"Air": Ein Hollywoodfilm über einen Schuh

"Der Schuh des Air Jordan" steht im Mittelpunkt des Films
"Ein Schuh ist nur ein Schuh, bis jemand hineinsteigt": Dieser Spruch zieht sich mantraartig durch "Air", einen am Donnerstag anlaufenden Film über, nun, einen Schuh - aber nicht irgendeinen. Konkret geht es in der Produktion der Amazon Studios unter der Regie von Ben Affleck um Air Jordans, einem Basketballschuh mit Kultcharakter. Präziser: Darum, wie ein Marketingmann einen bahnbrechenden Deal einfädelte, um Michael Jordan an Nike zu binden und die Marke führend zu machen.

Nike stand Mitte der 80er für Laufschuhe. Converse und Adidas dominierten klar den Markt in Sachen Basketball. Mit Michael Jordan und den extra auf ihn zugeschnittenen Air Jordans änderte sich alles. Nike, so die Information am Ende des Films, setzt heute mit diesen Schuhen jährlich vier Milliarden Dollar um. Der Vertrag mit dem kommenden NBA-Star, einem der größten Athleten aller Zeiten, veränderte das Business. Den Weg dorthin erzählt "Air", fast ganz ohne Michael Jordan selbst.

Die Idee, alles auf eine Karte, also das gesamte zur Verfügung stehende Budget auf einen Spieler zu setzen und ihm einen eigenen Schuh zu schneidern, hatte Sonny Vaccaro (Matt Damon). Nachdem zu Beginn von "Air" die Titel zu charakteristischen Impressionen aus den 80ern abgelaufen sind, akustisch untermalt von Dire Straits' "Money For Nothing", sieht man diesen als Glücksspieler in Las Vegas, der gerne was riskiert. Das tut Sonny auch in seinem Beruf - mit Leidenschaft und Überzeugung. Letztere beiden Eigenschaften sind dringend notwendig, denn der aufstrebende Jordan will von Nike eigentlich nichts wissen.

"Air" versetzt wunderbar in ein Jahrzehnt der Schulterpolster, grell-bunten Jogginghosen und der schuhschachtelgroßen Autotelefone. Die Ausstattung des Films ist überzeugend, ebenso die darstellerische Leistung Damons und seiner Kollegen als Vaccaros unmittelbare Mitstreiter bei Nike (allen voran Matthew Maher als schrulliger Peter Moore, der den Air Jordan und später auch das ikonische Logo designte). Dadurch schraubt "Air" an einem Werbe- oder Special-Interest-Film für Jordans- und Marketing-Freaks vorbei und hat auch für das breite Publikum Drama, Humor und Unterhaltung zu bieten.

Affleck übernahm die Rolle des esoterisch angehauchten Nike-Gründers Phil Knight, wirkt dabei allerdings etwas aufgesetzt. Das macht Viola Davis als Jordans Mutter Deloris wett, eine zentrale Figur bei dem Deal und im Film. Ihre Darstellung einer cleveren, an Prinzipien glaubenden Frau, die das Beste für ihren Sohn will, hat Kraft und schraubt das Emotionsbarometer in die Höhe. Ihr Zusammenspiel mit Damon hat die Portion Magie, die man gerne im Kino und nicht nur im Stream erlebt.

Den Darsteller von Michael Jordan sieht man nur im Ansatz und den echten Sportler erst im Abspann: Da drückt der Schuh, mag man denken, trägt der Film doch im Original den Untertitel "Courting a Legend" (eine Legende umwerben) - und die Legende ist kaum präsent. Da passt die deutsche Version "Air - Der große Wurf" ausnahmsweise einmal besser. Es geht schließlich nicht um Jordan, sondern um "Air", den Schuh. Dazu fragt das englische Magazin "Empire" mit dem landestypischen Humor, was als nächstes kommt: "Crocs - The movie?" oder "wie Hush Puppies zu ihrem Namen gekommen sind?"

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