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Weltfrauentag: So nutzen Unternehmen Influencerinnen aus

Wir haben mit vier Influencerinnen über Gratis-Kooperationen und faire Bezahlung von Social-Media-Content gesprochen.

InfluencerInnen dominieren unsere Social-Media-Kanäle und füllen unsere Feeds mit kreativem Content. Dass hinter den Postings, Storys und IGTV-Videos viel Arbeit steckt, ist nicht nur für manche UserInnen, sondern auch für Unternehmen meist nicht greifbar. Firmen möchten häufig Gratis-Kooperationen mit InfluencerInnen eingehen, um ihre Produkte ohne Kosten bewerben zu lassen, was vor allem angesichts des Frauentags makaber erscheint.

Sogar am Weltfrauentag wurden einigen weiblichen Content Creators Gratis-Kooperationen "angeboten". Eine "Quotenfrau" am internationalen Frauentag für mehr Umsatz? Das lassen sich viele Influencerinnen nicht gefallen. Denn sie wissen: Ihre Arbeit hat einen Wert. 

Wir haben mit vier Influencerinnen über ihre Erfahrung mit Kooperationen dieser Art gesprochen, wir haben sie gefragt, wie oft sie solche Angebote bekommen und welche Botschaft Unternehmen am Weltfrauentag wirklich verbreiten sollten.

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Gender-Pay-Gap bei InfluencerInnen 

Nicht nur in herkömmlichen Berufen verdienen Frauen meist weniger als Männer. Auch im Social-Media-Business sind Frauen benachteiligt und kämpfen mit dem Gender Pay Gap (geschlechterspezifischer Lohnunterschied). Eine Studie der Influencer-Analytics-Firma Hype mit 1.600 TeilnehmerInnen aus 40 Ländern zeigt, dass weibliche Instagramerinnen weniger verdienen als ihre männlichen Mitstreiter. 

  • Durchschnittlich verdienen Influencer 1.411 US-Dollar (circa 1184 Euro) pro Posting.
  • Influencerinnen werden mit 1.315 US-Dollar (circa 1.103 Euro) pro Posting um sieben Prozent weniger bezahlt. 
  • InfluencerInnen mit über 10.000 AbonenntInnen verzeichnen einen noch größeren Abstand: Postings von Männern werden mit 2.643 US-Dollar (circa 2.218 Euro) entlohnt, Posts von Frauen mit 2.420 US-Dollar (circa 2030 Euro).

Bei Instagram-Storys wird die geschlechterspezifische Bezahlung sogar noch deutlicher: 

  • Frauen verdienen mit 633 US-Dollar (circa 533 Euro) pro Story um 27 Prozent weniger als Männer (809 US-Dollar/circa 678 Euro).
  • Bei Mittelstufen-InfluencerInnen, die zwischen 20.000 und 100.000 FollowerInnen haben, verdienen Männer sogar 92 Prozent mehr. Sie bekommen 408 US-Dollar (342 Euro) pro Story, Frauen werden nur mit 212 US-Dollar (177 Euro) entlohnt.

Dreiste Anfragen sind keine Seltenheit

Wie Nunu Kaller (@nunu.kaller) gegenüber k.at erzählt, bekommt die Autorin monatlich durchschnittlich drei bis vier Kooperationsanfragen auf Instagram: "Die meisten nehme ich nicht an, weil ich da relativ streng bin." Dass diese Anfragen besonders dreist sein können, hat sie im September 2020 auf Facebook geschildert.

Ein Unternehmen schrieb die Bloggerin an und schlug vor, dass sie ihre Produkte verwenden und bewerben darf – natürlich ganz ohne zusätzliche Kosten für Kaller. Daran, dass die Umwelt-Aktivistin für die Werbung entlohnt werden sollte, wurde nicht gedacht. 

