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© APA - Austria Presse Agentur

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05/17/2019

Zu wenig Fokus auf "Pille für den Mann" lässt Fortschritte ausbleiben

Während Frauen immer öfter auf die Pille bzw. auf hormonelle Verhütungsmethoden verzichten, bleibt die "Pille für den Mann" noch Zukunftsmusik. Für Bettina Toth, Direktorin der Gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Universitätsklinik Innsbruck, scheitert die "Pille für den Mann" einerseits an medizinischen Problemlagen - andererseits gäbe es auch zu wenig Forschung dazu.

"Zum einen ist die Spermienentwicklung tatsächlich ein hochkomplexer Prozess, da es ja nicht nur ein Spermium gibt, sondern Millionen", erklärte die Medizinerin im APA-Gespräch. Allerdings gäbe es laut Toth auch strukturelle Faktoren: "Der Fokus liegt nicht so stark auf dem Thema - in den Medien aber auch in der Forschung und Wissenschaft." Am Wochenende präsentiert Toth bei der Fachtagung "Hormone im Frühling" an der Innsbrucker Uniklinik ein Leitlinienprojekt, das die Zusammenarbeit bei Frauen mit Kinderwunsch unter den verschiedenen medizinischen Abteilungen verbessern soll. Mediziner aus Österreich, Deutschland und der Schweiz haben dabei mitgewirkt. Im Zuge der Ausarbeitung des Projekts habe man festgestellt, "dass es sowohl in der weiblichen als auch der männlichen Keimzellenentwicklung ganz wenige Zentren gibt, die Grundlagenforschung machen", kritisierte Toth. Innsbruck ist aktuell die einzige Uni-Klinik in Österreich mit einem eigenen Lehrstuhl für weibliche Hormone und Kinderwunsch.

Allerdings verzichten Frauen, wie der diesjährige österreichische Verhütungsreport deutlich zeigt, immer öfter auf die Pille als Verhütungsmittel. Während demnach 2012 noch 41 Prozent mit dieser Methode verhütet haben, sind es 2019 nur mehr 34 Prozent. Bei den hormonellen Präparaten insgesamt gab es im gleichen Vergleichszeitraum einen Rückgang von 60 auf 48 Prozent. Toth sprach in diesem Zusammenhang von einer Hormonskepsis, die sie vor allem bei Frauen über 30 vermutet.

Hormonskepsis führt zu mehr Abtreibungen

"Aktuelle Daten aus Deutschland zeigen einen Rückgang der Abtreibungen bei jüngeren Frauen und eine Zunahme bei Frauen über 30 - das verbinde ich mit einer Hormonskepsis", so die Wissenschafterin. Nachdem der Kinderwunsch erfüllt sei, würden viele aus Angst vor den Nebenwirkungen auf eine hormonelle Verhütung verzichten. Dennoch werde oft außer Acht gelassen, dass "die Pille eben eine sichere Form der Verhütung darstellt". Problematisch sei es aber ebenso bei den jüngeren Frauen, die "in ihrer persönlichen Entwicklung teilweise noch gar nicht so weit sind, um unregelmäßige Zyklen haben und den eigenen Körper ausreichend kennen, um alternative Methoden wie zum Beispiel Zyklus-Apps sicher anzuwenden." Sie würden daher schwerer erkennen, wann der Zeitpunkt im Zyklus gekommen sei, wo man leicht schwanger werden kann.

Die Fachtagung "Hormone im Frühling" geht ebenso der Frage nach, ob die Pille Depressionen auslösen kann. Für Toth stellt die Pille nur dann ein Risiko dar, wenn die Patientin dahin gehend bereits vorbelastet wäre: "Wenn eine junge Patientin zu mir kommt, muss ich mir anschauen, ob die Patientin Depressionen oder eine Schwermut hat - das muss auch noch gar keine richtige Depression sein", so die Ärztin. Dann müsse man überlegen, ob eine hormonelle Verhütung tatsächlich die richtige Wahl sei bzw. wenn schon zu einer hormonellen Variante gegriffen wird, in welcher Hormonzusammensetzung das geschieht. Die Medizinerin betonte aber: "Ausgehend von einer gesunden Patientin ist es eher unwahrscheinlich, dass eine Depression ausgelöst wird." Sich bei Symptomen an einen Arzt zu wenden, sei aber trotzdem wichtig, erklärte Toth.

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