APA - Austria Presse Agentur

"Dream Scenario": Nicolas Cage ist der Mann Ihrer Träume

Die wunderbare Renaissance des Nicolas Cage geht weiter: mit Haarausfall, Wampe und hängenden Schultern. In "Dream Scenario", dem faszinierenden US-Debüt von Kristoffer Borgli ("Sick of Myself"), spielt er einen belanglosen Jedermann, der plötzlich in den Träumen der Menschen auftaucht. Ein surrealer wie tragikomischer Kommentar zu Cancel Culture, Social Media und Männlichkeit. Sehr unterhaltsam.

Auch wenn Kristoffer Borgli quasi noch am Anfang seiner Regiekarriere steht, so scheint der virtuose Norweger in einer Social-Media-induzierten Gesellschaft des Geltungsdrangs und in einer Kultur der Empörung sein Lieblingsthema gefunden zu haben. Für sein Hollywooddebüt konnte er Nicolas Cage gewinnen und wer, wenn nicht der "kalifornische Klaus Kinski" hat diesen Geltungsdrang und diese Empörung selbst gespürt? Irgendwann wurde der Oscar-Preisträger zu einem Witz in Hollywood und zu einem Symptom unserer Zeit, befeuert von Memes und YouTube-Compilations. Aber seit geraumer Zeit feiert er mit Filmen wie dem Trüffelschwein-Drama "Pig" (2021) und dem ironischen Selbstporträt "Massive Talent" (2022) so etwas wie einen zweiten Frühling.

Sein Paul Matthews in "Dream Scenario" ist wahrscheinlich niemandes Vorstellung von einem Traummann. Er ist ein kahlköpfiger, dickbauchiger, unscheinbarer Biologieprofessor, der seine Studenten mit Vorlesungen darüber langweilt, dass die schwarzweißen Streifen von Zebras ihnen nur dann einen evolutionären Vorteil verschaffen, wenn sie den Kopf in die Herde stecken. Wer also den Kopf rausstreckt, macht sich zur Zielscheibe - genau wie Paul.

Aus unerklärlichen Gründen und ohne eigenes Zutun taucht er über Nacht in den Träumen Tausender Menschen auf. Nicht nur in den Träumen von Leuten, die ihn kennen, die Ex-Freundin, die eigene Tochter, nein, auch Wildfremde auf der Straße erkennen ihn wieder. Plötzlich entsteht ein Kult um ihn herum. Er geht viral, und Borgli inszeniert das in sehr bizarren, teils urkomischen Traumszenen, die nicht immer von der Realität zu unterscheiden sind.

Die größte Sünde des armen Paul besteht wahrscheinlich darin, dass er seinen neuen Promistatus etwas zu sehr genießt und seine liebevolle Ehefrau (Julianne Nicholson) verschmäht, was zu einem scharfen Kommentar über verletzte, männliche Egos und ihre Geltungssucht führt. In den Träumen ist Paul genauso machtlos wie im echten Leben. Krokodile bedrohen eine seiner Schülerinnen, und er schlendert einfach nur teilnahmslos vorbei. Seine Tochter wird in den blauen Himmel gesaugt, und er schaut unbekümmert zu.

Aber ein hipper Werbeheini (Michael Cera) hält Paul gerade für den besten Trauminfluencer der Welt und will, dass er den Menschen in ihrem Unterbewusstsein Sprite verkauft. Die Dinge werden sehr schnell unheimlich, wenn die Traumversion von Paul sich in eine Art Freddy Krueger verwandelt und beginnt, die Schlafenden zu foltern (Horrorregisseur Ari Aster hat mitproduziert). So schnell kann er gar nicht schauen, da wird er von der Welt einfach gecancelt.

Sowohl diese wie auch Borglis vorherige Gesellschaftssatire "Sick of Myself" (2022) über eine Frau, die sich für Klicks selbstverstümmelt, handeln von Menschen, die etwas bedeuten wollen - aber an einer erbarmungslosen Moderne zerbrechen. Es ist eine quirlige, kleine Rolle, die Nicolas Cage wie auf den Leib geschneidert ist: eine Mischung aus seinem zerzausten, verschwitzten Drehbuchautor in "Adaption" (2002), seinem weinerlichen Polizisten im verschrienen "Wicker Man"-Remake und seinem einsamen Meisterkoch in "Pig". Er war immer schon ein Schauspieler, der grotesk riesig sein konnte, aber am besten ist er eigentlich, wenn er sich schmerzlich klein macht wie hier.