APA/HELMUT FOHRINGER

Alltag auf der Corona-Station: "Erschreckend, was diese Krankheit anrichten kann"

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf MedizinerInnen aus? Wir haben mit zwei ÄrztInnen aus Niederösterreich über ihren Alltag auf einer Corona-Station gesprochen.

Die Corona-Pandmie hat 2020 fest im Griff. Wir tragen Mundschutzmasken, halten Abstand von unseren Mitmenschen und tun alles, um uns vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Laut der "Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES)" haben sich mehr als 330.000 Menschen in Österreich seit Februar 2020 mit COVID-19 angesteckt. Mehr als 4.800 ÖsterreicherInnen sind an oder mit dem Virus verstorben. 

Wir sorgen uns um unsere Gesundheit und tun unser Bestes, um diese Pandemie zu überstehen. Doch wie erleben die österreichischen ÄrztInnen den Alltag auf der Corona-Station und wie sind die Zustände dort? Wir haben mit zwei MedizinerInnen aus Niederösterreich gesprochen, die auf einer Corona-Normalstation arbeiten. 

Im Alltag auf einer Corona-Station hat man weniger Zeit, sich mit den PatientInnen zu befassen: "Man ist mehr auf der Station selbst unterwegs, sieht sich die Werte an und geht nur sehr kurz und gezielt zu den PatientInnen“, erklären die ÄrztInnen. "Die Infizierten sind sehr krank. Sehr viele sterben – wirklich viele", erklären die MedizinerInnen. Wie viele genau, können sie nicht sagen, denn die Zahlen variieren täglich. Eines ist jedoch sicher: "Es ist wirklich erschreckend, was diese Krankheit anrichten kann."

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Das Corona-Risiko wird häufig unterschätzt

Denn besonders Großeltern, die sich dem Infektionsrisiko aussetzen, um ihre Enkelkinder zu sehen, vergessen oft, dass sie wirklich schwer krank werden könnten. "Die PatientInnen auf der Station sind im Durchschnitt zwischen 55 und 95 Jahre alt. Es trifft aber auch Jüngere, gerade die, die Vorerkrankungen haben", erzählen die ExpertInnen weiter. Unter den StationspatientInnen sind auch viele ältere Erkrankte, die keine Intensivbetten mehr bekommen. 

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Auf der Corona-Normalstation werden meist PatientInnen behandelt, die unter Atemproblemen oder einer eingeschränkten Lungenfunktion leiden und daher Sauerstoff benötigen. Verschlechtert sich der Zustand der PatientInnen, müssen diese auf die Intensivstation verlegt werden. Laut der "AGES" werden zurzeit mehr als 2.800 PatientInnen auf der Corona-Normalstation behandelt. Über 540 Erkrankte liegen auf der Intensivstation. 

Auch im Krankenhaus gibt es Corona-Cluster

Um sich vor einer Ansteckung im Krankenhaus zu schützen, wurden Schutzmaßnahmen entwickelt, die enorm aufwendig sind. PatientInnen, die beispielsweise für eine Operation zwischen den zwei Corona-Wellen aufgenommen wurden, mussten mindestens drei Tage vor der Aufnahme einen negativen COVID-Test vorweisen.

Damit konnte man die Ausbreitung so gut es ging einbremsen, doch seitdem die Infektionszahlen wieder extrem in die Höhe geschossen sind, war das einfach nicht mehr möglich. Kein Wunder, denn laut der Statistik betrug der Tageshöchstwert in Österreich am 26. März 1.321 Neuinfektionen. Im Vergleich dazu wurde am 13. November der Rekordwert von 9.586 Neuinfektionen an einem Tag festgehalten. 

"So hat die Krankheit auch einen Weg auf die Station gefunden“, sagen die ÄrztInnen. Auch durch das Personal, denn es fallen immer wieder MitarbeiterInnen aus. Viele Menschen unterschätzen die Tatsache, dass sich viele PatientInnen auch im Krankenhaus anstecken.

Doch aufgrund der hohen Fallzahlen ist nur schwer nachvollziehbar, wie eine Infektionskette im Spital abgelaufen ist. Dadurch sind leider auch PatientInnen gestorben, die sich im Krankenhaus aufgrund eines Eingriffs oder einer Behandlung aufgehalten und mit dem Virus infiziert haben.

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Auf den Stationen gibt es immer weniger Platz, was die Krankenhäuser dazu veranlasste, einzulenken: "Durch enorme Umstrukturierungen sind auch Beatmungshilfen auf der Normalstation möglich, die sonst nur auf der Intensivstation verfügbar wären", erklären die ÄrztInnen. "Ohne diese Möglichkeit, wären die Intensivstationen schon komplett überfüllt."

Viele von uns kennen die Fotos von schwerkranken Corona-PatientInnen, die an Beatmungsmaschinen um ihr Leben kämpfen. Bilder, die man nur schwer wieder aus seinem Kopf verbannen kann. Dies setzt natürlich auch dem behandelnden Personal stark zu: "Wir finden es extrem belastend und man spürt im gesamten Krankenhaus eine gewisse Anspannung. Wir sind alle ein bisschen ‘on the edge‘“, sagen die ÄrztInnen.

