APA - Austria Presse Agentur

Volkstheater zeigt Recherche-Abend zum "Signa-Wunderland"

Was haben scheinbar wertlose Dachböden in Innsbruck mit dem nun zum Verkauf stehenden Kaufhausrohbau "Lamarr" in der Wiener City zu tun? Warum ist ein Beirat so etwas wie ein Blinddarm? Und wie kann man ein Unternehmen "zu Tode sanieren"? All diese Fragen diskutiert das Volkstheater in seiner neuen Produktion "Aufstieg und Fall des Herrn René Benko", in der Calle Fuhr in Kooperation mit der Rechercheplattform "Dossier" der Milliardenpleite rund um den Signa-Gründer nachspürt.

Mit Formaten wie "Heldenplätze" rund um Ski-Legende Toni Sailer oder "Die Redaktion" über den österreichischen Öl- und Gaskonzern OMV hat sich das Volkstheater in den vergangenen Jahren bereits mehrfach und erfolgreich dem investigativen Recherche-Theater gewidmet. Diesmal steht das "Signa-Wunderland" im Fokus, wobei der Autor und Regisseur Calle Fuhr den 90-minütigen Abend, der bei der Premiere am Samstagabend aufgrund des großen Publikumsinteresses von der Dunkelkammer auf die große Bühne verlegt wurde, solo zwischen zwei Leinwänden bestreitet. In einer Mischung aus Stand-up-Comedy und Lecture-Performance rollt er die Entwicklung Benkos "vom Schulabbrecher zum Wunderwuzzi" auf. "Ist zu dem Thema nicht schon alles gesagt? Warum ein Theaterabend?", fragt der deutsche Theatermacher zu Beginn des Abends und liefert sogleich die Antwort: "Weil noch längst nicht alles gesagt ist."

Und so zeichnet er in neun Kapiteln die Entwicklung jenes Konstrukts nach, das nun wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen ist. Nach einer Schnell-Einführung in das lukrative Geschäft des Dachbodenausbaus, wie ihn Benko in frühen Jahren in Innsbruck betrieben hat, zeichnet Fuhr im Kapitel "Die Benko-Boys" nach, wie der Investor es "vom Portfolio zum Imperium" geschafft hat - mit einflussreichen Partnern (Frauen kommen eher selten vor) nämlich. Auf den Leinwänden tauchen Fotos jener Personen auf, die Benko für seinen Beirat versammelt hat - vom ehemaligen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer ("als Türöffner zur SPÖ") und Ex-Politikerin Susanne Riess-Hahn (FPÖ) über den Bauunternehmer und NEOS-Sponsor Hans Peter Haselsteiner bis zu Ex-Casinos-Austria-Chef Karl Stoss und Ex-RBI-Chef Karl Sevelda. Der Beirat sei dabei "wie ein Blinddarm": Man brauche ihn nicht wirklich, aber er helfe dabei, schneller zu verdauen.

Weiter geht es mit dem Versuch, die komplexe Konzernstruktur der Signa mit all ihren Tochtergesellschaften zu veranschaulichen, wobei Fuhr einen Turm von Metallbechern zur Hand nimmt, um das Verschieben von Geldern zu demonstrieren. Um dem Publikum das Prinzip der Überbewertung von Immobilien anhand von Gutachten unter Zuhilfenahme von Leitzins- und Inflationsprognosen zu erläutern, schlüpft Fuhr schließlich höchst amüsant in die Rolle seines rheinländischen Mathematiklehrers und ruft auch immer wieder das Publikum dazu auf, die theoretischen Beispiele mithilfe von konkreten Zahlen zu lösen. Am Ende steht die Erkenntnis: "Die Signa muss immer weiter wachsen, um zu überleben." Wie man Unternehmen schließlich "zu Tode saniert", wird anhand der Unternehmen "Galeria" und "Kika/Leiner" - mehr oder weniger nachvollziehbar - mit "der geliebten und der ungeliebten Tochter" (Immobilien und Vertrieb) erklärt.

Am Ende hat der Laie eine ungefähre Vorstellung, warum Benkos Imperium früher oder später zusammenbrechen musste. Im Abschlusskapitel "Und jetzt?" werden schließlich noch konkrete Wünsche an die Politik formuliert, um künftige Pleiten in dieser beispiellosen Größenordnung zu verhindern. Das Publikum stimmte den Forderungen nach Transparenz und Haftung hörbar zu: Und so endete der Abend mit lang anhaltendem Applaus. Die sieben Folgevorstellungen bis Ende April sind bereits ausverkauft, weitere Termine sind in Planung.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Aufstieg und Fall des Herrn René Benko" mit Calle Fuhr in Kooperation mit "Dossier" im Volkstheater. Regie und Bühne: Calle Fuhr. Weitere Termine: 20. und 24. März sowie am 5., 15. und 27. April in der Dunkelkammer sowie am 25. März und 27. April auf der großen Bühne. www.volkstheater.at)