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Warum der Wurstelprater einer der schönsten Orte Wiens ist

Der Prater ist einer der wenigen Orte in Wien, an dem die Zeit auf eine beruhigende Art und Weise stehen geblieben ist.

Schon 1835 gab es im Wurstelprater, der damals noch Volksprater hieß, die ersten Attraktionen und Kaffehäuser, die die WienerInnen begeistern konnten – und noch heute ist der Prater für viele TouristInnen und auch WienerInnen etwas ganz Besonderes. Für Dorfkinder, die der Wienwoche jahrelang voller Aufregung entgegenfiebern, aber auch für Kinder, die in und um Wien aufgewachsen sind, gilt: Stephansdom schön und gut, auch die Gebäude am Ring sind ganz nett – aber die wahre Perle Wiens ist der Prater, der Ort, an dem einem erst schmerzlich bewusst wird, wie mickrig das alljährliche Volksfest im Nachbarort in Wahrheit ist.

Das Riesenrad, die anderen Fahrgeschäfte und Sehnsuchtsorte auf dem großen Areal im zweiten Wiener Bezirk haben abgesehen von der großen Beliebtheit noch eines gemeinsam: Der Prater entzieht sich der aufgesetzten Hochglanz-Atmosphäre, die man von anderen Vergnügungsparks gewöhnt ist, und zeigt sich seit jeher in seiner grindigen, aber wunderbar heimeligen Pracht, wie es sich eben für Wien gehört.

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Schlendert man heute mit offenen Augen, die ausnahmsweise nicht das Smartphone scannen, durch den Prater, scheint es, als sei an diesem Ort die Zeit stehen geblieben. Auch wenn die teils zerschlissenen Gruselfiguren an den Geisterbahnen und die eine oder andere Außenverkleidung eines Fahrgeschäftes dagegen sprechen, erinnert man sich sofort an das Gefühl, als man als Kind das erste Mal diesen vermeintlich magischen Ort betreten hat. 

Es scheint, als würden Prater-Wahrzeichen wie beispielsweise das legendäre Tagada allen Witterungen, Trends und Jahrzehnten trotzen, als würde sich das Pink der Rückwand jeden Tag von selbst erneuern, damit niemand merkt, dass seit der Inbetriebnahme wohl schon ein paar Jahrzehnte an uns vorübergezogen sind. Auch die popkulturellen Referenzen, in deren Genuss man am Prater alle paar Meter weit kommt, sind heute völlig aus der Zeit gefallen: Geht man an dem Fahrgeschäft namens “Wonderland” vorbei, das von den riesigen Michael-Jackson-Augen geziert wird, die man vom Albumcover zu "Dangerous" kennt, ist man insgeheim froh, dass das aus heutiger Sicht leicht gruselig anmutende Gebäude nicht stilecht “Neverland” getauft wurde.

Nur ein paar Schritte weiter steht in großen Lettern “Fluch der Piraten” auf einer Attraktion geschrieben – in einer Schriftart, die an das Design eines gewissen Piratenfilms mit Johnny Depp erinnert. Ähnlich verhält es sich mit dem “Zug des Manitu”, wobei der Film, auf den sich dieses Fahrgeschäft allem Anschein nach bezieht, wohl älter ist als die BesucherInnen, die sich regelmäßig in der Mitte des Tagada batteln.

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Und obwohl es scheint, als würde die Zeit am Wiener Wurstelprater ein wenig langsamer vergehen als in der restlichen Welt, haben sich in den letzten Jahren auch am Prater viele Dinge verändert. Das erzählt zumindest Sammy Konkolits, der Besitzer und Betreiber des Toboggan, dem ältesten Holzrutschturm der Welt. Die weltweit erste Geisterbahn wurde am Prater übrigens im Jahr 1933 in Betrieb genommen.

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Der Toboggan im Prater wurde schon im Jahr 1913 eröffnet, Konkolits arbeitet seit mehr als zehn Jahren dort. Nachdem er im Zweiten Weltkrieg wie ein Großteil des Vergnügungsparks abgebrannt war, wurde er wieder aufgebaut und 2007 schließlich von Konkolits übernommen.

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“Früher war die Hetz halt viel größer. Heute wird alles verboten, alles muss doppelt und dreifach angeschraubt sein. Das sind natürlich Sachen, die sind notwendig – für die Sicherheit muss gesorgt sein. Aber früher hat man gelacht, wenn es jemanden wo runtergehauen hat, heute kommen sie mit dem Anwalt. Früher hat es geheißen: 'Der war zu deppert zum Rutschen, geschieht ihm recht.' Heute ist alles viel limitierter, dadurch ist natürlich der Spaß nicht mehr so groß. Aber als Kind sieht man das wahrscheinlich nochmal anders als wir heute”, erzählt Konkolits.

Die Frage nach der besten Geschichte, die er in seiner Zeit am Prater erlebt hat, winkt Konkolits übrigens lachend mit einem “Sog i ned” ab, bevor ihm doch noch eine einfällt, die er erzählen will: “Ich hab unten, wo man ankommt, die sieben Todsünden hängen, die hab ich selber gemalt. Da ist ein Achtjähriger runtergerutscht und ist rausgerannt wie der Krankl und hat geschrien ‘Ich bin bis zur Wolllust gerutscht!’. Die Leute sind quasi zusammengebrochen.”

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Selbst auf der eigenen Website des Praters steht übrigens Schwarz auf Weiß geschrieben, dass traditionsreiche Institutionen wie das Riesenrad oder auch die Lilliputbahn niemals ihren Reiz verlieren werden – egal, wie sich die Bedürfnisse der BesucherInnen im Laufe der Zeit auch ändern mögen: “Klapprige Geisterbahnen und funkelnde Grottenbahnen, obwohl verstaubt, werden sich nicht aus dem Prater drängen lassen.”  Damit ist es wohl amtlich: Obwohl beim Spaziergang durch den Wurstelprater alles blinkt, obwohl sich alles dreht und verschiedene Pop-Banger aus allen Richtungen die Ohren beschallen, ist der Prater ein Zufluchtsort für alle unter uns, denen es im restlichen Leben oft ein bisschen zu schnell geht. Und das ist ein ziemlich tröstlicher Gedanke.

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