APA - Austria Presse Agentur

"Leave the World Behind" bei Netflix: Die Obamakalypse

Zwei Familien, eine weiß und eine schwarz, versuchen unter einem Luxusdach auszukommen, während draußen die Apokalypse tobt.

"Leave the World Behind", ein mit Stars besetztes Kammerspiel, wurde von den Obamas produziert. Es ergibt Sinn, zumal es in der Literaturverfilmung um den unterschwelligen Rassismus liberaler Weißer in Amerika geht. Mit mehr als nur einem Hauch von Hitchcock. Abrufbar bei Netflix.

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Barack und Michelle Obama gewannen Verfilmungsrechte 

Im Jahr 2021 war der Roman von Rumaan Alam "Leave the World Behind", hierzulande bekannt als "Inmitten der Nacht", in aller Munde, sodass ein regelrechter Bieterwettstreit um die Verfilmungsrechte entbrannte, den schließlich Barack und Michelle Obama gewannen. Mit ihrer Firma Higher Ground Productions, die exklusiv für Netflix produziert, will das ehemalige Präsidentenpaar etwas über gewichtige Themen wie Klasse und Rassismus in Amerika sagen - und genau das tut der neue Film unter der Regie von Sam Esmail, dem Schöpfer des TV-Thrillers "Mr. Robot".

Julia Roberts und Ethan Hawke in den Hauptrollen

Julia Roberts und Ethan Hawke spielen Amanda und Clay, ein New Yorker Yuppiepaar mit zwei Kindern im Teenageralter. "Ich hasse Menschen", sagt die Mutter gleich in der ersten Szene und das ist natürlich ein Bonmot aus dem Mund von Amerikas "Darling". Julia Roberts war selten so unsympathisch. Aus einer Laune heraus mietet sie eine Luxusvilla in den Hamptons. Zentrale Klimaanlage, Küchenarbeitsplatten aus Marmor und ein üppiger Pool.

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Die Dinge laufen zuerst sehr urlaubsfreundlich ab, da wird ein Familienpicknick am Strand von einem riesigen Öltanker unterbrochen, der auf Grund läuft. Der Schock ist noch nicht einmal überwunden, da klopft es mitten in der ersten Nacht unheilvoll an der Tür. Ein schwarzer Mann (Mahershala Ali) steht in Smoking mit seiner erwachsenen Tochter (Myha'la Herrold) draußen. Sie behaupten, die Eigentümer des Hauses zu sein, die wegen eines Stromausfalls aus Manhattan geflohen sind. Man weiß nichts Genaues. Vielleicht ein Blackout. Könnten sie nicht vielleicht über Nacht bleiben?

Amanda stört sich sehr daran, weil sie nicht glauben kann, dass dieses schicke Designerhaus einem Schwarzen gehört, aber der freundliche Clay macht sich noch mehr Sorgen darüber, dass die beiden rassistisch auf die Fremden wirken könnten. Sie erlauben ihnen zu bleiben, aber Vater und Tochter müssen in ihrem eigenen Haus im Gästezimmer im Keller übernachten.

Die gesellschaftliche Rollendynamik wird in Esmails Film sehr schnell sehr klar. In seinen besten Momenten spielt "Leave the World Behind" mit all unseren modernen Unsicherheiten, mit Alltagsrassismus, und dem Gefühl, dass, wie einer es treffend ausdrückt, "niemand die Kontrolle hat". Am nächsten Tag gibt es keine Handyverbindung, das Fernsehsignal und das Internet sind tot. Flamingos landen im Pool, und die Autobahn ist durch eine Massenkarambolage selbstfahrender Teslas blockiert. Wer steckt dahinter? Elon Musk? Haben Cyberterroristen Amerika angegriffen? In einer kleinen Rolle spielt Kevin Bacon einen Nachbarn, der glaubt, dass Nordkorea daran schuld sei. "Oder vielleicht China", sagt er.

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Der Regisseur meistert die steigende Paranoia perfekt und es gibt durchwegs optische Schmankerl. Wer die Miniserie "Homecoming" gesehen hat, weiß, dass Sam Esmail ein Bewunderer von Hitchcock ist. "Die Vögel" hallt im Film mehr als einmal wider. So auch "Der unsichtbare Dritte" in einer Actionszene mit Mahershala Ali in der Rolle des Cary Grant, der versucht, einem abstürzenden Flugzeug zu entkommen.

Ähnlich wie andere Geschichten interessiert man sich hier für den Zerfall der Gesellschaft im Angesicht einer Katastrophe. Ein Nachbar knallt einem verzweifelten Mann die Tür vor der Nase zu. Ein verängstigter Clay saust an einer um Hilfe bettelnden Spanierin vorbei. Die Tochter betreibt Realitätsflucht. Lebensmittel werden gehortet. Die Waffen werden gezückt. Im Grunde braucht es keine Terroristen. Der Mensch, so der Film, zerstört sich von ganz allein.

(Von Marietta Steinhart/APA)