"Es ist mehr als nur kurz ein Foto machen"

Influencerin Julia (@trinksaufmich) hat über 20.000 FollowerInnen auf Instagram. Auf ihrem Profil beschäftigt sie sich hauptsächlich mit Feminismus, Selbstliebe und Veganismus. Fast täglich bekommt Julia verschiedene Kooperationsanfragen: "Seit Kurzem habe ich eine Managerin, die mir bei der Betreuung von Mails und Kooperationen im Allgemeinen hilft, weil ich mich eben nicht mehr unter meinem Wert verkaufen möchte und realisiert habe, was für dreiste Firmen es gibt", erklärt die Influencerin.

Sie lehne Gratis-Kooperationen nicht zwingend ab und hat auch in der Vergangenheit öfter ohne Bezahlung Werbung gemacht – besonders wenn Firmen ethische und moralische Werte vermitteln, die sie gut fand. 

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Mittlerweile arbeitet Julia nur mehr in Ausnahmefällen ohne Bezahlung, zum Beispiel wenn FreundInnen ein Unternehmen gründen und sie dieses unterstützen will. "Firmen, die mir erklären, sie wollen faire Bezahlung für ihre MitarbeiterInnen, sollten auch mich fair entlohnen für das, was ich tue", erklärt die Influencerin weiter.

"Es ist nämlich mehr als nur kurz ein Foto machen. Ich muss mich mit den Produkten und dem Unternehmen auseinandersetzen, brauche gutes Licht und muss mir überlegen, was ich sagen will. Danach beantworte ich etliche Nachrichten von FollowerInnen. Das alles nimmt Zeit in Anspruch, für die ich auch gerne bezahlt werde."

Julia ist der Meinung, dass man den Weltfrauentag als "feministischen Kampftag" sehen sollte, an dem Menschen für die Gleichstellung aller Geschlechter kämpfen. Sie appelliert vor allem an Unternehmen, in ihre Führungspositionen zu blicken und konkrete Lösungsansätze für Branchen zu finden, in denen Frauen und weiblich gelesene Personen immer noch benachteiligt sind. 

"Wir wollen und werden uns nicht damit zufriedengeben, dass Firmen diesen Tag nutzen, um durch eine Quotenfrau darauf aufmerksam zu machen, wie toll sie sind, weil sie sich am 8. März für die Gleichberechtigung einsetzen. Das sollte das ganze Jahr über so sein. Denn würden sich alle immer so für Frauen und weiblich gelesene Personen einsetzen, würde es Tage wie den 8. März gar nicht mehr benötigen und das sollte das Ziel sein", fasst @trinksaufmich zusammen. 

"Was wir brauchen, is a Seat at the Table"

Bloggerin Christl Clear (@iamchristlclear) hat über 32.700 AbonenntInnen auf Instagram und bloggt über Themen wie Mode, Lifestyle, Beauty und Feminismus. Die Influencerin erzählt, dass sie immer wieder solche Anfragen bekommt: "Manchmal versuchen die Firmen einen auch damit zu locken, dass sich daraus eine langfristige Kooperation ergeben könnte." Die Unternehmen wollen jedoch prüfen, wie man sich macht. So veröffentlichen InfluencerInnen Storys sowie Postings, die sie anschließend zur Freigabe schicken, um ein Produkt zugeschickt zu bekommen.

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Laut Clear sei das besonders bei großen Konzernen ärgerlich, weil diese am Anfang jedes Geschäftsjahres Werbebudget kalkulieren. Sie würden jedoch "die Arbeit von Influencerinnen so wenig ernst nehmen, dass sie sie nicht bezahlen, aber deren Plattformen nutzen möchten", sagt Christl.

Das war anfangs noch nicht so, Christl nahm Gratis-Kooperationen an, weil sie in der Branche Fuß fassen wollte, wie sie erzählt: "Mittlerweile habe ich mich weiter entwickelt, mir ein anderes Standing erarbeitet und natürlich auch realisiert, dass Misogynie beim Thema Gehälter keinen Halt macht."

