APA - Austria Presse Agentur

"Persona Non Grata" mit Gerti Drassl

Als die ehemalige Skiläuferin Nicola Werdenigg 2017 von sexuellen Übergriffen in ihrer Karriere berichtete, löste das ein Erdbeben im heimischen Skisport aus. Angelehnt an ihre Geschichte, kommt am Freitag Antonin Svobodas Drama "Persona Non Grata" mit einer fantastischen Gerti Drassl in der Hauptrolle ins Kino. Ein Film, der behutsam mit seinen Figuren und ihren Schicksalen umgeht, es dabei aber versteht, den Finger in die Wunde zu legen.

Gleich zu Beginn macht Svoboda deutlich, dass er sich zwar an Werdeniggs Erlebnissen orientiert, aber kein Biopic im Sinn hat. Stattdessen beruht der Film "auf wahren Begebenheiten", wie zu lesen ist, und nimmt sich damit eine erzählerische Freiheit, die nichts von den schockierenden Ereignissen auslässt, aber der Handlung und Figurenentwicklung letztendlich zugute kommt. Vor allem findet Svoboda, der auch das Drehbuch verfasst hat, gemeinsam mit seiner Hauptdarstellerin die richtigen Bilder, um die inneren Konflikte und den Schmerz, den diese Person jahrelang mit sich getragen hat, auch ohne Worte zu vermitteln.

Es ist ein schmerzlicher Moment, in dem wir der früheren Profirennläuferin Andrea Weingartner (Drassl) erstmals begegnen. Ihr Mann liegt im Sterben, wovon ihre erwachsene Tochter Sara (Maya Unger) offenbar nur wenig mitbekommen hat. Es ist ein angespanntes Familienverhältnis, das sich hier andeutet, letztlich aber erst in der Beziehung zu Andreas Eltern ihre ganze Entfaltung findet. Beim Erinnern an den Toten kommt die Sprache nämlich schnell auf die Sportkarriere der Tochter, die von all dem nichts mehr wissen will. Ganz anders die dominante Mutter, früher ebenfalls Skiläuferin und nun erfolgreiche Hotelbesitzerin. So viel wäre möglich gewesen für Andrea, oder nicht?

Eher zufällig kommt in dieser frühen Phase des Films sexueller Missbrauch im Nachwuchssport zur Sprache. Der Skiverband will sich des Themas stärker annehmen, Andrea wird als eine mögliche Kandidatin für die Öffentlichkeitsarbeit genannt, doch eine Männerriege schiebt dem schnell den Riegel vor. Wozu mit der Schneeräumung beginnen, wenn es gar nicht geschneit hat? Doch ein von vielen weggewischtes Erlebnis eines jungen Mädchens weckt etwas in der Frau, die sich fortan selbst auf die Suche nach den Hintergründen macht - und dabei ihre eigene Vergangenheit aus einem scheinbar längst versperrten Winkel ihrer Erinnerung hervorholt.

Was folgt, ist bekannt: Andrea vertraut sich einem Journalisten an, der zuvor über einen Missbrauchsfall in einer anderen Sportart geschrieben hat, und schildert ihr Schicksal: Vom Drill in der Kaderschmiede über die ersten Rennen bis zu den mehrfachen Übergriffen durch Kollegen, Trainer, Direktoren. Sie hat all das nicht nur beobachtet, sie hat es selbst erlebt. Dabei gehe es ihr nicht um einzelne Namen, sondern um das System an sich. Von der Rechtsberatung der Tageszeitung wird sie noch vor der Veröffentlichung gewarnt - und dennoch entschließt sich Andrea, ihrem Instinkt zu folgen und nach nur kurz aufblitzenden Zweifeln den Weg an die Öffentlichkeit zu wagen.

Was all das für die Frau bedeutet, vermittelt Drassl in beeindruckender Weise. Oftmals legt sie ihre Füße in Eiswasser, ein Ausflug auf die winterlichen Berge ihrer Tiroler Heimat endet ebenfalls mit bloßen Füßen im eiskalten Schnee. Die Ruhe, die Entlastung, das ganz bei sich Sein blitzt hier immer wieder auf und unterstreicht das Bild einer Person, die keinen Schritt unbedacht wählt, sondern sich klar darüber ist, was möglicherweise über sie hereinbrechen wird. Sukzessive findet sie auch Tochter Sara an ihrer Seite, die ihrerseits mit einem Schicksalsschlag zurechtkommen muss und nicht nur die Geschichte ihrer Mutter, sondern auch die Rolle der Großeltern zu hinterfragen beginnt.

Auch vermeintliche Täter in Form früherer Kollegen von Andrea tauchen in "Persona Non Grata" auf, doch wie seiner Hauptfigur geht es dem Film nicht um die Anschuldigung einzelner Handelnder, sondern das Nachzeichnen eines ungemein mutigen Schrittes, der in der Realität eine intensive Debatte und letztlich auch die Einrichtung einer Beratungsstelle für Missbrauchsopfer in Sport, Kunst und Kultur nach sich zog. All das wird allerdings nur implizit behandelt, es ist stattdessen der Weg bis zum großen, medialen Knall, der auf äußerst einfühlsame Weise geschildert wird.

"Persona Non Grata" lässt, ganz wie sein Thema selbst, keinesfalls kalt. Ein Film, der den Mut einer Einzelnen zeigt, ohne zum Heldinnenepos verkitscht zu werden. Ein Film, der abermals deutlich macht, wie lange Machtmissbrauch und das Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen ohne Widerworte ertragen werden mussten. Für Drassl ist es eine Tour de Force, die sie meisterhaft bewältigt und dabei besonders den ruhigen Abschnitten eine ungemeine Dringlichkeit verleiht. Am Ende darf ihre Figur zwar ebenso wie das Publikum aufatmen - aber das Gesehene und Gehörte wird noch lange nachwirken.