APA - Austria Presse Agentur

"All of Us Strangers": Sich vor den toten Eltern outen

Andrew Haigh, Regisseur von solch schönen Filmen wie "Weekend" und "45 Years", erzählt in seinem neuen Drama "All of Us Strangers" die Geschichte eines einsamen Schriftstellers, der buchstäblich oder imaginär zurückdriftet, um sich vor seinen toten Eltern zu outen. Eine üppig traurige und hautprickelnd sinnliche Schwulenromanze, unterlegt mit queerem Pop aus den Achtzigern. Ein Meisterwerk, das ab Donnerstag im Kino läuft.

In einer netten Szene im neuen Film von Andrew Haigh sitzt unser Held Adam mit strahlenden Kinderaugen in seinem Weihnachtspyjama im Wohnzimmer am Boden und schmückt mit seinen Eltern (Jamie Bell und Claire Foy) den Christbaum, während "Always on My Mind" von den Pet Shop Boys im Radio läuft. So als ob das alles völlig normal wäre, als ob Adam kein erwachsener Mann wäre, gespielt von Andrew Scott, und als ob seine Eltern nicht beide schon dreißig Jahre lang tot wären. Die beiden kamen bei einem Autounfall ums Leben, als er 12 Jahre alt war, und doch wird ihm irgendwie durch Magie oder Wahnvorstellung die Gelegenheit gegeben, noch einmal mit ihnen zu reden und Unerledigtes aufzuarbeiten.

Das ist natürlich eine verführerische Fantasie. Der von Haigh geschriebene und inszenierte Film basiert lose auf einem 1987 in Tokio spielenden Roman von Taichi Yamada, aber der englische Filmemacher hat den Schwerpunkt der Geschichte erheblich verändert und personalisiert, indem er ein schwules Thema eingeführt und die Geschichte ins moderne London versetzt hat.

Andrew Scott, der vor allem als "heißer Priester" aus der Serie "Fleabag" bekannt ist, aber den Fans von "Sherlock" auch als Moriarty kennen, spielt Adam, einen Drehbuchautor, der in einem schlanken, kalten Wolkenkratzer am Stadtrand lebt. Am Anfang des Films starrt er noch einsam und allein auf die Skyline und drückt sein Gesicht ins Fenster. Er versucht, ein Drehbuch zu schreiben, das von der Beziehung zu seinen Eltern handelt, aber es läuft nicht gut. Er verbringt die meiste Zeit damit, auf der Couch zu liegen, während er 80er-Jahre-Powerballaden wie "The Power of Love" von Frankie Goes to Hollywood hört.

Um sich inspirieren zu lassen, kehrt er in das Haus seiner Kindheit zurück, und siehe da, seine Eltern sind um keinen Tag gealtert und wohlauf. Das sind keine Besuche in der Vergangenheit. Adam ist ein erwachsener Mann, auch wenn der 47-jährige Scott ihn mit einem kindlichen Elfenlächeln spielt. Ob es sich dabei um Geister oder um Tagträume handelt, überlässt Haigh dem Betrachter. Er spielt mit einer mehrdeutigen, blaugrauen Bildsprache, führt uns auf falsche Fährten. Die Eltern sind jedenfalls überglücklich und wollen alles über ihren Sohn wissen. Die Mutter ist total baff, wie groß er geworden ist. Nein, er hat keine Freundin, erzählt er ihr, als sie ihn fragt, ob es eine Frau in seinem Leben gibt. Er ist schwul. "Oh." Sie ist überrascht, aber macht sich mehr Sorgen um ihn, um AIDS, um alles andere. "Die Menschen meinen, es ist ein einsames Leben", sagt sie. "Das denken die Leute nicht mehr wirklich", kontert er. "Jetzt ist alles anders." Aber ist es das? Seine Augen sagen etwas anderes.

Während Adam seinen Eltern Besuche abstattet, begegnet er seinem Nachbarn Harry (Paul Mescal), der diese Geschichte gespenstischen Kommens und Gehens in eine hinreißende Romanze aus Fleisch und Blut verwandelt. Harry ist jünger, offener, und Mescal ("Aftersun") strahlt einen fast wölfischen Hunger aus, aber er scheint auch eine einsame Insel zu sein, entfremdet von seiner Familie, weil er schwul ist. Zusammen sind die beiden irischen Schauspieler eine Art Supernova (was man erst versteht, wenn man den Film gesehen hat).

Andrew Haigh hat es selbst gesagt: "All of Us Strangers" ist die Geschichte einer Generation queerer Menschen, die um eine Kindheit trauern, die sie nie hatten (er hat sogar in seinem eigenen Elternhaus gedreht), aber jeder, der sich schon einmal einsam oder ungeliebt gefühlt hat, wird sich in seinem traurigen, tröstlichen Film wiederfinden.

(Von Marietta Steinhart/APA)