"Small Things like These": Dunkler Berlinale-Eröffnungsfilm

Cillian Murphy spielt Hauptrolle des "Bill"
Glockengeläut zu Beginn und am Ende des Films: Kein Zweifel, die Rolle der Kirche in dem kleinen irischen Ort New Ross im Jahr 1985 ist unüberhör- und unübersehbar. Sich gegen die Kirche zu stellen, kann gefährlich werden. In New Ross spielt "Small Things like These", der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale: Eine irisch-belgische Koproduktion von Tim Mielants nach dem gleichnamigen Roman von Claire Keegan.

Es ist Vorweihnachtszeit, und der Kohlenhändler Bill Furlong (Cillian Murphy) hat alle Hände voll zu tun. Allabendlich kehrt der wortkarge Mann schwarz verschmiert heim zu seiner Frau und den fünf Töchtern. Ein kleines Idyll, könnte man meinen. Und doch bedrückt Bill etwas.

Die kurze Begegnung mit einem armen Buben auf der Straße wird zur Begegnung mit der eigenen unaufgearbeiteten Kindheit. Immer wieder kehren in Rückblenden Bills Gedanken zurück in jene Zeit, als er ohne Vater und Mutter erwachsen werden musste. Wie Mosaiksteinchen formen sich die Rückblenden zum Bild einer unglücklichen Kindheit.

Die Kohleauslieferung im Kloster des Ortes macht den warmherzigen und großzügigen Bill aufmerksam. Die Mädchen des Heims, in grauen Kitteln wie Sträflingskleidern, werden von den Schwestern rüde herumkommandiert. Auch er selbst als Dienstleister bekommt deren Arroganz und Schärfe zu spüren.

Das Leid der Mädchen im Kloster und die drängenden Erinnerungen treiben, besonders als er eines der Mädchen eingesperrt im Kohlenkeller findet, auf eine Eruption hin, denn in Bill brodelt es immer mehr. Ob das Ende des Films nicht den Anfang eines weiteren, eines neuen Dramas im Leben des Kohlehändlers auslösen könnte, ist nicht ausgeschlossen.

"Small Things like These" ist ein düsterer Film, in dem die Sonne kaum scheint. Die Wohnungen sind eng, die Straßen des Ortes schmal. Die meisten Szenen spielen spätabends, nachts oder frühmorgens. Mitunter hebt der Film für wenige Augenblicke ins Surreale ab, etwa wenn um diese Zeit Betriebsamkeit herrscht oder Menschen in den Gassen beisammen stehen.

Cillian Murphy ist als stiller Bill fast ständig im Bild, spricht aber am wenigsten von allen. Sein stets schweres Atmen ist als Stilmittel allerdings eine Spur zu häufig eingesetzt. Die Ehefrau und sorgende Mutter im Haus (Eileen Walsh) kennt die Macht der Kirche im Ort und möchte es sich nicht mit ihr verscherzen. Immerhin gehen die Mädchen im Kloster zur Schule. Emily Watson lässt als Schwester Mary hinter frömmelnder Fassade ein bedrohliches Kalkül durchblitzen, ein sehr diesseitiges Wissen um Machtspiele und subtilen Druck. Doch kommt diese Macht über den Ort im Film etwas zu kurz.

Zwischen 1926 und 1996 wurden in irischen Klöstern, in so genannten Magdalenenheimen, Tausende gefallener Mädchen "zur Besserung" aufgenommen. Viele von ihnen verloren ihre Kinder dort, heißt es im Abspann des Films.

Für Cillian Murphy, der den Film auch mit produziert hat, ist die Figur des Bill "ein Christ, der versucht, christlich zu sein in einer unchristlichen Gemeinde". In der Pressekonferenz der Berlinale sprach er von einem "Trauma für viele in Irland, die es erlebt haben". Manche würden noch immer darunter leiden. "Das Buch war eine Erlösung", sagte Murphy. Buch und Film könnten da mehr erreichen als manches Projekt der Regierung.

(Von Stefan May/APA)

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