APA - Austria Presse Agentur

"Im letzten Sommer": Stiefmutters Jugendliebe

Catherine Breillat (75) ist eine der großen französischen Filmregisseurinnen der Gegenwart. Mit ihren Filmen nach eigenen Romanen oder Drehbüchern sorgte sie immer wieder für Kontroversen, etwa durch explizite Behandlung von Sexualität. Dem steht auch ihr neuer Film "Im letzten Sommer" um nichts nach: Es geht um die Affäre einer Anwältin mit ihrem Stiefsohn. Der Film feierte 2023 in Cannes Weltpremiere, lief bei der Viennale und startet am Donnerstag in den heimischen Kinos.

Der 17-jährige Théo (Samuel Kircher) bereitet seinem Vater Pierre (Olivier Rabourdin) Sorgen. Vorstrafen und Auseinandersetzungen mit seinen Lehrern lassen erahnen, wie schwierig es sein wird, ihn zu einem Schulabschluss und zu einer Integration in die Gesellschaft zu bewegen. Pierre holt ihn zu sich, in die Familie, die er mit seiner zweiten Frau Anne (Léa Drucker) und ihren gemeinsamen Adoptiv-Zwillingen aufgebaut hat. Doch in der schicken Villa am Rand von Paris bleibt der Bursch ein frecher, aufsässiger, herausfordernder Fremdkörper - bis seine Stiefmutter dahinter kommt, dass ein Einbruch in die Familienvilla von Théo selbst begangen wurde.

Die Anwältin kann mit solchen Situationen umgehen. Sie stellt Théo ein Ultimatum: Teilnahme am Familienleben oder Auslieferung an die Polizei. Der Stiefsohn kooperiert, und es entsteht die Ahnung einer harmonischen gemeinsamen Zukunft. Bis Théo mit dem Feuer zu spielen anfängt - und Anne tatsächlich entflammt. Nicht nur der Reiz des Verbotenen ist es, der die entstehende Affäre antreibt. Kamerafrau Jeanne Lapoirie zeigt schonungslos die Anziehungskraft und die Lust, die ein junger Körper zu wecken versteht. Wir sehen Anne im Liebesspiel mit ihrem Partner und mit ihrem jungen Liebhaber. Ohne den deutlich älteren Mann zu denunzieren, sind es die kleinen, feinen Unterschiede im Gesicht der Hauptdarstellerin, die das Begehren nachvollziehbar machen. Möglicher Machtmissbrauch seitens der erwachsenen Frau ist kein Thema.

Die verhängnisvolle Affäre bleibt nicht ewig geheim, und Breillat zeigt, wie unterschiedlich der Betrogene und das einander leidenschaftlich verbundene ungleiche Paar damit umgehen - die eine oder andere Überraschung inklusive. Breillat hat sich bei "Im letzten Sommer", ihrem ersten Film nach zehnjähriger Leinwandpause, von dem 2019 gedrehten Streifen "Königin" der Dänin May el-Toukhy inspirieren lassen - und das Ende dabei ein wenig abgeändert.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)