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So schwer ist es für MigrantInnen, mit ausländischem Namen eine Wohnung in Wien zu finden

Bei der Wohnungssuche haben nicht alle die gleichen Chancen – Menschen mit ausländischen Namen erleben oft Diskriminierung.

Jede und jeder, der schon mal in Wien eine Wohnung suchen musste, weiß, dass es eine Herausforderung sein kann, die perfekten vier Wände zu einem leistbaren Preis zu finden. Die Suche kann auch mal mehrere Wochen dauern: Mal ist die Wohnung zu teuer, zu klein oder zu marode. Es kann auch passieren, dass die Wohnung passt, und man sich bewirbt, die Wohnung aber nicht bekommt.

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Was, wenn sich dieser Kreis ungewöhnlich oft wiederholt? Ab welchem Zeitpunkt beginnt man zu glauben, dass man nicht einfach nur Pech hat? Für Tülay* kam die Erkenntnis schleichend. Sie interessierte sich für eine Wohnung, die ihren Kriterien entsprach, konnte aber keinen Besichtigungstermin bekommen. Die Maklerin erzählte ihr, sie sei krank und könne sich daher nicht mit ihr treffen. Tülay hätte das fast geglaubt – aber dann kam der Moment des Zweifelns. Tülay bat deshalb ihre österreichische Arbeitskollegin, die Maklerin anzurufen.

Die Kollegin bekam sofort einen Termin – von gesundheitlichen Beschwerden sei keine Rede gewesen. "Ich kann gar nicht beschreiben, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe", so Tülay gegenüber k.at. Mit dem Handy der Kollegin rief sie die Maklerin erneut an, um sie auf ihre Dreistigkeit anzusprechen. "Sie ist nur wütend geworden, hat mich beschimpft und mir gesagt, dass die Aktion hinterhältig sei", sagt Tülay. 

Tülays Geschichte ist leider kein Einzelfall. Auf einen Social-Media-Aufruf für diesen Artikel meldeten sich innerhalb kürzester Zeit zehn Menschen, die ihre Geschichten erzählen wollten. Dabei handelt es sich um Personen, die in Österreich geboren oder aufgewachsen sind, über eine höhere Ausbildung verfügen und hier ihren Lebensmittelpunkt haben. Alleine der Name unterscheidet sie von den sogenannten autochthonen ÖstereicherInnen – und genau das ist ein entscheidender Faktor für die Absagen, die sie einkassiert haben.

Auch Fatma* musste bei ihrer Suche auf alternative Lösungen setzen. Für eine 50 Quadratmeter große Wohnung verhandelte sie zuerst mit dem Vermittler, um überhaupt für einen Besichtigungstermin in Frage zu kommen. Nachdem er einwilligte, wollte auch die Inhaberin der Immobilie beim Termin anwesend sein. "Als sie mein Kopftuch gesehen hat, hat sie mich von oben bis unten angeschaut und mit dem Makler mein Aussehen kommentiert", so Fatma, die als Lehrerin in Wien arbeitet. Sie habe versucht der Inhaberin zu erklären, dass sie in Österreich aufgewachsen sei und hier studiert habe. Die Wohnung bekam sie trotzdem nicht. Mindestens ein Jahr dauerte die Suche, bis Fatma schließlich eine Gewerkschaftswohnung erhielt. "Wäre ich nicht bei der Gewerkschaft, würde ich vermutlich auf der Straße leben müssen", so Fatma.

Der Name entscheidet

In Österreich ist es verboten, Menschen aufgrund des Geschlechts und der ethnischen Zugehörigkeit zu benachteiligen. Das gilt selbstverständlich auch für die Wohnungssuche. Und dennoch kommt es zu Diskriminierung, die sich nur schwer nachweisen lässt. Studien, die belegen, dass Personen mit Migrationshintergrund bei der Wohnungssuche diskriminiert werden, gibt es kaum. In Deutschland führten beispielsweise der "Spiegel" und der "Bayrische Rundfunk" ein Experiment mit fiktiven Testpersonen durch. Auf insgesamt 20.000 verschickte Anfragen auf Online-Angebote kamen 8000 Antworten zurück. Das Ergebnis: Menschen mit ausländischen Namen werden am Wohnungsmarkt deutlich mehr diskriminiert. Besonders betroffen sind jene, die einen türkischen oder arabischen Namen tragen. In jedem vierten Fall, in dem eine Person mit einem deutschen Namen eine Einladung zu einem Besichtigungstermin bekommen hat, wurden AraberInnen und TürkInnen ignoriert. Dass eine Untersuchung in Österreich ähnliche Ergebnisse hervorbringen würde, scheint naheliegend.

