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Lil Nas X ist der queere Popstar, den die Welt braucht

Das Musikvideo zu "MONTERO (Call Me By Your Name)" sorgt weltweit für Aufsehen – unter anderem für seine schamlose Queerness.

Das Coming-out von Lil Nas X war 2019 ein mutiger Schritt. Im männerdominierten Rap-Genre ist Homophobie nach wie vor weit verbreitet – als aufstrebender Rapper, der mit "Old Town Road" gerade einen Welthit landete und sich einer überwiegend männlichen, heterosexuellen Fan-Gemeinde erfreute, lief er Gefahr, sich damit seine Karriere zu verbauen, bevor sie überhaupt richtig losging.

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Viel mutiger als sein Coming-out ist jedoch das, was Lil Nas X jetzt macht: Er könnte nämlich genauso gut weiterhin massentaugliche Songs und Videos à la "Old Town Road" abliefern, er könnte seine Queerness nicht weiter thematisieren und damit all jene Menschen zufrieden stellen, die gerne mal behaupten, sie hätten ja nichts gegen Schwule, solange diese ihre Sexualität nicht nach außen tragen. Er könnte es diesen Menschen recht machen – und macht das Gegenteil davon.

Seine lang erwartete neue Single "MONTERO (Call Me By Your Name)" trägt seinen bürgerlichen Namen im Titel – und ist ungefähr so explizit, wie ein Song über eine sexuelle Affäre sein kann. Das ist an sich nichts Neues – aus der Perspektive eines schwulen Mannes aber eben schon.

Heutzutage gibt es eigentlich mehr offen queere Popstars denn je – die eigene Sexualität dabei so schamlos und energisch zu vermitteln, wie es etwa Cardi B oder Meghan Thee Stallion schaffen, macht allerdings niemand so wirklich. Im Gegenteil: Sam Smith etwa verzichtet in Songtexten meist gänzlich auf Pronomen – auf diese Weise wird nicht eindeutig, worüber gesungen wird. (Erst nachdem das Album "In The Lonely Hour" zum Welterfolg wurde, offenbarte Smith, dass die darauf enthaltenen Songs von einem Mann handeln.)

Keine falsche Scham im Musikvideo

Lil Nas X lässt in "MONTERO (Call Me By Your Name)" hingegen nichts offen. "Ich möchte ein Kind in deinen Mund schießen, während ich reite" lautet eine der Textzeilen – und auch im zugehörigen Musikvideo gibt der Rapper ordentlich Gas: Er spielt bewusst mit biblischen Referenzen und inszeniert sich zunächst als Adam im Garten Eden, der verführt, verurteilt und gesteinigt wird. Als er in den Himmel auffährt, rutscht er entlang einer Strip-Stange direkt in die Hölle, wo er Satan höchstpersönlich mit einem Lapdance umgarnt und ihm abschließend das Genickt bricht. 

Zum Release des Songs und des zugehörigen Videos teilte Lil Nas X einen emotionalen Brief auf seinem Instagram-Kanal, den er an sein 14-jähriges Ich adressierte.

"Lieber 14-jähriger Montero, ich habe einen Song mit unserem Namen darin geschrieben. Er handelt von einem Typen, den ich letzten Sommer kennengelernt habe. Ich weiß, wir haben versprochen, niemals ein öffentliches Coming-out zu haben, ich weiß, wir haben versprochen, niemals 'diese' Art von schwul zu sein, ich weiß, wir haben versprochen, mit dem Geheimnis zu sterben. Aber das hier wird vielen anderen queeren Menschen Türen öffnen", schreibt der Rapper.

Er wisse, dass man ihm damit vorwerfen werde, eine Agenda voranzutreiben – und das entspreche auch der Wahrheit: "Die Agenda, dass Leute sich aus dem Leben anderer raushalten und ihnen nicht vorschreiben sollen, wer sie zu sein haben."

Die Reaktionen fielen wie erwartet unterschiedlich aus: Konservative ChristInnen sind vor allem wegen der Szene im Musikvideo, in der sich Lil Nas X mit dem Teufel vergnügt, jetzt schon völlig außer sich – ein Paar Turnschuhe, das der Rapper unter dem Namen "Satan Shoes" herausbringt, tut sein Übriges. (Die Sohle der Schuhe ist angeblich jeweils mit einem Tropfen Menschenblut gefüllt.)

Queere Fans hingegen feiern, dass ein Popstar wie Lil Nas X seine Homosexualität nicht nur zugibt, sondern auch hemmungslos thematisiert und darstellt. Autor Bradley Stern schreibt auf Twitter: "Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, mit einem Superstar aufzuwachsen, der diese Art von unverfroren schwuler Hunger-Games-Dämonen-Stripper-Fantasie abliefert." Dass die jüngere Generation genau das nun erlebt, sei "so verdammt cool".