Vorstellungsvermögen gefragt: "Fest des Lamms" in Bregenz

Maria Lisa Huber in "Das Fest des Lamms"
Mit langem Applaus ist am Mittwochabend am Vorarlberger Landestheater in Bregenz die Premiere von "Das Fest des Lamms" von Leonora Carrington zu Ende gegangen. Johannes Leppers Inszenierung des 1940 entstandenen Bühnenwerks spekuliert erfolgreich mit dem Vorstellungsvermögen der Besucher. Dabei bringt die fast dekorfreie Aufführung der ziemlich schrankenlosen, selten gespielten Groteske bestens auf den Punkt, dass Theater nahezu alles darf, nur nicht langweilen.

Ein Erzähler führt es zwar eigens an, aber spätestens nach zehn Minuten Spielzeit auf leerer Bühne mit Personen in alltäglichen Gewändern hätte man ohnehin gewusst, dass Regisseur Lepper vor allem auf die Imaginationskraft des Publikums setzt. Obwohl Menschen, Tiere und Mischwesen auftreten, gibt es keine Hunde- oder Schafmasken, trotz des Grauens keine Monster, trotz der Morde kein Theaterblut und auch keine Bilder. Dabei wäre es interessant gewesen, zumindest im Programmheft des Vorarlberger Landestheaters auf das Werk zu verweisen, das die Schriftstellerin auch als Malerin und Bildhauerin hinterlassen hat.

Doch so wie es ist, ist es konsequent. In den Biografien der bildenden Künstlerin Leonora Carrington (geb. 1917 in England, gestorben 2011 in Mexiko-Stadt) wird vor ihrem Werk oft ihre kurze Beziehung mit dem Maler Max Ernst in den Fokus gerückt. Fast eine Ironie des Schicksals ist es deshalb, dass Cecilia Alemani im Jahr 2022 als Kuratorin der großen Kunstbiennale von Venedig speziell auf ihr Schaffen als Autorin verwies. Mit dem Ausstellungstitel "The Milk of Dreams" nach ihrem gleichnamigen Kinderbuch war Carrington plötzlich international präsent wie nie. So viel Aufmerksamkeit lieferten ihr nicht einmal Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth, die für das 1999 uraufgeführte Musiktheaterstück "Bählamms Fest" vor allem das Gewaltvolle aus der 1940 geschaffenen Groteske "Das Fest des Lamms" extrahierten.

Kriminelles gibt es wahrlich genug und auch an Verlangen und Begehren ist der Plot reich. Die Fleischeslust hat auf einem britischen Landsitz auch ein werwolfartiges Wesen hervorgebracht, das nächtens nicht nur die gutgläubigen Exemplare der Schafherde dezimiert, sondern auch menschlichen Wesen gefährlich wird. Für die Schwiegertöchter der Dame des Hauses mit maßloser Liebe zu ihrem Hund und dem aufschlussreichen Namen Mrs. Carnis ist dieser Jeremy weitaus begehrenswerter als ihr bleichgesichtiger älterer Sohn Philip. An Theodora kommt dieser nicht heran, Elizabeth hat ihn längst verlassen oder ist vielleicht nicht mehr von dieser Welt. Genau weiß man es nicht, denn Geister bevölkern das Podium ebenso wie Kopflose.

Man sieht die Lädierungen nicht, aber aufgrund des Wechsels von Dialogen zu den gesprochenen Regieanweisungen in direkter Konfrontation mit dem Publikum sowie per Vorstellungsvermögen nimmt man sie auch ohne Geschrei und Exaltiertheit wahr. Denn so klar wie Carringtons Auseinandersetzung mit Märchen, Monster, religiöser Symbolik und der Seelenkunde von Sigmund Freud wird, offenbart sich nicht nur ganz real die bekannte Schlussfolgerung, dass der Mensch des Menschen Wolf sei, gerade dank der surrealen Aspekte birgt "Das Fest des Lamms" auch enormes Unterhaltungspotenzial.

Um es für die Inszenierung zu nutzen, braucht es Vertrauen in den Text, der sich zum Teil wie eine derbe Gesellschaftskomödie liest, in der aber nichts überhitzt wird. Beim Ausagieren, was im Innersten bewegt, hat das Ensemble zudem eine gemeinsame Sprache zu finden. Trotz aller Balgerei und polyfonem Geblöke ist dabei weniger eben mehr. Das zeigt sich gut in der Besetzung von Mrs. Carnis mit einem Mann. Mit einem Kopftuch, das an harmlose Bilderbuchillustrationen von Rotkäppchens Wolf erinnert, findet Raphael Rubino den richtigen Pfad zwischen genussvollem Lächeln und bösem Grinsen. Auch wenn die Lüsternheit bei Rebecca Hammermüller als Elizabeth und Maria Lisa Huber als Theodora oder die Wut bei Nico Raschner als Philip stärker zu Tage treten, gerät das Spiel nie aus der Balance.

Abgründe tun sich auf der Bühne keine auf, sie sind der Fantasie des Publikums vorbehalten, das im hell gebliebenen Zuschauerraum auch damit beschäftigt ist, alle Anspielungen zu erhaschen. Nachdem es so viele feine sind wie etwa ein kurzer sehnsuchtsvoller Blick aus dem imaginierten Fenster, ein in die Luft gemaltes Herz und eine stille Geste der Gewalt, wirken das Verhüllen der Identität wie auf dem berühmten "Liebenden"-Bild von Magritte und ein Spannungsabbau mit Lehárs "Lippen schweigen ..." nicht plakativ. Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus.

(Von Christa Dietrich/APA)

(S E R V I C E - "Das Fest des Lamms" von Leonora Carrington. Inszenierung und Bühne: Johannes Lepper, Kostüme: Monika Gebauer. Mit Raphael Rubino, Nico Raschner, Rebecca Hammermüller, Maria Lisa Huber, Nanette Waidmann und Roman Mucha. Weitere Aufführungen am 17. und 20. Februar sowie am 7., 10. und 15. März am Vorarlberger Landestheater in Bregenz. https://landestheater.org)

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