APA - Austria Presse Agentur

Theaterfrau Emmy Werner wird 85

Vergangene Woche war Emmy Werner das erste Mal seit längerem wieder in einer Premiere des Volkstheaters. Vor Beginn der "Malina"-Vorstellung wurde sie in einer Loge umlagert wie in alten Zeiten. Dass sie von 1988 bis 2005 das Haus geleitet hat, ist vielen noch in bester Erinnerung - und beileibe nicht nur Theater-Insidern. Am 13. September feiert die Wiener Schauspielerin, Regisseurin und langjährige Theaterleiterin ihren 85. Geburtstag.

Als die APA mit ihr am Freitagnachmittag vor der Premiere telefoniert, sitzt sie im Museumsquartier in der Sonne und wirkt energiegeladen wie eh und je. Vier verschiedene Menschen hätten sie in der vergangenen halben Stunde erkannt und angeredet, erzählt sie. "Ich gebe zu, das freut mich. Da fühle ich mich am Goderl gekratzt." Emmy Werner hat sich nicht verändert: Sie sprudelt im Gespräch darauf los, nimmt sich kein Blatt vor den Mund und redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Rau, aber herzlich, fordernd, aber stets leidenschaftlich - so haben sie alle kennengelernt, die mit ihr zu tun hatten. "Es gibt nur ein Mittel zum Jungbleiben: sich ärgern", lacht sie.

Aktuell ärgert sie etwa, dass am Volkstheater die Direktorensuche schon wieder losgeht. Direktor Kay Voges schätzt sie sehr - und hat ihm einen Brief geschrieben, in dem sie ihm viel Glück für Köln wünscht. Dass er mit Umbau und Corona unter erschwerten Bedingungen gestartet sei, dürfe man nicht vergessen, dass er auch nicht einfache Dinge durchzusetzen versuche, rechnet sie ihm hoch an. "Wir haben damals auch manchmal vor 50, 60 Zuschauern gespielt - und hatten noch viel mehr Plätze als heute", erinnert sie sich. Ärger bereitet ihr auch, dass Burgtheater-Direktor Martin Kusej keine zweite Amtszeit gewährt wurde.

Emmy Werner wurde am 13. September 1938 in Wien in eine künstlerische Familie hineingeboren. Großvater Eduard Prandl zeichnete als Architekt u.a. für den Bau des Johann-Strauß-Theaters, des späteren Scala-Theaters, verantwortlich, ihre Großmutter Emma war Artistin. Ihr Vater Hans Werner (1898-1980) hatte sich als Schriftsteller und Textautor von Wienerliedern einen Namen gemacht, und die Mutter trat als Tänzerin an der Wiener Volksoper auf. Ihre Schauspielausbildung absolvierte Werner in den Jahren 1957 bis 1959 bei Otto Kerry, Maria Luise Rainer und Eduard Volters. 1959 heiratete sie den Schauspieler und Regisseur Georg Lhotzky, die Ehe wurde 1974 geschieden, ihr entstammt der gemeinsame Sohn Alexander, der ebenfalls Schauspieler wurde und 2016 im Alter von 56 Jahren starb.

Ihre Karriere als Schauspielerin begann Emmy Werner am Theater der Jugend. Es folgten Engagements an der Josefstadt und am Volkstheater sowie diverse Hörfunk- und Fernsehauftritte. Nachdem sie einige Zeit gemeinsam mit Stella Kadmon das Theater der Courage geleitet hatte, gründete Werner in der Spielzeit 1979/80 mit erheblicher finanzieller Eigenleistung das Theater in der Drachengasse und entwickelte es in den folgenden Jahren zu einer neuen Adresse für avanciertes zeitgenössisches Theater. 1984 wurde der Drachengasse als zweiter Spielort der Raum Courage angeschlossen.

1987 war für sie dort "der Plafond erreicht", schreibt sie in ihrem zum 80er erschienenen Buch "... als ob sie Emma hießen. Eine Nachbetrachtung". "Sie wollte wieder eine Rolle vorwärts machen und spielte damals sogar mit dem Gedanken, sich für ein Landestheater zu bewerben." Doch am Volkstheater suchte man dringend eine Nachfolge für den scheidenden Direktor Paul Blaha. Wie sie die entscheidenden Gespräche wahrnahm, und wie Bürgermeister Helmut Zilk sie mit einem "Alles Gute, Frau Direktor!" verabschiedete, ist in ihren Erinnerungen ebenfalls nachzulesen. Am 1. September 1988 übernahm Emmy Werner die künstlerische Leitung des Volkstheaters - als Pionierin im deutschsprachigen Raum.

Sie etablierte das Volkstheater als Ort der Pflege der österreichischen "Klassiker" Grillparzer, Nestroy und Raimund und als Bühne für zeitgenössische Dramatik. Stücke von Gustav Ernst, Elfriede Jelinek, Peter Turrini, Franzobel, Marlene Streeruwitz und Gert Jonke wurden hier uraufgeführt oder nachgespielt. Ein besonderes Augenmerk legte sie auf Frauenthemen, mit denen sie traditionell in die Saison startete. 200 Premieren hatte Werner in ihren 17 Saisonen allein im großen Haus zu verantworten, regelmäßig war sie dabei selbst als Regisseurin tätig, etwa bei Bahrs "Das Konzert" (2004), Horvaths "Don Juan kommt aus dem Krieg" (2003), "Lumpazivagabundus" (1999) oder Jelineks "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte", wofür sie 1993 den Skraup-Preis für Regie erhielt.

Mit Ende der Saison 2004/2005 verabschiedete sie sich mit einem langen "Feierabend" und erhielt die Ehrenmitgliedschaft des Hauses sowie das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien. Das Buch "Der eigene Blick - Das Volkstheater Wien 1988-2005" hat die künstlerischen Leistungen ihrer Direktion festgehalten.

Danach zog sich Emmy Werner weitgehend aus dem künstlerischen Leben zurück. Mit Inszenierungen des "Bettelstudenten" in Linz, Klagenfurt und München konnte sie endlich ihre Liebe zum Musiktheater ausleben, "Der Bockerer" (2007) am Landestheater Niederösterreich und "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" (2017) in Gutenstein waren noch einmal Ausflüge zum Sprechtheater. Heuer im Juli saß sie in Reichenau auf der Bühne und absolvierte mit Prinzipalin Maria Happel ein Gespräch im Rahmen der "Frauenzimmer"-Reihe. Die Reaktionen seien euphorisch gewesen, berichtet Emmy Werner strahlend. "Sogar ein Heiratsantrag war darunter." Theaterspielen, das komme für sie allerdings nicht mehr infrage, sagt sie, die eine oder andere kleine Filmrolle würde sie allerdings noch durchaus reizen. Und "zitzerlweise" sei sie gerade dabei, ihr Buch "... als ob sie Emma hießen" als Hörbuch aufzunehmen.

Die Geburtstagsfeier am Mittwoch wird klein ausfallen, gefeiert wird dabei auch der Bachelor-Abschluss ihrer Enkelin, erzählt Emmy Werner. "Groß gefeiert wird dann wieder der Hunderter ..."