"Man darf nicht vergessen, dass wir schon seit März gegen diese Krankheit ankämpfen. Auch wenn es im Sommer etwas abgeflaut ist, es war immer im Hintergrund und hat zeitweise durch die Umstrukturierungen zu einer enormen Mehrbelastung geführt“, erklären die ExpertInnen weiter. "Wir sind es gewohnt, mit menschlichem Leid umzugehen, durch die ganzen Umstände ist es aber sehr schwer." Durch die fehlende gewohnte Routine habe das Personal auch häufiger Angst, etwas zu übersehen oder zu vergessen, weil die Station teilweise noch ein "Provisorium" sei. Das führe zu einer zusätzlichen Belastung. 

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Überstunden werden nicht bezahlt 

Die psychische Verfassung leide aber nicht nur dadurch, rund um die Uhr gegen die Pandemie anzukämpfen, sondern auch durch die Vielzahl an Überstunden: "Wir haben noch nie so viele Überstunden gemacht wie dieses Jahr durch Corona." Es werde einfach ignoriert, dass man nur eine gewisse Stundenanzahl arbeiten darf: "Da ist man einfach deutlich drüber", sagen die ÄrztInnen.

Für sie ist es ein großes Anliegen, dass die Mehrarbeit adäquat bezahlt wird. Im Moment gilt die Regelung, dass jährlich nur circa 420 Überstunden bezahlt werden. Laut Bundesgesetz soll die Höchstarbeitszeit von 48 Stunden inklusive Überstunden pro Woche nicht überschritten werden. Das soll einen Anreiz schaffen, nicht zu viel Mehrarbeit zu leisten.

"In der Pandemie schießt es komplett am Ziel vorbei. Jetzt müssen wir ja diese Stunden arbeiten, wir können nicht anders und es wird trotzdem nicht bezahlt. Es ist einfach unfair", sagen die MedizinerInnen.

Ressourcen waren im März ein "knappes Gut"

Auch das Krankenpersonal benötigt ausgiebigen Schutz, um eine Ansteckung zu vermeiden. Dafür tragen die ÄrztInnen, PflegerInnen & Co. Mäntel, Brillen, FFP2- und FFP3- Masken, doppelte Handschuhe, Hauben und in manchen Fällen sogar Schutzschilder.

Zu Beginn der Pandemie war wenig Ausrüstung vorhanden, auch die Qualität der Produkte war teilweise sogar minderwertig. Noch dazu kam die Tatsache, dass im Frühjahr (wie in vielen Krankenhäusern) Ressourcen wie Desinfektionsmittel, Masken, Medikamente & Co. gestohlen wurden. Am Anfang der Pandemie war das ein drastisches Problem, da dieses Inventar ein "sehr knappes Gut" war.

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Krankenhäuser haben zu spät reagiert

Im Gegensatz zum März haben sich der Zustand und die Organisation auf den Corona-Stationen definitiv verbessert. Das Personal hat genug Schutzausrüstung sowie Testkapazitäten. Das sind Rahmenbedingungen, die benötigt werden, um mit diesen hohen Infektionszahlen umzugehen.

Vergleicht man die Höchstwerte der Neuinfektionen von März mit November, ist klar, dass im Moment wesentlich mehr Corona-PatientInnen in den Krankenhäusern sind als im Frühjahr. Die österreichische ÄrztInnenschaft hat im März auf jeden Fall dazugelernt, doch die MedizinerInnen aus Niederösterreich sind sich sicher: "Wir haben in den Krankenhäusern viel zu spät reagiert."

Auf die Frage, ob zu wenig Personal verfügbar ist, zeigen sich die MedizinerInnen einsichtig: "Wir denken nicht, dass zu wenig ÄrztInnen da sind. Es müssen einfach die Ressourcen anders gebündelt und verteilt werden. Das funktioniert im Allgemeinen schon ganz gut." Fehlende Arbeitskräfte werden dennoch mit Überstunden kompensiert: "Es geht sich immer irgendwie aus", wissen die ÄrztInnen. 

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Den ÄrztInnen ist vor allem wichtig, dass die Realität richtig dargestellt wird. Dass es beatmete Corona-PatientInnen nicht nur auf der Intensivstation gibt und dass ÄrztInnen Mehrarbeit leisten, die nicht bezahlt wird. "Es ärgert uns immer, wenn man in den Nachrichten hört, man hat überhaupt kein Problem in den Krankenhäusern, alles läuft super. Das ist einfach eine solche Respektlosigkeit uns gegenüber", sagen die MedizinerInnen. Sie wünschen sich einfach mehr Anerkennung für ihren Job.

Die Verharmlosung des Coronavirus, ImpfskeptikerInnen und -verweigererInnen bringen die ÄrztInnen besonders zur Weißglut. Denn wenn sich nicht die Mehrheit der Bevölkerung impfen lässt, sorgt das dafür, dass die Pandemie nur noch länger andauert.

Angst vor dem Coronavirus haben die zwei ÄrztInnen nicht, sie fühlen sich gesund und wissen, wie hoch das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs bei ihnen wäre. Eine "typische Ärzte-Furcht" bleibt ihnen dennoch: "Wir haben nur Angst davor, auszufallen", sagen die MedizinerInnen.