Westenthaler beschäftigt auch den ORF-Publikumsrat

Der ORF-Publikumsrat befasste sich mit Westenthaler und Kultur
Peter Westenthalers verbale Angriffe auf den ORF beschäftigen nicht nur seine Kollegen im ORF-Stiftungsrat, sondern auch den ORF-Publikumsrat. Bei einer Sitzung am Donnerstag zeigten sich mehrere Rätinnen und Räte darüber erstaunt, dass der ORF so verhalten auf Westenthalers Äußerungen reagiert. Es wurde überlegt, selbst ein Zeichen zu setzen. ORF-Generaldirektor Roland Weißmann blieb bei seiner Linie, seinen Aufsichtsrat nicht zu kommentieren.

"Wir müssen versuchen, gegenzusteuern", meinte etwa Publikumsrat Michael Meyer, der auch als ORF-Stiftungsrat tätig ist. Im obersten ORF-Gremium haben vor wenigen Wochen 30 von 35 Räte einen Brief in "homöopathischem Ausmaß" an Westenthaler verfasst, worin sie den von der FPÖ entsandten Stiftungsrat auffordern, seine unternehmensschädigenden Aussagen - er warf dem ORF etwa "parteipolitische Agitation" vor und bezeichnete ihn als "Propagandamaschine" - in der Öffentlichkeit einzustellen. "Möglicherweise braucht es schärfere Waffen", so Meyer.

Auch Publikumsrat Siegfried Meryn meinte, dass die Causa Westenthaler nicht nur Sache des Stiftungsrats sei und erwartete sich eine Reaktion des Hauses bzw. des Publikumsrats. Ähnlich sahen es Wolf Lotter und Matthias Karmasin. Andrea Danmayr fürchtete, dass Westenthaler seine Tonalität bis zur Nationalratswahl noch nach oben schrauben werde: "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt." Publikumsratvorsitzender Walter Marschitz meinte, dass es eine "Gratwanderung" sei, über Mitglieder des Stiftungsrats zu richten. Er räumte aber ein, dass man schauen müsse, wo man eine Grenze zieht.

ORF-Chef Weißmann wollte Westenthalers Verhalten nicht kommentieren, reagierte aber auf so manch andere kritische Frage der Publikumsräte. So hatte Meyer den Eindruck, dass ORF-Journalisten etwa in Diskussionssendungen mittlerweile "schaumgebremst" an die FPÖ herantreten würden. Dabei gäbe es genug zu thematisieren - etwa das Abstimmungsverhalten des FPÖ-Spitzenkandidaten Harald Vilimsky im EU-Parlament. Dieses würde zeigen, dass Vilimsky möglicherweise "ein Abgeordneter Russlands" sei, so Meyer.

Weißmann wollte das so nicht stehen lassen. ORF-Journalisten würden nicht "schaumgebremst" agieren: "Sie lassen sich auch nicht einschüchtern."

Publikumsrätin Barbara Nepp übte mit Blick auf überschaubare Quoten Kritik daran, dass viele EU-Wahl-Duelle auf ORF III liefen - und nicht auf ORF 2. Es sei "jedenfalls eine legitime Entscheidung" gewesen, so Weißmann. Es habe sich um einen "Versuch" gehandelt. Möglicherweise werde man nächstes Mal anders entscheiden. Insgesamt habe man 2,5 Mio. Menschen mit der EU-Wahlberichterstattung erreicht. Die Elefantenrunde verfolgten am Mittwochabend ca. 640.000 Zuseherinnen und Zuseher auf ORF 2.

Nepp störte sich wie auch die FPÖ in einer Aussendung vor mehreren Tagen an der Übertragung der Wiener-Festwochen-Eröffnung. Speziell der Auftritt von Bipolar Feminin bzw. der Song "Süß lächelnd" mit den Songzeilen "Ich töte euch alle. Ich bring euch alle um. Vielleicht häng ich euch auf, vielleicht stech ich euch in den Bauch" bekam der Partei nicht.

Die Band arbeite sich zornig am Patriarchat ab, stellte ORF-TV-Kulturchef Martin Traxl klar. Über den Song könne man diskutieren, aber man werde sicherlich nichts zensurieren. Man habe die Künstlerin auch in einer Sendung vorgestellt. "Sie ruft sicher nicht zur Gewalt auf, sondern thematisiert sie", so Traxl.

Schwerpunkt der Sitzung war das Thema "Kunst und Kultur". Eine vom Publikumsrat in Auftrag gegebene und in einer vergangenen Sitzung vorgestellte Umfrage zeigt, dass sich Umfrageteilnehmer mehr Kulturangebot für Kinder und Jugendliche (43 Prozent) und Kultur aus den Bundesländern (35 Prozent) wünschen.

Traxl sagte, dass es "ganz wichtig" sei, Kunst und Kultur an die Jüngsten zu bringen. Man arbeite an einer Reihe für den KIDS-Channel auf ORF ON, in der man Tipps für Kinderbücher und Kinderfilme präsentieren wolle. Auch soll ein Format, das für Kinder Musik und Instrumentengruppen erklärt, fortgesetzt werden. Landesstudios sollen stärker eingebunden werden, um aus der "Wiener Wasserkopfsituation" wegzukommen.

Susanna Dal Monte, bei Ö1 für aktuelle Kultur zuständig, hatte etwa das multimediale Projekt "Literatur to go" im Köcher. Ab Herbst präsentieren dabei junge Schauspielerinnen und Schauspieler Texte österreichischer Autorinnen und Autoren auf unkonventionelle Art.

Verstärkt will der ORF mit den Leuten im Land in Kontakt treten und diese zu Wort kommen lassen. Das Format "Ein Ort am Wort", das derzeit vom Landesstudio Niederösterreich abgewickelt wird, soll auf alle Landesstudios ausgerollt werden. Darin wird unter der Leitung von Werner Fetz über Themen diskutiert, die die Bevölkerung beschäftigen - etwa die Rückkehr des Wolfs, Vollspaltenböden in der Schweinezucht oder Skifahren. Es sei "ein Stammtisch, aber kein derber", so ORF-Generaldirektor Weißmann. Man höre sich gegenseitig zu, tausche unterschiedliche Standpunkte aus. Das sei "demokratiepolitisch wichtig".

Auch über die Formel 1 wurde im Rahmen der Sitzung gesprochen. Publikumsrat Karmasin wollte wissen, wie viel Geld der ORF dafür aufwendet, um Menschen beim "Im-Kreis-Fahren" zuzuschauen. "Man kann zur Formel 1 stehen, wie man will, aber es ist gut eingesetztes Geld, weil sie sich größter Beliebtheit erfreut", so Weißmann. Zudem sei es pro Sendungsminute gerechnet "eine der günstigsten Sportarten".

Der ORF-Chef räumte auch mit einer kürzlich von Westenthaler getätigten Aussage auf, wonach die Ausschreibung des ORF für die wissenschaftliche Wahlbegleitung nach dem Ende der Kooperation mit SORA auf das Nachfolgeinstitut "Foresight" zugeschnitten sei. Die internationale Ausschreibung sei in Zusammenarbeit mit einem renommierten Vergaberechtsexperten erfolgt. Es seien zwei Unternehmen im Rennen, so Weißmann.

Im Rahmen der Sitzung wurde ein neues Publikumsratmitglied begrüßt. Rudolf Kolbe vertritt nun anstatt Klaus Hübner die Kammern der freien Berufe im Gremium.

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