APA - Austria Presse Agentur

Zsolnay-Lektorin Wörgötter: "Jedes Buch ist ein Neuanfang"

Bettina Wörgötter feiert heuer ein dreifaches Jubiläum: Ihr Arbeitgeber, der Paul Zsolnay Verlag, wird 100 Jahre alt, sie selbst wurde kürzlich halb so alt wie der Verlag, und damit ist die Komparatistin, Germanistin und Romanistin die Hälfte ihres Lebens hier angestellt. "Ich mag meine Arbeit sehr", strahlt die Lektorin im Gespräch mit der APA. "Es ist eine so vielseitige Tätigkeit mit so interessanten Menschen."

Rund 850 Bücher sind während ihrer bisherigen Tätigkeit bei Zsolnay erschienen. Wer glaubt, da könnte sich Routine einschleichen, wird von Wörgötter energisch eines Besseren belehrt: "Jedes Buch ist ein Neuanfang. Jedes Buch ist immer anders." Und viele wären ohne sie wohl nicht, oder jedenfalls nicht in dieser Form, gedruckt worden. "Ich bin für die Akquise zuständig." Was das heißt? "Nach Themen und Menschen suchen und Bücher ausdenken." Bei einem Viertel bis einem Drittel der Bücher, speziell im Sachbuch, sei die Idee im Verlag entstanden, schätzt Wörgötter. Einmal in der Woche diskutiert die Lektoratskonferenz rund um Verlagsleiter Herbert Ohrlinger (nur drei Jahre länger als die Lektorin bei dem 1924 von Paul Zsolnay gegründeten Verlag, der seit 1996 Teil der Hanser Verlagsgruppe ist) das künftige Programm.

Dieses ist zuletzt schmäler geworden. Die Kosten sind gestiegen, das Leserinteresse ist geringer geworden und stärker umkämpft. "Man muss sich heute ganz genau überlegen, welche Bücher man macht und welche Zielgruppe man damit ansprechen möchte." Deswegen ist im Jubiläumsprogramm neben der Wiederauflage des allerersten Zsolnay-Buches, Franz Werfels "Verdi"-Roman, und einer Verlagsgeschichte auch "Ein schönes Ausländerkind" erschienen, das Romandebüt der auf TikTok und Instagram erfolgreichen Satirikerin Toxische Pommes. Beide stehen auf sehr unterschiedliche Weise für die hundertjährige Tradition des Verlags, der immer auf der Höhe der Zeit agieren wollte, ohne die Vergangenheit zu vergessen.

Steht die Idee, ist die Arbeit der Lektorin noch lange nicht zu Ende. Neben der gemeinsamen Arbeit am Manuskript wirft sie sich in die Werbeschlacht. Wörgötter nennt es "Lobbying". In der Praxis heißt das: im Haus für das Buch werben, Klappen- und Werbetexte schreiben, auf vielen Vertretersitzungen dafür sorgen, dass das Buch zielgruppengemäß platziert wird. Wer die Buchhändlerinnen nicht überzeugen kann, schafft es nicht in die Bestsellerlisten - und vielfach auch nicht in die zweite Auflage.

Manche Autoren aber sichern ihren Verlagen das Überleben. Als Paul Zsolnay Anfang 1946 aus dem Londoner Exil nach Wien zurückkehrte und seinen von der Gestapo geschlossenen Verlag wieder aufbaute, waren dies etwa Graham Greene oder John le Carré, nach der Hanser-Übernahme war es der schwedische Krimiautor Henning Mankell, der die berühmte Mischkalkulation von Bestsellern und Riskantem sicherte.

Genauso gibt es legendäre Fehlentscheidungen. Das Manuskript zu "Mann ohne Eigenschaften" wurde einst im Zsolnay Verlag abgelehnt. Und Wörgötter selbst erinnert sich noch gut an einen Krimi, der aus der Sicht von Schafen erzählt wurde, was man im Haus reichlich schräg fand. Unter dem Namen "Glennkill" wurde das Debüt von Leonie Swann dann in einem anderen Verlag über 1,5 Millionen Mal verkauft und in 30 Sprachen übersetzt. "Man kann es halt nicht planen", seufzt die Lektorin, die auf die besondere Expertise des Verlags im erzählenden Sachbuchbereich verweist: Bücher wie "Der Hase mit den Bernsteinaugen" (der sich im Hardcover 300.000-mal verkaufte) stünden in besonderem Maß für das, was den Zsolnay Verlag auszeichne.

Die Branche befindet sich im Umbruch. E-Books haben sich nicht als Heilsbringer erwiesen, doch eine stabile Käuferschicht, BookTok gilt als der neue Hype, bei dem neue Subgenres entstehen und plötzlich ganz neue, junge Leserschichten die Buchhandlungen stürmen.

Gestürmt werden sollen auch die Geburtstagsfeiern des Verlags. "Das erste, was ich im Verlag tun musste, war, das 75-Jahres-Fest zu organisieren", lacht Wörgötter. "Es ging alles gut, aber danach hieß es: Zum Hunderter machen wir dann nichts. Es ist zu viel Arbeit!" Das konnte natürlich nicht durchgehalten werden.

Am 7. Juni werden rund 500 geladene Gäste bei der Verlags-Geburtstagsparty erwartet, tags darauf lockt das Zsolnay-Lesefest im Belvedere 21 mit einem breiten Programm an Gesprächen, Lesungen, Filmvorführungen, Diskussionen und Musik. "Franzobel malt, Elias Hirschl tritt mit seiner Band Ein Gespenst auf, Armin Thurnher spielt Klavier. Wir wollen zurückschauen und in die Zukunft blicken und vor allem eines vermitteln: Wir alle sind Zsolnay!"

(S E R V I C E - Murray G. Hall und Georg Renöckl: "Welt in Wien. Der Paul Zsolnay Verlag 1924 bis 2024", 208 Seiten, Zsolnay, Paperback, 20,60 Euro, https://www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay/100-jahre-zsolnay-c-161)