Zsolnay Verlag feiert 100 Jahre mit Festreden und Lesefest

100 Jahre Zsolnay im Belvedere 21: Verleger Ohrlinger am Rednerpult
Ein 100. Geburtstag muss gebührend gefeiert werden. Das ist die Devise des Wiener Zsolnay Verlags, der sich für zwei Feiertage im Belvedere 21 eingemietet hat. Am Freitagabend gab es dort ein großes Fest, bei dem die halbe Literaturbranche Reden lauschte, ausgiebig Gespräche führte und sich an einem feinen Buffet labte. Heute folgt ab 11 Uhr ein Lesefest bei freiem Eintritt, bei dem Autorinnen und Autoren diskutieren, lesen, philosophieren, zeichnen und musizieren.

Das Bedürfnis zum Austausch war gestern so groß, die Akustik im Karl-Schwanzer-Pavillon so hellhörig, dass Klemens Lendl der Moderatorin Doris Glaser zu Hilfe kommen musste, um per Ordnungsruf die Geräuschkulisse zu dämpfen. So waren nach den musikalischen Beiträgen der Strottern und Lesungen von Laudationes von Autorinnen und Autoren des Verlags (die den Gästen in einem hübschen Büchlein mitgegeben wurden) dann wenigstens die Festreden für alle hörbar.

Hanser-Verleger Jo Lendle überbrachte Grüße der "jüngeren Schwester, die mit ihren gerade einmal 96 Jahren bewundernd zur älteren Schwester aufschaut" und überreichte rotgeränderte gelbe Zsolnay-Rosen an die Verlagsmitarbeiter. Der vom Blumenzüchter Paul Zsolnay gegründete Verlag wurde 1996 vom Carl Hanser Verlag übernommen und in der Verlagsgruppe eigenständig weitergeführt. Auch Enkel, Urenkel und ein Ururenkel Hansers feierten gestern mit - neben jeder Menge prominenter Autoren von Mircea Cartarescu bis Christoph Ransmayr und Arno Geiger. Auch Regisseur Michael Haneke war unter den Gästen.

Verleger Herbert Ohrlinger, seit über 27 Jahren an der Spitze des Verlags, sprach unter dem Titel "Wollen und sollen" über "das Verlegen von Büchern" und versicherte: "Verstand und Verlag haben nicht viel gemeinsam als die Vorsilbe" - jedenfalls, was die ökonomische Seite angehe. Ansonsten brauche ein Verleger vor allem Liebe - zum Buch sowie zu jenen Menschen, die Bücher lesen und jenen, die sie schreiben sollen. Ohrlinger erinnerte aber auch an die demokratiepolitische Aufgabe von Verlagen, die Werte wie Offenheit, Vielfalt und Respekt hochhielten und verbreiteten - was gerade in Zeiten, die düster zu werden drohten, wichtig sei.

Mit seiner Rede "Dürfen und sollen. Über die Notwendigkeit und Schwierigkeit, Europa zu Europa zu machen" gab Robert Menasse dann zwei Tage vor der EU-Wahl einen weitestgehend seinem jüngsten (bei Suhrkamp erschienenen) Essay "Die Welt von morgen" entnommenen Abriss über die Demokratiedefizite in der EU, die in eine nachnationale Demokratie verwandelt werden müsse. Das Europa von morgen müsse und könne aktiv umgestaltet werden, um bestehen zu können.

Das heutige Lesefest startet im Belvedere 21 um 11 Uhr mit einem Gespräch von Georg Renöckl mit Herbert Ohrlinger und einem Buchbinde-Workshop. Diskussionen sind u.a. mit Mircea Cartarescu und Philipp Blom (13 Uhr), Karl-Markus Gauß, Paul Lendvai, Helene Maimann und Martin Pollack (14.30 Uhr) sowie Florian Klenk, Melisa Erkurt, Florian Scheuba und Toxische Pommes (15 Uhr) angekündigt.

Lesungen gibt es u.a. von Dominik Barta (11.30 Uhr), Judith W. Taschler (13.30 Uhr) und Daniel Glattauer (16 Uhr). Isolde Charim, Lisz Hirn, Konrad Paul Liessmann und Franz Schuh philosophieren im Garten (12 Uhr), Franzobel malt (14.30 Uhr), Armin Thurnher spielt Klavier (12.30 Uhr) und Elias Hirschl musiziert mit seiner Band "Ein Gespenst" (17 Uhr).

(S E R V I C E - www.zsolnaylesefest.at)

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