APA - Austria Presse Agentur

Wettlesen um Bachmann-Preis geht mit Lob und Streit weiter

Am Freitagvormittag eröffnete der von Vea Kaiser eingeladene deutsche Autor Leander Steinkopf den zweiten Lesetag der 45. Tage der deutschsprachigen Literatur. "Ein Fest am See" hieß der Text, dessen Video-Lesung in München aufgenommen wurde. Heuer ist pandemiebedingt nur die siebenköpfige Jury im ORF-Theater von Klagenfurt anwesend. Die 14 in den Wettbewerb um den Bachmann-Preis eingeladenen Autorinnen und Autoren sind virtuell präsent, auch Publikum darf nicht vor Ort sein.

Steinkopf erzählt von einer im Garten einer Villa stattfindenden Hochzeit - es ist die Ex des Erzählers, die heiratet, und der ist naturgemäß nicht sehr entspannt dabei. Missgelaunt berichtet er von dem Fest samt Fackel-Jongleuren, Seiltanz, Feuerwerk und Buffet ohne Fleisch, Milch und Getreide. Er erinnert sich an seine erste Begegnung mit der Braut und ärgert sich über die Eltern des Bräutigams, ein "Gymnasiallehrerpaar".

"Ich schätze diesen Text", versicherte Philipp Tingler, der "geistvolle Pointiertheit" in einem gelungenen Beispiel von Gesellschaftsprosa und Satire ortete. Mara Delius sah eine handwerklich routiniert und gut gemachte Kurzgeschichte, die "gewisse Mängel in sprachlicher Hinsicht" aufweise. "Ich hab gelesen, hab verstanden, hab mich gut unterhalten", meinte Brigitte Schwens-Harrant über den "versierten Text": "Wem das genügt..." Deutlich härter ins Gericht ging Insa Wilke, die den Text "völlig spießig und überhaupt nicht radikal" fand. Ein "fundamentales Missverständnis" in dieser Wilke'schen Lesart ortete Vea Kaiser, die eine "Darstellung der männlichen Selbstüberhöhung" in der einer "Disney-Prinzen-Romantik" verhafteten Erzählerfigur sah. "Leander Steinkopf ist einfach ein fantastischer Erzähler", schloss sich Michael Wiederstein dem "Team Tingler/Kaiser" an, zu dem sich auch Klaus Kastberger gesellte, der einen "ganz charmanten Text" sah. Steinkopf kann sich also für Sonntagvormittag, wenn die Abstimmung über die Preise stattfindet, Hoffnungen machen. Das ausgerufene "Team Tingler/Kaiser" betrieb jedoch sofort Selbstauflösung, indem sich Tingler energisch gegen die emotionale statt ästhetische Lesart Kaisers wandte, die sich darüber freute, endlich mal einen Text zu haben, über den man lachen könne.

Es folgte die aus Moskau stammende, seit 1994 in Deutschland lebende und als Redakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" arbeitende Anna Prizkau, die von Philipp Tingler eingeladen wurde. Ihr Text "Frauen im Sanatorium" ist offenbar autobiografisch geprägt. "Mein Vater wollte nicht nach Deutschland ziehen. Ich auch nicht. Doch meine Mutter sagte immer wieder: 'Das ist unsere Zukunft.' Das war vor zwanzig Jahren", heißt es darin. Die Migrationserfahrungen der sich entzweienden Familie sind sehr unterschiedlich. Der Text endet mit einem Fahrradunfall der Tochter.

Juror Klaus Kastberger, heute in Alf Poiers "Muku Muku"-T-Shirt, hielt den Text für zu "opernhaft": "Mir ist das auf eine etwas zu große Bühne gestellt." Mara Delius lobte den "neorealistischen Stil mit surrealen Elementen", Schwens-Harrant zeigte sich da deutlich kritischer, auch Insa Wilke ortete Ungenauigkeiten und Unstimmigkeiten in dem Text. "So wenig Platz und so viele Ebenen", lobte Vea Kaiser und sah einen "großartigen Text", der wie eine russische Puppe aufgebaut sei. "Der Text fällt auseinander, weil es kein poetologisches Konzept gibt, das die Ebenen zusammenhängt", wandte Michael Wiederstein ein. Tingler, der den zweiten Lesetag in einem T-Shirt der japanischen Popgruppe Shonen Knife bestreitet, lobte u.a. die "lakonische Eleganz" und die "durchscheinende Transzendenz" des von ihm eingeladenen Textes.

"Die jüngste Zeit" hieß der Text der in Wien studierenden Klagenfurter Lokalmatadorin, der Autorin und Fotografin Verena Gotthardt, die von Mara Delius eingeladen wurde. Das Stilmerkmal der Erinnerungen an eine Kindheit am Land sind sehr kurze Sätze, Brüche und Abbrüche. "In der Baumkrone noch immer zwei kleine Füße baumelnd. Viele Jahre später. Fotografien aus einer Kindheit, wo die Falten noch nicht so tief oder gar nicht da. Fragt man sich, wer man da wohl war. Und die Großeltern und die Tanten und die Onkel in bestätigtem Ton."

"Wenig innovativ, aber mir gefällt das", meinte Michael Wiederstein zu diesem "kameralistischen Text", der von Fotos ausgehende "Stillleben einer oder mehrerer Idyllen" beschreibe. Insa Wilke ortete in der Länge des Textes ein Problem, das ihm angesichts der Stilistik eine gewisse Schwere verleihe. "Endlich kein lineares, sondern ein assoziatives Erzählen, eine poetische Beschäftigung mit Erinnerung", lobte Delius. Einen "radikalen Text, der sein Formprinzip bis zur Qual des Lesers durchhält", ortete Kastberger, "die Form ist super, sie ist mir aber noch nicht genug gefüllt" - mit "ein, zwei Hilfszeitwörtern" wäre er aber noch besser gewesen. Zu viele gleiche, herkömmliche Adjektive fand jedoch Vea Kaiser. "Hier wird Demut zelebriert", so Wilke. "Großen Respekt vor dem Gestaltungswillen" bekundete Tingler. "Eine gewisse Schwerfälligkeit" irritierte Schwens-Harrant an dem Text, zu dem der Jury Filme von Michael Haneke bis Edgar Reitz einfielen. "Ich freue mich aber immer, wenn man was probiert", lobte die Wiener Jurorin.

Der Schweizer Autor Lukas Maisel, von Tingler eingeladen, startet nach einer Mittagspause um 13.30 Uhr in die Nachmittagssession, die um 14.30 Uhr der von Kastberger eingeladene Steirer Fritz Krenn abschließt. Vier Lesungen folgen am morgigen dritten Lesetag, ehe am Sonntag die Preisverleihung stattfindet.

(S E R V I C E - www.bachmannpreis.orf.at)