APA - Austria Presse Agentur

Wahl in Kolumbien: Ex-Guerillero gegen Multimillionär

Egal wer die Stichwahl um das Präsidentenamt am Sonntag in Kolumbien gewinnt, das südamerikanische Land steht vor einer historischen Zäsur. Denn die traditionellen konservativen Parteien haben bereits verloren. Um die Präsidentschaft konkurrieren der frühere Guerillakämpfer Gustavo Petro und der steinreiche Bauunternehmer und Populist Rodolfo Hernández.

Der 62-jährige Petro war der klare Sieger der ersten Wahlrunde Ende Mai, die historische Sensation hatte sich allerdings bereits im Vorfeld des Urnengangs abgezeichnet. Überraschender war, dass der 77-jährige Hernández als unabhängiger Kandidat auf dem zweiten Platz landete - und damit alle Konservativen aus dem Rennen waren.

Wenige Tage vor der Abstimmung sind der linke und der unabhängige populitische Kandidat in Umfragen beinahe gleichauf. Laut der Zeitung "El Tiempo" lag Bogotas Ex-Bürgermeister Gustavo Petro (44,9 Prozent) zuletzt knapp vor dem ehemaligen Bürgermeister von Bucaramanga und millionenschweren Bauunternehmer Rodolfo Hernández (41 Prozent). Andere Umfragen sahen jedoch Hernández knapp vorne.

Auf den letzten Metern versuchen Petro und Hernández, die Unentschlossenen für sich zu gewinnen. 45 Prozent der Wahlberechtigten - überwiegend junge Kolumbianer - waren in der ersten Runde der Abstimmung fern geblieben. Vorbei sind die Zeiten der öffentlichen Reden, der Debatten und des Fairplay. Jetzt wird der Kampf um die Wählergunst mit Emotionen statt Argumenten ausgetragen.

Bei einem Sieg Petros bekäme Kolumbien erstmals einen linksgerichteten Staatschef. Anstatt wie vor dem ersten Durchgang in komplizierten Reden sein Wirtschaftsmodell zu erläutern, zeigt sich Petro nun auf dem Boot mit einem Fischer, in der Küche mit einer Mutter oder auf dem Feld mit dem Zuckerrohrbauern. Er versucht, das Image des steifen intellektuellen Politikers abzulegen. "Wir haben jetzt einen Gustavo Petro, der viel direkter und einfacher mit den Menschen spricht", sagt sein Wahlkampfstratege Alfonso Prada.

Petro war nach seiner Abkehr von der Guerilla unter anderem Diplomat in Belgien und Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá. Er strebt tiefgreifende Reformen an, dazu zählen Steuern für Vermögende, ein Notprogramm gegen den Hunger sowie die Förderung erneuerbarer Energien.

Petro verspricht eine "Politik der Liebe" und wollte einen respektvollen Wahlkampf führen. Doch Videos, die in der vergangenen Woche öffentlich wurden, sprechen eine andere Sprache. In den geheimen Mitschnitten von Strategietreffen seines Teams geht es in erster Linie darum, Gegner durch Verleumdung zu diskreditieren.

Die "Petro-Videos" beherrschen seither die Schlagzeilen. Mit Verweis auf die Aufnahmen sagte Hernández seine öffentlichen Auftritte ab, da er nach eigenen Angaben von Petros "krimineller Bande das Schlimmste" befürchtet - bis hin zu einem Mordkomplott.

Hauptthema des Millionärs im Wahlkampf war der Kampf gegen Korruption, gegen "die Diebe", wie er sagt. Das Paradoxe daran: Hernández selbst hat wegen eines zweifelhaften Vertrages während seiner Amtszeit als Bürgermeister der Großstadt Bucaramanga von 2016 bis 2019 Ärger mit der Justiz wegen des Verdachts der Bestechung.

Auf der Zielgeraden präsentiert er sich als pragmatischer Geschäftsmann, der sich mit harter Arbeit allein in der Immobilienbranche durchsetzte und keine Kompromisse mit dem politischen Establishment eingeht. Ausgerechnet dieses Establishment, allen voran die Rechten, sagte ihm jedoch unmittelbar nach der ersten Runde die Unterstützung für die Stichwahl gegen Petro zu.

An Hernández gefällt vielen Kolumbianer die simple Sprache und seine direkte Art, auch seine Tiktok-Videos machten den einstigen Außenseiter populär. "Nicht stehlen, nicht lügen, nicht betrügen", lautet sein Motto.

"Rodolfo ist ungefiltert. Eine seiner Stärken ist, sich so zu zeigen, wie er ist, auch mit den Patzern, die er manchmal wegen seiner Offenheit macht", skizziert Hernández' wichtigster Wahlkampfberater Angel Becassino die Strategie. Dabei leistete sich der 77-Jährige immer wieder verbale Entgleisungen, nicht zuletzt sexistische. Seine Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, Marelen Castillo, soll nun dafür sorgen, dass sich die Kolumbianerinnen an der Urne dennoch für Hernández entscheiden.