Marc Weber

Warum Favoriten besser ist als sein Image

Der zehnte Wiener Gemeindebezirk wird oft negativ dargestellt. Wir haben mit Menschen, die in Favoriten leben, über das Image dieses Stadtteils gesprochen.

Es ist noch früh am Morgen im zehnten Bezirk und die Menschen strömen bei der U-Bahn-Station Reumannplatz wie Schwarmfische zum Bahnsteig der U1. Der Juni zeigt sich an diesem Tag von seiner warmen Seite und so suchen viele Menschen Abkühlung im Park zwischen dem Eissalon Tichy und dem Amalienbad. PensionistInnen sitzen auf den Bänken oder in den Schanigärten der Straßencafés und plaudern über Gott und die Welt, Mütter schieben ihre Kinder in den Kinderwägen und die ersten Geschäfte öffnen ihre Pforten. Hier sucht man vergeblich nach noblen Restaurants und edlen Geschäften wie Hermès oder Gucci. Stattdessen lockt Favoriten mit einem eigenen Konsumcharakter.

Ein Beispiel: Statt der hipsterigen (und teuren) Rauch Juice Bar gibt es hier Kenny’s World of Juices, das preiswert ist, aber – wenn man den Bewertungen auf Google, Lieferservice und Facebook glauben kann – mindestens genauso gut schmeckt. Favoriten ist ein selbstbewusster Bezirk, der sich selbst gut kennt. Mit über 200.000 Menschen ist er der einwohnerstärkste Bezirk Wiens. Laut der MA 23 für Wirtschaft, Arbeit und Statistik waren im Vorjahr 47,8 Prozent der Bevölkerung Favoritens "ausländischer Herkunft". Er gilt als traditioneller ArbeiterInnen- und damit auch Einwandererbezirk. Er ist ein Bezirk, in dem man verschiedene Sprachen hören, unterschiedlichen Menschen begegnen und sich von den köstlichen Düften, die aus den vielen Restaurants verbreitet werden, betören lassen kann.

Bei aller Romantik muss auch gesagt werden, dass er sich dadurch nicht sonderlich von den restlichen 22 Wiener Bezirken abhebt. Einzig in der Berichterstattung fällt der Stadtteil auf, weil er regelmäßig die Chronik-Seiten füllt. Am 21. Juni kam es in Wien-Favoriten beispielsweise zu einem polizeilichen Großeinsatz, als Männer in der Triester Straße mit einer Schreckschusspistole aus einem Fahrzeug geschossen haben. Über Messerattacken und Raubüberfälle wird ebenso ausführlich geschrieben, besonders, wenn sich mit dem Migrationshintergrund der TäterInnen Schlagzeilen machen lassen. Es macht in der Hinsicht also Sinn, dass Menschen ein negatives Bild von Favoriten haben. Wir haben uns diesen Stadtteil genauer angesehen, weil klar ist, dass dieser Bezirk mehr zu bieten hat als Angst.

Kultur des Zusammenlebens

"Ich bin stolz, hier aufgewachsen zu sein. Die Ängste und Vorurteile gegenüber dem zehnten Bezirk verstehe ich nicht ganz, weil sie oft nicht stimmen", sagt Hiba Khelifi, Studentin der Politikwissenschaft. Man läuft zum Beispiel nicht Gefahr, an jeder Ecke abgestochen zu werden, weiß Khelifi aus Erfahrung. Seit über zehn Jahren lebt sie in Favoriten und hat hier den Großteil ihrer Kindheit verbracht. Ihrer Meinung nach seien die Medien großteils am schlechten Ruf des Bezirks schuld. "Man fokussiert sich auf die negativen Aspekte, die es auch gibt, aber nicht in der Fülle, wie sie medial thematisiert werden", meint Khelifi.

Sie verbindet mit Favoriten primär Positives. Man käme in Favoriten schnell mit den Menschen ins Gespräch und lerne hier auch andere Kulturen kennen. "Der Bezirk ist riesig und hat einige Parks, in denen ich als Kind sehr viel gespielt habe, somit bin ich sehr früh mit Kindern unterschiedlicher Herkunft zusammengekommen", so Khelifi im Gespräch mit k.at. Für sie wird in Favoriten eine Kultur des Zusammenlebens gelebt. Sie zum Beispiel hat österreichische, türkische und mazedonische NachbarInnen, mit denen sie einen lockeren Umgang pflegt. Favoriten ist aber klarerweise keine Utopie. Es kommt zu Streit, Mord, Diebstahl und Brandstiftung – wie in jedem anderen Bezirk auch. Und doch scheint die Angst vor Favoriten am höchsten zu sein. 

Sich selbst ein Bild machen

Laut Kriminalitätsstatistik des Bundesministeriums für Inneres ergibt sich für die Anzahl der Anzeigen in Wien ein Durchschnittswert von etwa 9.400 pro Bezirk und pro Jahr. Bezirke, die über diesem Durchschnitt liegen, sind die Innere Stadt, Leopoldstadt und Favoriten. Der Mythos, der zehnte Bezirk sei der kriminellste Fleck Wiens, stimmt somit nicht ganz. Die Angst ist also subjektiv – und wird vor allem durch die Boulevardberichterstattung immer wieder befeuert.