Für den Weltfrauentag wünscht sie sich vor allem, dass Unternehmen über Themen wie mangelnde Diversität, Gleichberechtigung, Unterbezahlung, Mutterschutz, den Mangel an weiblichen und weiblich gelesenen Führungskräften sowie Body-Neutrality berichten.

Zudem würde sie es gut finden, wenn man MitarbeiterInnen in den Unternehmen zu diesen Themen anonym befragt. 

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Das wäre für Christl viel wichtiger, als Produkte zu bewerben und zu verkaufen, die unter "pseudo-nachhaltigen Bedingungen" produziert werden und dazu dienen, Frauen angeblich schöner, schlanker oder jünger wirken zu lassen.

"Was wir brauchen 'is a Seat at the Table' und weniger weiße alte CIS-Männer an der Spitze, die keine Ahnung haben, was Frauen den ganzen Tag leisten", fasst Clear zusammen.

"Meine Arbeit hat einen Wert"

Jaqueline Scheiber (@minusgold) hat auf ihrem Kanal schon in der Vergangenheit über Gratis-Kooperationen gesprochen, die ein gängiges Modell in der Social-Media-Branche sind. Durchschnittlich bekommt die Kolumnistin und Buchautorin mit 37.000 AbonenntInnen knapp vier bis sechs Anfragen dieser Art im Monat.

Doch auch Provisionsmodelle werden immer häufiger angeboten, dabei gibt es für den Aufwand und die Werbefläche keine Vergütung, dafür eine Beteiligung an den Verkäufen der beworbenen Produkte. Scheiber sieht das jedoch kritisch, wie sie gegenüber k.at erklärt: "Weil dabei selten der tatsächliche Wert der Arbeit vergütet wird und man abhängig davon ist, ob Leute dann wirklich etwas kaufen. "

Die Sozialarbeiterin lehne in 95 Prozent der Fälle Kooperationen dieser Art ab: "Meine Arbeit hat einen Wert und auch das Vertrauen, das mir in den Jahren entgegengebracht wurde. Wenn man eine Kooperation mit mir eingeht, bezahlt man nicht nur für den Zeitaufwand, sondern auch die Erfahrung und die Reichweite, die ich mir über Jahre aufgebaut habe", erklärt Scheiber.

Die Influencerin erklärt gegenüber k.at, dass sie nicht viele Werbekooperationen eingeht – höchstens eine bis drei im Monat – diese generieren jedoch einen Teil ihres Lebensunterhaltes. "Ich leiste keine kostenlose Arbeit", erklärt Scheiber, denn meistens stecken hinter diesen Anfragen Unternehmen, "die sehr wohl SponsorInnen und InvestorInnen im Hintergrund haben."

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Eines steht für die Influencerin fest: "Nach einem Jahr Pandemie wird deutlich, dass die Verliererinnen der Pandemie vor allem Frauen und weiblich gelesene Personen sind." Denn laut der "Offenheit"-Autorin fallen vor allem im urbanen Raum Care-Arbeit, wie die Pflege von Familienangehörigen oder die Kinderbetreuung, sowie emotionale Arbeit auf Frauen zurück.

"Der internationale Frauenkampftag ist eine Erinnerung daran, dass es noch viel zu tun gibt", erklärt Minusgold. Für einen Moment blick die Welt zwar auf die Rolle der Frau, doch anstatt "starke Frauen" zu zelebrieren und die durch die Gesellschaft konstruierte "Weiblichkeit" in den Vordergrund zu heben, sollten laut Scheiber Forderungen zur Gleichberechtigung hochgehalten werden. 

"Dass sich das Ungleichgewicht auch in Sozialen Medien und Kooperationen – in einem Beruf, der zu einem Großteil von Frauen ausgeführt wird – widerspiegelt, ist wenig verwunderlich, aber in Verbindung mit dem 8.März besonders erschütternd", fasst die Influencerin zusammen.