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Was bosnische Kaffeekultur so besonders macht

Das koffeinhaltige Heißgetränk hat nicht nur in Wien einen hohen Stellenwert.

Man wird es den ersten Sätzen nicht anmerken, aber spätestens am Ende des Textes, nämlich dann, wenn die AutorInnenzeile sichtbar wird, wird auffallen, das mein Nachname auf -ić endet. Ich bin zwar stolze Österreicherin, geboren wurde ich aber in der wunderschönen kleinen Stadt Bihać im Norden Bosnien-Herzegowinas. Es folgt nun kein Text über Rassismus und auch nichts, das auf die Tränendrüse drücken soll. Ich will über einen betörenden gesellschaftlichen Klebstoff schreiben: den Kaffee. Einen Migrationshintergrund zu haben bedeutet nämlich nicht immer, dass man benachteiligt wird – es kann auch Vorteile haben. Man wächst oft mit mehreren Kulturen, Sprachen und Traditionen auf und sucht sich dann das Beste aus den verschiedenen Welten heraus. Das trifft auch beim Essen und Trinken zu.

Sowohl in Bosnien-Herzegowina (bzw. dem gesamten Balkan) als auch in Wien genießt der Kaffee einen besonders hohen Stellenwert. Das zeigen auch die Zahlen: Laut dem Marktforschungsunternehmen Euromonitor hat Österreich einen jährlichen Kaffeeverbrauch von etwa 5,5 Kilo pro EinwohnerIn und Bosnien 4,3 Kilo.

Wien gilt als eine europäische Hochburg der Kaffeekultur. Eine Stadt mit eigenen Kaffee-Regeln. Auch Bosnien-Herzegowina kennt eine eigene Kaffeekultur – das ist etwas, das diese zwei Länder, diese zwei Kulturen, die übrigens einst beide Teil des Habsburger Reiches waren, verbindet. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, über die bosnische Art des Kaffeetrinkens zu schreiben. Der bosnische Mokka gilt in Wien meistens als ungenießbar. Vor einigen Jahren rechnete die Wochenzeitung "Falter" mit der bosnischen Mokka-Kultur ab: "Dünn, bitter, verbrannt, keine Crema, kein Körper, eine Brühe."

In Bosnien-Herzegowina, wo das Kaffeetrinken mit Gastfreundschaft und dem Beginn einer Freundschaft in Verbindung gebracht wird, kennt man nur eine wahre Kaffeekreation, nämlich den Mokka. Eine Einladung zu einer Tasse Kaffee schlägt man nur jemandem vor, den man mag. So besagt ein altes bosnisches Sprichwort, dass man nie vom Teufel, sondern nur von einem Freund zum schwarzen Trank eingeladen wird.

Die bosnische Kaffeekultur stellt eine soziale Institution dar, die um die zwischenmenschlichen Beziehungen bemüht ist. Das Ritual ist mit Genuss oder Entspannung verbunden und erleichtert die Kommunikation. Bereits beim Servieren schickt man seinem Gegenüber Botschaften: Mit dem "Willkommenskaffee" ("dočekuša") begrüßt man Gäste, mit dem "Tratschkaffee" ("razgovoruša") wird der neuste Klatsch ausgetauscht und mit dem "sikteruša", wird man die Leute, die man nicht mag, wieder los. Letzterer wird extra dünn zubereitet, damit der Besuch durch den grässlichen Geschmack vertrieben wird. Es gibt aber noch den Kaffee den man beim Warten trinkt (sačekuša), den Kaffee, den man trinkt, wenn man einen Deal abschließt (dogovoruša) und auch den Kaffee, den man alleine genießt (osamuša). Diese kleinen Regeln rund um das Nationalgetränk der BosnierInnen ist ein integraler Bestandteil des bosnischen Brauchtums.

Im Leben der Menschen des Balkans hat der Kaffee eine unersetzbare Rolle eingenommen. Das Mahlen, Rösten und Servieren haben hier eine jahrhundertelange Tradition. Der fein gemahlene Kaffee wird in die zuvor erhitzte "džezva" (Kaffeekanne aus Kupfer) mit einem Teelöffel beigemengt und mit kochendem Wasser übergossen. Es wird gewartet, bis der schäumende Kaffee bis zur Kante der Kannen ankommt. Man lässt den Kaffee kurz ziehen und füllt ihn dann in "fildžan", kleine Mokkatassen. Im Gegensatz zum türkischen Kaffee, der auch anders zubereitet wird, serviert man den bosnischen Kaffee mit Zucker und Milch, jedoch getrennt, da ihn die Menschen auf verschiedene Varianten trinken.

Viele meiner FreundInnen mögen den Geschmack von bosnischem Kaffee nicht. Etwas, das für mich nicht nachvollziehbar ist. Seit meinen Kindheitstagen gab es bei meiner Oma ein Häferl mit Milch und einem Teelöffel Kaffee. Ich bin mit dem Duft und dem Aroma der Arabica-Bohnen aufgewachsen. Was für manche eine hastige Koffein-Einnahme ist, um schnell wieder nüchtern oder wach zu werden, sind für mich meine fünf Minuten Auszeit. Der Stress und die Herausforderungen des Alltags verschwinden zwar nicht, aber sie werden erträglicher und manchmal sogar annehmbar, wenn man sie mit anderen teilt. Deshalb trinke ich Kaffee in der Arbeit auch ungern alleine und freue mich jedes Mal, wenn meine KollegInnen meine Einladung zum Kaffee annehmen. Wir trinken dann aber Melange oder Cappuccino – wie gesagt, eine stolze Österreicherin, die das Beste aus beiden Welten genießt.

Wo ihr in Wien einen guten Mokka bekommt:

Merak, Mariahilfer Str. 139, 1150 Wien

Pitawerk, Mariahilfer Str. 147, 1150 Wien

Café Berfin, Siebensterngasse 46, 1070 Wien

Café Landtmann, Universitätsring 4, 1010 Wien 

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