APA - Austria Presse Agentur

"Unsichtbares" Werk von Auden aus dem Nichts rekonstruiert

Kurz vor seinem 50. Todestag ist die zuvor unbekannte Fassung eines Gedichts von W. H. Auden entdeckt worden - und das per Zufall. Mit 3D-Technik der Technischen Universität Wien wurde ein fast unsichtbarer Text des Lyrikers durch die Österreichische Akademie für Wissenschaften (ÖAW), die von einem Sensationsfund spricht, rekonstruiert. Der Fund ermögliche ganz neue Einblicke in künstlerische Prozesse, sagten die Literaturhistoriker Sandra Mayer und Timo Frühwirth der APA.

Der britisch-amerikanische Lyriker W. H. Auden galt als einer der prominentesten Gedichteschreiber im 20. Jahrhundert. 1973 verstarb der einflussreiche Autor und wurde in seiner einstigen Sommerheimat Kirchstetten begraben. 50 Jahre später machte die ÖAW nun in der Fachzeitschrift "Digital Scholarship in the Humanities" den Fund einer frühen Version des Hochzeitsgedichts "Epithalamium" publik, das Auden für seine Nichte schrieb.

Für Mayer und Frühwirth handelte es sich um einen Zufallsfund. Bei der Digitalisierung des Briefwechsels W. H. Audens mit der Schriftstellerin Stella Musulin wurden auf zwei Blättern Eindruckstellen festgestellt, die durch das Abtippen des Gedichts auf einem anderen Papier in der Schreibmaschine entstanden sind. Mithilfe von sogenanntem "Photometric Stereo" gelang mit dem Computer Vision Lab der TU Wien die Rekonstruktion des Getippten - aus Sicht der beiden Literaturforscher Pionierarbeit.

Weil sich die gefundene Frühfassung des Gedichts Sandra Mayer zufolge signifikant von der finalen Variante unterscheidet, lassen sich neue "Phasen des Schreibprozesses" und des Kompositionsprozesses nachverfolgen. Besonders in der Auden-Forschung hätten bisher Stadien "zwischen den rein rudimentären Notizen und dem ganz fertigen Gedicht" gefehlt, wie Frühwirth ergänzt.

Als bahnbrechend sieht der Literaturforscher außerdem "das Konzept der Dreidimensionalität mit solchen Blättern". Die hier angewandte Technik belichtet aus verschiedenen Winkeln Objekte, die eine fixierte Kamera fotografiert, um sie dreidimensional zu erfassen. Ein Objekt aus dem "Schreibmaschinenzeitalter" sei zuvor noch nicht auf diese Art untersucht worden, so Meyer. Ältere Trägermedien wie Pergamente werden Frühwirth zufolge zwar als vielschichtige Objekte begriffen, aber Papier aus dem 20. Jahrhundert bisher als "rein flache Oberfläche".

Weitere 3D-Analysen sind nun für den gesamten österreichischen Auden-Bestand angedacht. Darüber hinaus hoffen die beiden Literaturhistoriker durch ihre Arbeit in den "Digital Humanities" - computertechnik-unterstützte Geisteswissenschaft - inspirierend auf andere Forscher zu wirken. Tradition hat diese Subdisziplin seit der Nachkriegszeit, als theologische Texte mit Lochkarten digitalisiert wurden. Mayer und Frühwirth zufolge besteht heute aber eine Kluft zu Geisteswissenschaftern, "bei denen die Hemmschwelle gegenüber dieser Digitalität noch sehr groß ist". Für eine organische Überwindung dieser Kluft plädieren beide - "letztlich geht's nicht mehr ohne". Denn mit den "Digital Humanities" entstünden ganz neue Fragestellungen.