl: einem "Bild einer sich wandelnden Gesellschaft, die andere Energieressourcen finden muss".

Eine thematische Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld Mensch-Natur ist in zahlreichen Ausstellungsobjekten und Verbindungslinien zu erkennen. Zentral sei des Weiteren die zeitgenössische Perspektive auf die ausgestellten Bilder, sagte Müller. Der halbnackte Männerkörper in Miloš Jiráneks "Studie eines Schwimmers" erinnere beispielsweise eher an die heutige Social-Media-Bildwelt als an die Entstehungszeit um das Jahr 1900.

Um dem zeitgenössischen Anspruch an Kunst gerecht zu werden, sind die Wandtexte auffallend niedrig angebracht. Auf diese Weise solle auf Besucher im Rollstuhl Rücksicht genommen werden, erklärte Batka im Gespräch mit der APA. Außerdem sollten die Wandtexte den Bildern nicht zu nah kommen, um die Kunst "für sich wirken zu lassen".

(S E R V I C E - "Unknown Familiars. Die Sammlungen der Vienna Insurance Group" von 8. Mai bis 6. Oktober im Leopold Museum, täglich außer Dienstag von 10 bis 18 Uhr geöffnet; Juni, Juli und August täglich geöffnet, Museumsplatz 1, 1070 Wien, https://www.leopoldmuseum.org/)

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