APA - Austria Presse Agentur

Vor 60 Jahren erschien erste Single der Rolling Stones

Als die Rolling Stones im Sommer 1963 ihre erste Single aufnehmen wollten, hielt sich die Begeisterung der Musiker über den Song stark in Grenzen. Eigene Kompositionen hatte die Band noch nicht. Deshalb wurde die Coverversion eines Chuck-Berry-Stücks der Startschuss für die nun schon sechs Jahrzehnte währende Karriere der Rock-Legenden. Am 7. Juni 1963 veröffentlichten die Rolling Stones ihre Debütsingle "Come On" beim britischen Plattenlabel Decca.

Insbesondere Frontmann Mick Jagger und Gitarrist Keith Richards, die blues-begeisterten Hauptsongwriter sollen gegen die launige Nummer gewesen sein. Doch Stones-Manager Andrew Loog Oldham war der Ansicht, ein Cover eines bekannten Rock-'n'-Roll-Songs wäre strategisch am besten geeignet als Debüt für die Gruppe, zu der damals neben Schlagzeuger Charlie Watts noch Gitarrist Brian Jones und Bassist Bill Wyman gehörten. Oldham, der erst 19 Jahre alt und damit jünger als alle Stones-Mitglieder war, setzte sich durch.

Elf Monate zuvor hatte die noch unerfahrene Band im Londoner Marquee Club erstmals ein Konzert als "The Rollin' Stones" gegeben. "Ich weiß noch, wie ich das Gefühl hatte, dass ich in einem großen Stadion spiele", erinnerte sich Richards zum Jubiläum im Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Das Marquee war ungefähr der größte Club in London zu der Zeit. Und wir hatten vorher im Prinzip nur in Garagen gespielt." Das änderte sich schnell.

Als Hausband im Crawdaddy Club, einem damals neuen und angesagten Musikclub im Londoner Stadtteil Richmond, sorgte das Quintett Anfang 1963 für Furore und erspielte sich mit energiegeladenen Konzerten eine stetig wachsende Fangemeinde. Dort wurden Oldham, der kurzzeitig als Publizist für die Beatles gearbeitet hatte, und sein erfahrener Geschäftspartner Eric Easton auf die Stones aufmerksam. Das findige Duo übernahm fortan das Management für die Band und handelte bald darauf den Vertrag mit Decca Records aus, die mit dem Beatles-Label EMI konkurrierten.

Am 10. Mai 1963 betraten Jagger, Richards, Jones, Wyman und Watts mit Oldham, der auch als Produzent agierte, die Olympic Studios in London. Der Aufnahmeprozess in den renommierten Tonstudios, die 2009 geschlossen wurden, war für heutige Verhältnisse ziemlich kurz. In nur wenigen Stunden wurden "Come On", dazu als B-Seite die von Willie Dixon geschriebene Blues-Nummer "I Want To Be Loved" und Gerüchten zufolge sogar noch weitere Songs eingespielt.

Es gab keine ausufernde Produktion und kaum technische Spielereien. Ausnahme ist das Double-Tracking von Jaggers Stimme, eine Methode bei der sein Gesang zweimal aufgenommen wird und er über seine eigene Stimme singt, um den Gesang zu verstärken. Der als Produzent unerfahrene Oldham ließ dem zuständigen Toningenieur Roger Savage freie Hand. Der rohe, quasi ungefilterte Sound der Stones, der dabei rauskam, sollte zu ihrem Markenzeichen werden.

Die Veröffentlichung der Single erregte anfangs kaum Aufsehen. Die Plattenfirma Decca bewarb die Platte äußerst sparsam und ließ nur eine einzige Werbeanzeige drucken. Radio-DJs wollten das vergleichsweise düstere "Come On" nicht spielen. Immer noch unzufrieden mit dem Stück, verzichteten Jagger und Co. nach kurzer Zeit auch bei ihren Konzerten auf das Lied. Immerhin existiert eine Radio-Aufnahme aus der BBC-Sendung "Saturday Club" vom Oktober 1963.

Der gewiefte Oldham hatte allerdings seine eigene clevere Strategie. Es gelang ihm, den Titel beim berühmten Piratensender Radio Caroline zu platzieren. Außerdem schickte er die Fans der Stones gezielt zu jenen Plattengeschäften, deren Verkäufe für die damals noch nicht standardisierte Hitparaden gezählt wurden. Mit Erfolg: "Come On" schaffte es auf Platz 21 und hielt sich 14 Wochen in den Charts - beachtlich für eine Debütsingle.

Rückblickend war die Veröffentlichung historisch. "Come On" war der Vorbote für einen Wandel in der Musikszene und für eine neue Welle der Rockmusik. Musikkritiker wussten anfangs nichts damit anzufangen. Aber junge Menschen sprach dieser neue, raue Rock-'n'-Roll-Sound an, die sich von dem fröhlichen, polierten Pop abhob, der Anfang der 60er-Jahre die Radiowellen dominierte. Für sie klang die Musik der Stones authentischer, lauter, wilder und unangepasst. Damit traf sie das Lebensgefühl einer Generation, die gegen die konservativen Werte der Nachkriegszeit aufbegehrte.

Kurz darauf begann die Zeit, die als Swinging Sixties bezeichnet wird. Das rebellische Auftreten der Rolling Stones passte perfekt in dieses kulturelle Klima mit der aufkeimenden Gegenkultur. Darüber, ob das Image der Gruppe von Oldham initiiert wurde oder ohnehin schon der Charakter der Stones-Mitglieder war, gibt es unterschiedliche Ansichten. Sicher ist nur, dass Oldham die Band gezielt als Gegenentwurf zu den artigen Beatles vermarktete.

Rund zehn Monate später, im April 1964, kam die erste Langspielplatte der Rolling Stones auf den Markt. Kaum überraschend war "Come On" auf dem Debütalbum nicht enthalten. Dass die Rockveteranen den Song nie besonders mochten, lässt sich wohl auch daran erkennen, dass er in den Folgejahrzehnten nie in den Setlisten ihrer Konzerte auftauchte.

Fast auf den Tag genau 50 Jahre nach der Veröffentlichung sprach Mick Jagger 2013 bei einem Konzert in Toronto darüber. "Ich kann mich kaum noch daran erinnern, aber es ging irgendwie so: "Come on! I wanna see you baby, come on!"" Dann sang Jagger knapp 15 Sekunden vom Intro, während Charlie Watts dazu trommelte. Mehr bekamen die Fans nicht zu hören. "Seht ihr", sagte Jagger amüsiert, während seine Kollegen schmunzelten. "Charlie erinnert sich noch ein bisschen daran."