"Eric" bei Netflix: Blau und flauschig, nichts für Kinder

Cumberbatch spielt in Netflix' "Eric" die Hauptrolle
"Eric" sieht aus wie ein magisches Kinderabenteuer, das uns mit Benedict Cumberbatch und einem blauen, flauschigen Monster lockt, aber sie ist in Wahrheit ein gesellschaftlicher Kommentar über Obdachlosigkeit, Homophobie, die AIDS-Epidemie, White Privilege, Korruption, Drogenkonsum und Alkoholmissbrauch.

Benedict Cumberbatch ist eigentlich immer am besten, wenn er Exzentriker spielt (siehe "Sherlock", "Patrick Melrose" und "The Power of the Dog"), und seine neue Rolle ist voller Angeberei, Schreien und Schluchzen. Er spielt den Puppenmeister Vincent, der eine beliebte sesamstraßenartige Kinderserie geschaffen hat. Aber die Einschaltquoten sind im Keller. Seine Chefs beim Sender wollen eine neue Puppe. Vincent interessiert das nicht. Er will niemandem gefallen - auch nicht seiner Ehefrau Cassie (eine wunderbare Gaby Hoffmann), die den Mann nicht mehr aushält.

Da verschwindet inmitten in einer ihrer Streitereien ihr 9-jähriger Sohn Edgar (Ivan Morris Howe). Die Polizei hat ihre Verdächtigen, darunter auch den netten schwarzen Hausmeister, der im Untergeschoß des Wohnhauses der Familie wohnt. Aber der von Wodka und Kokain befeuerte Vincent, der zwischen Halluzinationen und einem völligen Nervenzusammenbruch schwankt, hat eine andere Idee: Er wird eine neue Puppe in seine TV-Serie einbauen, eine Figur namens Eric, die auf den Zeichnungen seines Sohns basiert. Wo auch immer er ist, Edgar wird Eric sehen, so denkt der Vater, und zurück nach Hause zurückkehren.

Diese pelzige blaue Mischung aus Grüffelo und Sulley aus "Die Monster AG" findet dann ihren Weg auf die Bildschirme: als komisch großes, unflätiges Produkt aus Vincents Fantasie, das ihm harte Wahrheiten ins Ohr flüstert (er ist kein sehr guter Vater). In dem Pelzknäuel steckt der englische Puppenspieler Olly Taylor, aber die tiefe, grummelige Stimme stammt von Cumberbatch selbst (er hat auch den Drachen Smaug in der "Hobbit"-Trilogie und den Grinch im gleichnamigen Animationsfilm aus dem Jahr 2018 gesprochen).

Wenn es in den sechs Folgen der Miniserie nur um eine zerrüttete Familie ginge, die mit dem Verschwinden ihres Kindes zurechtkommen muss, wäre das schon genug. Aber "Eric" wurde von Abi Morgan geschaffen, die bereits Filme wie Phyllida Lloyds "Die Eiserne Lady" und den Erotikthriller "Shame" Steve McQueen geschrieben hat, also packt sie auch hier natürlich mehr hinein.

Während die Stunden und Tage verstreichen, geht die Serie tiefer in den Unterleib von New York City der 1980er Jahre und erforscht die sozialen und politischen Probleme dieser Ära. Polizei und Regierung sind korrupt. Immer mehr obdachlose Menschen leben im Kanalsystem der Stadt. Rassismus ist hier genauso eine Epidemie wie AIDS. Der Ermittler (hervorragend: McKinley Belcher III), der den Buben sucht, ist schwarz und schwul. Es kommen Selbstmord, psychische Krankheiten und Ehebruch vor. Das ist eine ganze Menge, aber dank des blauen Wuschelkopfs funktioniert es irgendwie. (Von Marietta Steinhart/APA)

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