Hierzulande wird die Diskriminierung bei der Wohnungssuche vom Verein ZARA im Rassismusreport 2018 erfasst. ZARA verzeichnete 2018 insgesamt 71 rassistische Fälle im Bereich Wohnen und Nachbarschaft. "Wenn Meldungen bei uns eingehen, werden diese zunächst dokumentiert und gegebenenfalls Entlastungs- oder Stärkungsgespräche mit den Betroffenen geführt", so Vanessa Spanbauer von ZARA auf Nachfrage. Es werden zudem rechtliche Schritte besprochen und auch bei der jeweiligen Hausverwaltung interveniert. Niemand kann genau sagen, wie hoch die Dunkelziffer ist. Während der Recherche meldeten sich mehrere Personen, die zwar erzählen, aber nicht zitiert werden wollten – aus Angst, noch mehr Benachteiligungen bei der zukünftigen Wohnungssuche zu erleben. 

Auch Karim* erzählt, dass er aufgrund seines Namens keine Termine bekam. "Die Gespräche am Telefon verliefen meistens ganz gewöhnlich – bis ich dann meinen Namen sagen musste", erzählt er. Karim wurde in Wien geboren und stammt aus einer interkulturellen Ehe, seine Mutter ist Österreicherin, sein Vater Ägypter. Er spricht einwandfreies Deutsch, aber das liegt auf der Hand. Es war kränkend für ihn, dass einige MaklerInnen seine "guten Sprachkenntnisse" gelobt haben. "Sie sagten zwar alle, dass sie sich bei mir melden werden, zur Besichtigung wurde ich dann aber nie eingeladen", sagt Karim und man merkt, dass ihn das auch irritiert hat. Karim beschloss von da an, die Anfragen vom E-Mail-Account seiner Freundin, die einen österreichischen Nachnamen trägt, zu versenden. "Es lief dann alles wie am Schnürchen. Ich hatte die erste Hürde geschafft und wenn mich dann die Leute persönlich kenngelernt haben, war der Rest kein Problem", so Karim.

Doch nicht so international

Karim musste – wie so viele ander auch – tricksen, um das zu bekommen, was für viele andere eine Selbstverständlichkeit ist: eine faire Chance. Um zu verdeutlichen, was für eine große Rolle Vorurteile bei der Wohnungssuche spielen, sei noch das Beispiel von Ali* erwähnt. Er ist Unternehmer, hat ein Doktorat in Management und kann sich Komfort leisten, also wollte er eine Wohnung im Ersten Bezirk finden – und auch er hatte Probleme. Dabei hat die Innere Stadt mit 36 Prozent einen höheren MigrantInnenanteil als der flächenmäßig größte Bezirk Wiens, nämlich die Donaustadt.

Gelebte Diversität herrscht hier dennoch nicht – vor allem nicht bei der Immobiliensuche. "Ich habe eine Wohnung gesucht, die sich in der Nähe meines Büros befindet. Online habe ich eine Anzeige entdeckt und die Maklerin sofort kontaktiert", erzählt Ali. Es wurde ein Besichtigungstermin am darauffolgenden Tag um 17 Uhr angesetzt. "In der Früh rief mich die Maklerin an, um mir zu sagen, dass die Wohnung bereits vergeben wurde, jemand anderer sei schneller gewesen", so Ali. Zehn Tage später entdeckte er die gleiche Anzeige wieder. "Ich fragte meinen österreichischen Arbeitskollegen, ob er für mich anrufen könnte. Die Wohnung war für ihn dann doch zu haben und er bekam auch am gleichen Tag einen Besichtigungstermin", sagt Ali. Er sei persönlich zum Termin hingegangen, um die Maklerin zur Rede zu stellen. "Sie wollte nicht darauf eingehen und meinte nur, dass sie wegen mir umsonst in den Ersten fahren musste. Es gab keine Entschuldigung", so Ali. Obwohl er bei den Anzeigen immer seinen akademischen Titel angegeben habe, akzentfreies Deutsch spreche und die nötigen finanziellen Mittel aufbrachte, konnte er durch private Inserate keine Wohnung finden.

Es geht also nicht darum, ob man arm oder reich ist, studiert oder abgebrochen hat oder ob man Deutsch kann, sondern nur darum, wie man heißt. Das ist entmenschlichend. Karim, Tülay, Fatma und Ali sind nur vier Fälle – aber sie stehen stellvertretend für all jene Menschen, die täglich das Gleiche durchleben müssen. Niemand sagt, dass WohnungsbesitzerInnen nicht entscheiden dürfen, wem sie ihre Immobilie vermieten oder verkaufen sollen. Sie sollen aber erst dann entscheiden, wenn sie mit der Person gesprochen und sie kennengelernt haben. Nur dann schaffen wir Fairness. Und wenn es eine Stadt schaffen kann, dann Wien.

(Die Namen wurden von der Redaktion geändert.)

Wenn auch du Erfahrungen mit Rassismus oder Diskriminierung machst, dann wende dich an den Verein ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit.