Berlinale: "Roter Himmel" als Bärenkandidat der Festspiele

Regisseur Petzold mit den Schauspielern Beer, Uibel und Trebs (v.l.n.r.)
"Irgendetwas stimmt nicht", ist der erste Satz, der im Wettbewerbsfilm "Roter Himmel" von Christian Petzold fällt, in dem der Wiener Shootingstar Thomas Schubert den jungen Schriftsteller Leon verkörpert. Und tatsächlich stimmt einiges nicht, und es wird in dem Film noch mehr nicht stimmen. "Roter Himmel" ist ein Streifen, auf den die Bezeichnung Tragikomödie so gut wie auf wenige andere passt. Damit ist das Werk ein eindeutiger Kandidat für einen Berlinale-Bären.

Irgendwann musste sich der Kinofilm auch den immer dramatischer werdenden Waldbränden in unseren Breiten widmen. Diese Folge des Klimawandels beschäftigt die Menschen hierzulande immerhin bereits jeden Sommer. Und so bildet die Naturgefahr den bedrohlichen Rahmen der Geschichte, mit der Petzold dieses Jahr im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele antritt.

Zwei Freunde, Leon und der Fotograf Felix (Langston Uibel), fahren ans Meer, ins Sommerhaus der Mutter von Felix, um dort zu arbeiten: Leon schreibt an einem Roman, Felix macht Fotos für eine Bewerbungsmappe zur Aufnahme an der Kunsthochschule. Just zum Thema Wasser, als 30 Kilometer entfernt die Wälder brennen.

Doch im Haus wohnt schon jemand: Nadja (Paula Beer), eine Bekannte der Mutter, mit ihrem Liebhaber, dem Rettungsschwimmer Devid (Enno Trebs). Die nächtlichen Freuden der beiden im Nebenzimmer stören den sensiblen Leon. Wie so vieles andere hier. Er ist nervös und scheu, begleitet die anderen nicht zum Schwimmen, gibt stets Arbeitsdruck vor.

Zudem hat es ihm Nadja angetan. Außerdem hat sich sein Verleger (Matthias Brandt) angesagt, der den Roman mit Leon besprechen will. Zu Recht befürchtet er eine unerfreuliche Bewertung. All dies wird drohend begleitet vom immer näher kommenden Waldbrand. Noch wiegen sich alle in Sicherheit, doch die Hubschraubergeräusche und dann auch noch Ascheregen künden von der drohenden Gefahr.

"Roter Himmel" ist eine in sich geschlossene Geschichte, die Petzold souverän erzählt. Sie bietet reichlich Raum für Heiterkeit und Trauer, und beide schließen einander nicht aus. Der mit "Atem" bekannt gewordene Thomas Schubert spielt den Leon tollpatschig und selbstbezogen, oft wie ein großes Kind, sympathisch, auch wenn sein Verhalten unsympathisch erscheint. Paula Beer, die schon mehrmals in Filmen von Christian Petzold zu sehen war, setzt fast etwas zu viel an Natürlichkeit und Fröhlichkeit ein. Großartig spielt Matthias Brandt den Verleger, getrieben von seinen Terminen, aber auch ein Genießer und zum Schluss von der Größe eines Menschen, der das Ende sieht.

Neben Thomas Schubert setzt der gewohnt filmmusikskeptische Petzold auch beim Soundtrack seines Films auf Österreich. So ist eines der wenigen Lieder, die in "Roter Himmel" zu hören sind, die Nummer "In My Mind" der vier Wiener Geschwister Wallners, welche die gleichnamige Band gegründet haben. Er habe das Lied zufällig im Autoradio gehört, während er noch am Drehbuch schrieb, berichtete Petzold am Mittwoch vor der Weltpremiere. Ein paar Tage später habe er sich die Single besorgt und gewusst, dass das Lied in seinen Film muss. Darin erzählt Petzold nun eine realistische Geschichte, bettet sie ein in eine Bedrohung unserer Tage, modelliert überzeugende Charaktere und bietet seinem Kammerstück Unterhaltung auf hohem Niveau. Durchaus preisverdächtig.

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