Wenn ältere Frauen jüngere Männer daten: Wo liegt das Problem?

Ältere Frau, jüngerer Mann in einer Beziehung. Wo ist das Problem?
Wenn ältere Frauen jüngere Männer daten, ist das in unserer Gesellschaft anscheinend immer noch ein Thema. Aber wieso eigentlich?

Madonna, J-Lo, Heidi Klum und Olivia Wilde – sie alle haben es bereits getan: Junge beziehungsweise deutlich jüngere Männer zu daten. Kult-Star Chers neuester Boyfriend ist sogar ganze 40 Jahre jünger als sie.

Was bei Männern ohne mit der Wimper zu zucken toleriert wird, scheint die Öffentlichkeit im Falle einer Frau schwer zu beschäftigen. Ein aktuelles Beispiel: Rund um das "Don't Worry Darling"-Drama häuften sich Berichte, in denen diskutiert wurde, ob Harry Styles nicht zu jung für Olivia Wilde sei, die zehn Jahre älter als der Brite ist. Dieser sprach sogar von Anfeindungen und Beleidigungen gegen seine Freundin im Internet.

Statistik rund um Age-Gap

Ein sogenannter "Age-Gap", also Alterslücke, entsteht dann, wenn die beiden PartnerInnen ein Altersunterschied von mehreren Jahren trennt. Aber was wird in dieser Hinsicht als "normal" angesehen, und wer macht die Regeln? Setzt man sich mit den Zahlen auseinander, so einigten sich ForscherInnen laut "ExecutiveMatchMakers" darauf, dass man von einem "Age Gap" erst bei einem Altersunterschied ab rund zehn Jahren spricht.

Schaut man auf die österreichische Heiratsstatistik, so fällt auf, dass die Daten bei heimischen Paaren laut "Statistik.at" in den letzten Jahrzehnten konstant Folgendes angezeigt haben: Der Mann ist in 72,5 Prozent der Fälle älter als die Frau. Jedoch hat sich laut Statistik auch das in den letzten 40 Jahren vermindert und speziell die jüngere Gruppe zwischen 20 und 29 Jahren fiel durch abweichendes Dating-Verhalten auf.

Laut einer Analyse der "University of Atlanta" wurden Faktoren eruiert, die auf Indikatoren für schnelle Trennungen in Beziehungen hinweisen. Nach der Erhebung mit 3.000 ProbandInnen stellte sich heraus, dass auch der Altersunterschied eine große Rolle spiele: PartnerInnen mit dem gleichen Alter hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, länger zusammen zu bleiben. Dies war laut Befragungen der ähnlicheren Lebenssituation geschuldet, die zu weniger Konflikten führte.

Wer hat ein Problem mit dem großen Altersunterschied?

Dass unserer Gesellschaft bei der Verurteilung von großen Altersunterschieden nur das Wohl der Beziehung am Herzen liegt, ist wahrscheinlich nicht der Grund für die öffentliche Empörung. Vielleicht echauffiert man sich über den Bruch mit starren, sozialen Normen, die die veralteten Rollenbilder von Mann und Frau in Beziehungen beherrschen? Ein Mann hat demnach zu dominieren und eine Frau "darf" sich beschützen lassen. Alter bedeutet vielleicht auch Macht. Und wer älter ist, dem wird eventuell auch ein größerer Wert in einer Beziehung zugeschrieben, man gibt den Ton an.

Mommy-Komplex, Daddy-Komplex

Im Interview mit "T-Online" erklärt die Beziehungsexpertin Silvia Fauk, dass Paare, die einen großen Altersunterschied aufweisen, manchmal erst dann, wenn sie ein gewisses Alter erreichen, erkennen, dass ihre Lebensentwürfe nicht mehr zueinander passen. Fauk spricht bei der PartnerInnenwahl von gewissen Mustern. So sollen Menschen, die immer wieder viel ältere PartnerInnen anziehen, ein psychologisches Muster aufweisen: "Dahinter steckt häufig ein Mutter- oder ein Vaterkomplex".

Frauen älter als Männer: Warum ist das noch Thema?

Was psychologisch vielleicht schnell nach den Ideen Sigmund Freuds klingt, sollte man sich vielleicht nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Man verliebt sich schließlich in die Person und nicht in das Alter. Aber warum ist es dann überhaupt ein Diskussionsthema, wenn die Frau auch nur ein paar Jahre älter ist als der Mann? Ist diese Haltung im Jahr 2022 nicht fast schon unfeministisch? In Zeiten, in denen Frauen sehr wohl das Abendessen für Männer bezahlen und sich auch noch einige andere Spielregeln im Dating geändert haben, sollte dies doch gar kein Thema mehr sein!

Feministische Gedanken um Altersunterschied

Spätestens in Konversationen mit FreundInnen zeigt sich, dass ein (deutlich) jüngerer Mann noch immer von der festgefahrenen Norm abweicht. Vielleicht spielen dabei falsche Aussagen wie "Frauen entwickeln sich schneller als Männer, deshalb gleicht ein Altersunterschied eine mögliche Dissonanz aus" noch immer eine Rolle. Oder wir Menschen sind am Ende des Tages doch triebgesteuerter als wir denken und werden von Urängsten, wie dem Überleben in der Wildnis oder dem Beschützen unserer Nachkommen, gelenkt?

Dass Hard Facts wie Alter, Größe, finanzieller Status oder Körperbau einen gewissen Einfluss auf die PartnerInnenwahl hat, ist auch wissenschaftlich belegt. Sogenanntes "Downdating", also Dating unter seinen eigenen Standards, kommt laut der Dating-Plattform "Elitepartner" nur für die wenigsten Frauen in Frage. Dass Frauen also genau wissen, was sie wollen und sich das, im Vergleich zu früher, auch nehmen können, ist doch eine begrüßenswerte Entwicklung. Inwiefern wirken aber noch veraltete Denkweisen in uns allen mit?

Reflexion der eigenen Denkmuster

Die eigenen Denkmuster zu reflektieren und sich selbst zu fragen, ob man Meinungen nur aus sozialer Erwünschtheit vertritt, schadet wohl selten. Denn es wäre traurig, sich vor einer potenziellen Beziehung zu verschließen, nur weil die Rahmenbedingungen von der Gesellschaft definiert wurden. Man kann eine Beziehung schließlich genau so gestalten, wie man selbst und der/die Partnerin dies eben leben würde.

Dann kann das Umfeld gerne eine unqualifizierte Meinung kundtun, die sowieso an euch abprallen wird  – denn ihr seid Lotus! Jetzt heißt es nurmehr, bei sich selbst anfangen und Mauern niederreißen. Eine Aufgabe, die wohl auch keine kleine ist.

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