"Als ich in den zehnten Bezirk gezogen bin, hatte ich einige Vorbehalte, dass es hier beispielsweise gefährlicher sei als in anderen Stadtteilen. Im Nachhinein kann ich diese aber selbst nicht mehr nachvollziehen", sagt der IT-Techniker Patrick Smetazko, der seit 2015 im Sonnwendviertel lebt. Zuvor waren Wieden und Margareten seine Heimatbezirke. "Man muss wohl selbst mal hier gelebt haben, um zu sehen, dass es in Favoriten nicht sonderlich gefährlicher ist als anderswo", erzählt Smetazko. Er schätzt das gemeinschaftliche Gefühl in Favoriten. "Es klingt wie ein Klischee, aber die Vielfältigkeit hier ist super. Beispielsweise kann man beim Einkaufen zwischen den gängigen Supermärkten und den Lebensmittelgeschäften mit Spezialitäten aus anderen Ländern wählen", sagt Smetazko. Die Diversität würde sich auch in der Gastronomie widerspiegeln: "In Favoriten gibt es vom Heurigen, dem klassischem Wirtshaus bis hin zum türkischen Café einfach alles." Er habe sich in Favoriten immer sicher gefühlt und habe in den letzten fünf Jahren nie etwas Bedrohliches erlebt. Das schlechte Image von Favoriten scheint ungerechtfertigt.

2015 wurde der neue Hauptbahnhof fertiggestellt.

Marc Weber

Ausbaufähige Kapazitäten

Der Bezirk erstreckt sich vom Schloss Belvedere über das Erholungsgebiet Wienerberg bis nach Oberlaa – ein Stadtteil, der seit 2017 per U-Bahn erreichbar ist. Kurzum: Favoriten ist groß und im Gegensatz zur Inneren Stadt oder Neubau hat es Kapazitäten, noch mehr bebaut zu werden. Mit dem Hauptbahnhof, dem FH Campus Wien und den Wohnprojekten Sonnwendviertel und Oberlaa bekommt der Bezirk ein neues Flair. Durch günstigere Mieten, eine gute Infrastruktur und Weiterbildungsmöglichkeiten wird Favoriten immer beliebter bei Jungfamilien und StudentInnen. Die Webseite findmyhome.at hat die Suchanfragen von über 9,5 Millionen angeklickten Immobilien auf ihrer Immobilienplattform analysiert und ist zum Schluss gekommen, dass Favoriten im Vorjahr der beliebteste Bezirk bei der Wiener Bevölkerung war. "Durch die verschiedenen Projekte wird die Bevölkerung durchmischt. Mittlerweile kann man in Favoriten auch Hipster antreffen, die vor einigen Jahren hier nicht unterwegs waren", lacht Khelifi. Menschen aus anderen Bezirken kämen nach Favoriten – beispielsweise zum Entspannen oder Einkaufen. "Am Viktor-Adler-Markt kann man beispielsweise sehr günstig einkaufen", erzählt Hiba Khelifi. Aber auch für FreundInnen der Kunst gibt es Angebote in Favoriten.

Ein Kultur-Mekka für Favoriten

2015 wurde nach sechs Jahren Bauzeit das Anker-Areal als Zentrum für Kunst und Kultur in Favoriten eröffnet. Es hat sich seitdem als Kulturareal etabliert. Das revitalisierte Gelände bietet auf rund 17.000 Quadratmetern Platz für multifunktionale Hallen, Ateliers, Galerien, Schauräume, Büros, Lofts, Shops und Gastronomieeinrichtungen. Auch EinwohnerInnen aus anderen Bezirken pilgern hier her, wenn die Wiener Festwochen oder der Edelstoff Markt zu Gast sind.

"Es ist ein Begegnungsort für Menschen, die sich sonst vielleicht nicht kennenlernen würden", sagt Julia Danzinger, Obfrau des Vereins Brotfabrik Wien. Danzinger ist auch Koordinatorin für das Objekt 19, wo die Caritas Beschäftigung für langzeitarbeitslose Menschen bietet. Hier werden unter anderem sozial-integrative Projekte abgehalten, die überwiegend auf den Stadtteil fokussiert sind. Durch das gemeinsame Kochen und Essen beim Community Cooking oder beim Tanzprojekt "Tanz die Toleranz" sollen sich EinwohnerInnen auf gleicher Augenhöhe begegnen. "Die Stadt erfindet sich durch Grätzeln und Initiativen neu. Mit der Stärkung der Außenbezirke wird den BewohnerInnen eine Sichtbarkeit geboten, sowie das Angebot Kunst zu erleben, Bildung zu erfahren und den Horizont zu erweitern", sagt Julia Danzinger. Durch das Sonnwendviertel hätte sich eine facettenreiche Mischung aus "Alt- und Neu-FavoritnerInnen" und Menschen aus anderen Bezirken ergeben. "In Städten sind die Grätzelbildungen wichtig, um sich zu begegnen und ein positives, intensives Lebensgefühl zu erfahren", erzählt Danzinger.

Lebenswert, lebendig, (noch) preiswert, voller Kultur. Wie es aussieht, sind das auch Attribute, die auf den Zehnten zutreffen, aber nicht oft (genug) betont werden. "Die meisten Leute haben nicht wirklich eine Ahnung von diesem Stadtteil, weil sie nur die Oberfläche berühren, aber nicht in den Zehnten hineingehen", sagt Hiba Khelifi. Für sie bedeutet Favoriten zu Hause, für sie ist der Bezirk ein Ort, an dem sie sich sicher fühlt. "Wenn ich von der Uni nach Hause fahre, dann lockert sich bei mir alles auf, ich atme erst hier auf", erzählt die Studentin. Ihre Empfehlung an alle, die sich zum ersten Mal nach Favoriten trauen wollen, oder den Bezirk zu selten besuchen und ExpertInnenmeinungen suchen: Das Restaurant Köy in der Quellenstraße – mit türkischen Spezialitäten.  

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