APA - Austria Presse Agentur

"Passages": Sinnlicher Liebesdreier ab Donnerstag im Kino

Der neue Film von Ira Sachs hat einen etwas langweiligen Titel, aber sein Inhalt ist weitaus aufregender. "Passages" ist ein heißer und chaotischer Wirbelwind von einem Film über einen besonders argen Narzissten, gespielt von Franz Rogowski, der hin- und hergerissen ist, zwischen seinem Ehemann und einer Frau. Ein fast schon unromantisches Beziehungsdrama mit einem Touch von Fassbinder. Ab Donnerstag im Kino.

Tomas im Film des amerikanischen Indieregisseurs Ira Sachs ist wirklich eine ganz besondere Art von Egozentriker. Er stürzt durchs Leben ohne Rücksicht auf die Menschen um ihn herum, einschließlich derer, die er behauptet zu lieben. Er nimmt sich, was er will, wann er will. Er manipuliert Menschen mit Sex. Er hüpft ins Bett einer Frau, während das Bett seines Ehemannes noch warm ist. Dass er so lange damit durchkommt, hat zum Teil mit dem gut geschriebenen Drehbuch von Ira Sachs und Mauricio Zacharias zu tun, und zum Teil mit Franz Rogowski ("Große Freiheit"), der großartig ist, als narzisstischer, aber charmanter, deutscher Filmemacher, dessen Lispeln und ständig vertiefte Augen der Figur dabei helfen, die Süße eines Welpen auszustrahlen.

Wir treffen ihn zum ersten Mal am Pariser Set eines Films, bei dem er Regie führt. Er brüllt gerade einen Schauspieler an, weil er nicht ordnungsgemäß eine Treppe hinuntergeht, also so, wie Tomas das möchte. Die Menschen um Tomas herum wissen nur allzu gut, dass er ein anstrengender Choleriker sein kann, aber sie nehmen seine Art meistens mit einem Achselzucken hin.

Niemand tut das geduldiger als sein gutherziger Ehemann Martin, ganz wunderbar gespielt von dem britischen Schauspieler Ben Whishaw ("Das Parfum"). Aber vielleicht ist Tomas diesmal zu weit gegangen. Als er eine Affäre mit einer jungen französischen Frau namens Agathe beginnt, gespielt von Adèle Exarchopoulos ("Blau ist eine warme Farbe"), zeigt er keinerlei Scham. Der zarte Martin ist genervt. Er scheint das gewohnt zu sein. Er ist eindeutig nicht das erste Mal, dass Tomas fremdgeht. Aber die Affäre entwickelt sich bald zu einer vollwertigen Beziehung, und Tomas beginnt, zwischen Agathe und Martin kapriziös hin und her zu wechseln. Er will, nein, er verlangt, beide.

Ira Sachs scheut sich nicht im Geringsten davor, dem Publikum zu zeigen, wie Leidenschaft zwischen diesen Figuren aussieht. Ein nicht zu vernachlässigender Teil der Spielzeit des Films wird mit stürmischen, aber nie reißerischen Szenen im Bett verbracht. Aber natürlich findet nicht nur Sex statt. In einer Szene, in der Tomas und Martin sich streiten, filmt Sachs das Gespräch hinter Tomas, wobei sein Hinterkopf den gesamten Körper seines Mannes verdeckt. Später wird eine Szene zwischen Agathe und Tomas ähnlich dargestellt. Die Metapher ist einfach: Seine Präsenz ist so übermächtig, dass er alle anderen auslöscht.

Das ist auch ein bisschen das Problem mit dem ansonsten sehr vielschichtigen Film. Franz Rogowski saugt den Sauerstoff aus jedem Raum, den er betritt, und jeder Person, die ihn liebt. Auch die Kamerafrau Josée Deshaies scheint von ihm besessen zu sein. Sie jagt Tomas hinterher und ist möglicherweise genauso in ihn verliebt wie Martin und Agathe.

Ira Sachs hat ein Händchen für komplexe, queere Figuren und Beziehungsgeschichten. Wir kennen das aus "Keep the Lights On" (2012) und "Liebe geht seltsame Wege" (2014). Der Amerikaner verzichtet zum Glück auf die Normen von konventionellen Liebesfilmen. Er moralisiert auch nicht. In diesem Sinne ist "Passages" durch und durch unromantisch. Es geht um einen Mann, der seine eigenen Bedürfnisse an erste Stelle stellt und die hart erkämpfte Freiheit jener Menschen, die ihn lieben. Bei der Erfindung dieser Figur zieht Ira Sachs möglicherweise auch seinen Hut vor Rainer Werner Fassbinder, dem großen, extravaganten, deutschen Filmemacher, dessen persönliche Beziehungen ebenso notorisch widerspenstig waren wie seine Filme. Tomas ist ein ganz eigenes Original, aber ob man sich von ihm verführen lässt, das liegt allein beim Betrachter.