APA - Austria Presse Agentur

"Perfect Days": Einfach zufrieden sein

Alle blumigen Einstiege in eine Filmkritik beiseite gelassen und das Ganze auf einen kurzen Satz gebracht: Wim Wenders neuer Spielfilm "Perfect Days" ist schlicht wunderschön, poetisch und einer der im tiefsten Sinne berührendsten Filme des Jahres. Dem deutschen Kultregisseur, der zuletzt eher mit Dokumentararbeiten ("Pina") reüssierte, gelingt das lyrische Porträt eines Mannes, das aus dem Kleinsten das Größte erzählt. Ab Freitag (22. Dezember) im Kino zu erleben.

In "Perfect Days" schildert Wenders den Alltag des schon reiferen Hirayama (Yakusho Koji), der ein ebenso einfaches wie strukturiertes Leben in Tokio führt: Er arbeitet als Toilettenreiniger. Sein Alltag ist dabei geprägt von kleinen Ritualen, von einem eher analogen Zugang zur Welt, wenn er auf dem Weg zur Arbeit seine liebsten US-Songs noch auf Kassette hört und in der Mittagspause das Schattenspiel der Bäume mit einer Kamera fotografiert. Viel mehr packt Wenders nicht in seine Narration und eröffnet damit doch ganze Welten.

Ebenso ungewöhnlich wie der Film selbst ist dabei die Entstehungsgeschichte von "Perfect Days", hatte der 78-jährige Regisseur doch ursprünglich den Auftrag erhalten, eine Kurzdoku über ein Projekt zu drehen, bei dem Stararchitekten 17 öffentliche Toiletten im Tokioter Inbezirk Shibuya gestalteten - woraus dann der Spielfilm erwuchs. Und tatsächlich erinnern die in "Perfect Days" zu sehenden Anlagen eher an Kunstinstallation, die nun als Spielorte für das Leben von Hirayama dienen, der stets im Blaumann von "The Tokyo Toilet" zu sehen ist.

Dabei dauert es lange, bis er das erste Mal die Stimme erhebt. Der Mann mit dem weisen Gesicht ist eher ein Beobachter seiner Mitmenschen. Hirayama ist kein Mann großer Worte, und doch spricht das Gesicht des in Cannes für seine Leistung als bester Schauspieler gewürdigten Yakusho Koji Bände. Einzig der als dauerbrabbelnder Kollege beständig outrierende Takashi (Tokio Emoto) stört hier ungut die Eleganz der Inszenierung.

Hirayama ist hingegen ein genauer Mensch, oder besser gesagt: Er nimmt seine jeweilige Aufgabe ernst. Er kontrolliert die verdeckten Stellen der Pissoirs mit einem Spiegel, geht täglich ins Onsen, speist werktäglich allabends im selben Lokal in einer der Unterführungen der Stadt, liest jeden Abend vor dem Schlafen. Und er wirft jeden Morgen beim Verlassen seines bescheidenen Heimes mit einem Lächeln einen Blick in den Himmel.

Doch auch wenn Hirayama wenig spricht, käme in "Perfect Days" keine Sekunde der Eindruck auf, dass es sich bei ihm um einen mürrischen alten Mann handeln würde. Auch wenn seine perfekten Tage sich beinahe bis aufs Haar gleichen, käme hier niemandem Fadesse in den Sinn. Und auch wenn Hirayama kaum von den anderen beachtet wird, ist "Perfect Days" kein Porträt von Einsamkeit. Anders als in westlichen Produktionen üblich, wird Hirayamas Leben nicht als triste Existenz eines Randständigen begriffen, sondern als ein Leben in der vollkommenen Harmonie.

Aus dieser Perspektive wirft es ein ungutes Licht auf unsere Kultur, dass "Perfect Days" für westliche Augen bisweilen beinahe surreal wirkt. Wie unvorstellbar, wie weit entfernt erscheint die Vorstellung, schlicht mit dem Einfachen zufrieden zu sein. Wie illusorisch, die kleinen Dinge zu schätzen und nicht über das vermeintlich fragile Große und Ganze zu verzweifeln. Wim Wenders gelingt mit "Perfect Days" gleichsam eine Übung in Achtsamkeit und dies mit einem semidokumentarischen Blick, gefilmt im 4:3-Format, das den Blick auf die Figuren konzentriert.

Lediglich im letzten Viertel scheint den Regisseur ein wenig der Mut zu verlassen, weiter auf die von ihm geschaffene Atmosphäre zu setzen. Kleinere Begegnungen bringen Hirayamas wohltemperierte Routine ein wenig aus dem Gleichgewicht. Es sind kleine Irritationen, die den steten Fluss der Dinge in eine leicht neue Bahn lenken. So wird gegen Ende von "Perfect Days" hin mehr gesprochen, als es der Magie des Films guttut.

Ungeachtet dieser kleinen Abflachung stellt "Perfect Days" dennoch die frappante Fähigkeit des deutschen Kultregisseurs Wim Wenders unter Beweis, sich in andere Kulturen und Mentalitäten nicht nur einzufühlen, sondern einzuleben. So wie er in Werken wie "Paris, Texas" oder "Don't come knocking" paradigmatisch die amerikanische Seele auslotete, war es in "Das Salz der Erde" die lateinamerikanische Perspektive eines Sebastião Salgado oder in "Buena Vista Social Club" die Mentalität Kubas. Und auch sein "Perfect Days" ist nun japanisch in einer fast distanzlosen Authentizität, die für sich einnimmt.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)