APA - Austria Presse Agentur

Vor 100 Jahren starb "Hotzenplotz"-Autor Otfried Preußler

Blickt man auf Kindheitserinnerungen von Otfried Preußler, wird klar: Es müssen glückliche Jahre gewesen sein, die er im böhmischen Städtchen Reichenberg verbrachte, heute das tschechische Liberec. Zu den kostbarsten Momenten zählten Geschichten, die seine Oma am Herdfeuer erzählte. Ein Schatz, den Preußler später in Büchern niederschrieb, darunter "Die kleine Hexe" und der "Räuber Hotzenplotz". Am Freitag (20.10.) wäre der Schriftsteller 100 Jahre alt geworden.

Als Preußler, dessen Bücher in mehr als 50 Sprachen übersetzt wurden, 2013 im oberbayerischen Prien am Chiemsee starb, war die Trauer groß. Doch insbesondere seine Kinderbücher sind immer noch beliebt, vielleicht auch, weil sie mitten aus dem Leben erzählen. Augenzwinkernd und liebevoll blickt der Autor auf seine Figuren. Die sind zutiefst menschlich und haben Schwächen, Bösewichte ebenso wie Gute.

Was Kinder freut: Schwache, Unterdrückte und Ausgegrenzte werden stark und wehren sich, mit Witz und Verstand. Und mitunter wird das Böse ganz einfach mit Lachen besiegt. "Ich glaube an die Kraft der Fantasie", sagte der Autor mal, zu sehen im Dokumentarfilm "Otfried Preußler - Ich bin Krabat" in der Arte-Mediathek und auf arte.tv. "Ein bisschen betrachte ich mich auch als kleinen Zauberer."

Kinderbücher wie "Der Räuber Hotzenplotz" lassen erahnen, wie reich Preußlers eigene Kindheit war. "Es war eine unbeschwerte Zeit voller Abenteuer und Wunder. Die Schule hat uns nicht weiter bedrückt", wird der Autor in dem Buch "Ich bin ein Geschichtenerzähler" zitiert, das seine Töchter herausgegeben haben. Wenn er heimkam, war da die Großmutter mit ihren Geschichten, "frei in den Abend hineinfabuliert, nach Laune und Gutdünken der Erzählerin".

Starke Eindrücke hinterließen auch die Wanderungen im Isergebirge mit seinem Vater Josef Syrowatka, der sich später in Preußler umbenannte. In den Bergen ließ sich der begeisterte Heimatforscher von den Leuten Märchen und Sagen erzählen. Begierig sog der fantasiebegabte, kleine Otfried alles auf. "Abende voller Geheimnisse, voller Schauder. Und dennoch: Abende auch der Geborgenheit, auch des Wohlgefühls in der warmen Stube, im Kreis der Zuhörer", beschrieb er es mal.

Doch es war nicht alles geborgen. In der Ersten Tschechoslowakischen Republik, zu der Reichenberg damals gehörte, gab es Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen. Preußler habe keinen einzigen tschechischen Freund gehabt, schreibt Tilman Spreckelsen in seiner neu erschienenen Biografie "Otfried Preußler - Ein Leben in Geschichten". Umso erfreuter schien die Familie über die Angliederung ans Deutsche Reich der Nationalsozialisten. Eine Erlösung, beschrieb sein Vater 1941 in einer Chronik Reichensbergs rückblickend den Einmarsch der NS-Truppen im Herbst 1938. "Die Stadt lodert im Jubelfeuer der Hakenkreuzfahnen. Können sich Herzen so entfesseln!"

Mit 17 sei Preußler zur Wehrmacht gekommen, mit 20 in Gefangenschaft geraten, schildert der Biograf Carsten Gansel. 1945 wurde die Familie aus dem Sudetenland vertrieben und landete bei Rosenheim, 1949 folgte Preußler nach seiner Freilassung. Vom Holocaust habe er nach eigenen Angaben nichts gewusst, schreibt Spreckelsen.

In Krieg und Gefangenschaft schrieb Preußler wie schon in den Jahren zuvor Texte, Gedichte und Theaterstücke. Eine Art Therapie, ebenso wie später die Kinderbücher. "Es spricht manches dafür, dass das Schreiben für Preußler ein Weg war, sich von den Ängsten, die er aus den Erfahrungen von Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung mitbrachte, nicht überwältigen zu lassen", glaubt Spreckelsen. Er habe der Welt, die er erfahren hatte, eine andere gegenübergestellt.

Eine besondere Rolle nimmt der Roman über den Waisenjungen "Krabat" ein, der in einer Mühle das Müllerhandwerk und die schwarze Kunst lernt. Jedes Jahr muss einer der Müllerburschen sterben und Krabat beschließt, den Fluch zu lösen. Ein junger Mensch, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, "bis er erkennt, worauf er sich da eingelassen hat", sagte Preußler 1998. "Es ist zugleich meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken."

Auch die anderen Kinderbücher sind oft tiefgründig und erzählen von Problemen wie Mobbing, Unterdrückung, Manipulation oder Verrat. Und sie ermuntern, die innere Stärke zu finden, sich zu wehren.

Preußler, der selbst drei Töchter hatte, nannte seine kleine Leserschaft das beste und klügste Publikum, das man sich als Geschichtenerzähler nur wünschen könne. Deshalb auch ein Rat, den er mal gab: "Seien sie gut zu den Kindern. Wir haben nichts Besseres."